Bielefeld. Der Skandal um illegal erworbene Doktortitel zieht immer größere Kreise und erschüttert den Wissenschaftsbetrieb. Ein Privatdozent aus Sachsen, der an einer Universität in OWL lehrt und vorerst öffentlich nicht mit Namen genannt werden möchte, schilderte der Neuen Westfälischen erschütternde Details. Sie zeigen, dass die Korruption beim Erwerb von Doktortiteln offenbar weit über das bislang bekannte Maß hinausgeht.
Wie berichtet, ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln gegen etwa hundert Professoren aus ganz Deutschland. Sie sollen vom "Institut für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach jahrelang Schmiergeld für die Betreuung von Doktoranden erhalten haben. Einige Professoren haben sich bereits für schuldig erklärt und Geldstrafen bezahlt.
Ein in Dresden ansässiges Institut hat möglicherweise ähnlich gearbeitet wie das in Bergisch Gladbach. Diesen Verdacht legt die Schilderung des Professors Martin S. (Name geändert) nah, der heute in OWL tätig ist. Als Privatdozent an der Uni Dresden habe er 2008 eine E-Mail von einer Hochschullehrerin der Universität Ostrava (Tschechien) erhalten. Die Kollegin habe ihn gefragt, ob er in Promotionsverfahren die Zweitbetreuung von Doktoranden aus Deutschland übernehmen wolle, und dafür 2.000 Euro pro Kandidat in Aussicht gestellt.
Die tschechische Kollegin habe erläutert, dass sie Doktortitel an Kandidaten aus Deutschland verleihe und dafür Geld von einem Beratungsinstitut aus Dresden erhalte. Die Doktoranden seien zumeist Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler, die im Berufsleben stünden und wenig Zeit für eine Promotion hätten. Für den Titel würden sie zwischen 20.000 und 25.000 Euro an das Dresdner Institut bezahlen. Das Vorgehen habe viele Parallelen zum Kölner Ermittlungsverfahren, meint Professor S. Er selbst habe das kriminelle Angebot abgelehnt.
Professoren in Osteuropa verdienten wenig Geld, sagte S. Deshalb seien sie womöglich für den Titelhandel eher zu haben. Doktoranden aus Deutschland könnten Titel, die sie etwa in Tschechien erwerben, legal führen. Solange sie nicht an Hochschulen arbeiten, frage niemand nach Hintergründen. Ein Sprecher des Dresdner Instituts bestätigte, dass eine Kooperation mit mehreren osteuropäischen Hochschulen besteht. "Zahlungen an einzelne Professoren finden aber nicht
statt", betonte er. Diese Aussage hält der Münchner Wirtschaftswissenschaftler Manuel René Theisen nicht für glaubhaft: "Wer 25.000 Euro zahlt, kauft einen Titel." Theisen fordert nun konsequenteres Einschreiten der Justiz.
Im Zuge der Enthüllungen ist die Promotion des Vorstehers des Landesverbandes Lippe, Andreas Kasper (34), erneut zum Thema geworden. Die Uni Göttingen hatte dem CDU-Mann wegen falscher Zitierweise kürzlich den Doktortitel entzogen. Kasper hat Rechtsmittel eingelegt, die Göttinger Staatsanwaltschaft prüft. Für seine Promotion habe er "keine kommerzielle Gesellschaft eingeschaltet", sagte Kasper auf Anfrage. Dennoch liegt gegen ihn und seine beiden Doktorväter nun eine Strafanzeige vor.
"Titelhändler sind Stümper"
Hans-Hermann Consul Weyer, schillernder Vermittler von Orden, Diplomaten-, Doktor- und Adelstiteln, hält die Doktortitel-Händler für "Stümper". Er freue sich über jeden, der in diesem Geschäft auffliege: "Denn die Leute machen das unseriös", sagte er im Deutschlandradio Kultur(dpa)