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16.10.2009
PADERBORN
Volle Hörsäle - volle Kassen
Rekordzahl an Erstsemestern führt zum Engpass bei Seminarräumen, bringt aber Millionen an Landesmitteln
VON MARIUS GIESSMANN

Mehr geht nicht | FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Angehende Lehrer müssen vielseitig sein: Sie benötigen Fachwissen, die Fähigkeit, das Gelernte weiterzugeben, Menschenkenntnis und eine ausgeprägte Zockermentalität. Denn an der Uni Paderborn entscheidet aktuell hundertfach das Los darüber, ob ein Studierender den gewünschten Vorlesungs- oder Seminarplatz bekommt.

Um 41 Prozent stieg die Zahl der Erstsemester. Mindestens 820 junge Menschen mehr schrieben sich dieses Jahr in Paderborn ein – und bescherten ihrer Hochschule damit Millionen. Denn das Land Nordrhein-Westfalen belohnt seine Hochschulen für jeden dieser Studenten mit einer Förderung von mindestens 1.500 Euro pro Semester. So sieht es der 2007 vereinbarte Hochschulpakt vor – sehr zur Freude der Verantwortlichen an der Uni Paderborn. "Klar, mit diesen Anmeldezahlen profitiert die Uni Paderborn überproportional stark vom Hochschulpakt", sagt André Zimmer, Pressereferent beim zuständigen Landesministerium. Die Rekordzahl sorgt zur Zeit jedoch auch für absonderliche Szenarien vor Hörsälen und Seminarräumen.

Drinnen herrscht Stimmengewirr und dicke Luft

Seit einer halben Stunde stehen Marina Welslau und Hanne Sommer vor dem Hörsaal H4. "Das ist ganz normal. Wir warten auf unsere Professorin", erklärt Marina. Drinnen herrscht Stimmengewirr und dicke Luft: Stühle, Gänge und Treppen sind voll besetzt. Zwischen den Füßen derer, die im Stehen warten, haben es sich andere schon auf dem Boden bequem gemacht. "Gleich wird’s spannend", sagt Marina. "Da sehen wir, wer bleiben darf und wer nicht."

Glaubt man den Umstehenden, ist das gängige Praxis. Mal entscheidet in der ersten Studienwoche – dann aber per Email angekündigt – das Los, mal der Dozent im Alleingang. "Dann müssen alle wieder gehen, die keinen richtigen Sitzplatz haben", sagt Grecia Cristina Ticona-Schlösser. Denn eigentlich dürfe man nicht auf den Fluchtwegen sitzen. "Manche erlauben es zum Glück aber trotzdem", sagt die 21-Jährige und winkt ab. "Ist wohl so ’ne Haftungsfrage."

Für Tibor Werner Szolnoki, Pressesprecher der Universität Paderborn, sind die völlig überfüllten Hörsäle eher eine Organisationsfrage. "Zur Zeit wird ganz intensiv daran gearbeitet, für jeden ein studierbares Angebot hinzubekommen", sagt er. Durch die Abschaffung vieler Zulassungsbeschränkungen und zusätzlicher Anreize wie dem spendenfinanzierten Mini-Notebook habe man den Ansturm an Studienanfängern bewusst herbeigeführt, gesteht Szolnoki. Planbar sei er jedoch nicht gewesen. "Deshalb läuft jetzt am Anfang vielleicht nicht alles optimal", sagt er. "Aber das geht auch garnicht anders."

Getuschel - und weg

Ähnlich pragmatisch begegnen die Wartenden vor dem Hörsaal H4 dem Problem. "Ich krieg so einen Hals, wenn ich drüber nachdenke", sagt Marina und Hanne vervollständigt den Satz: "Die stecken sich die Kohle ein und bieten uns dafür nicht einmal genügend Kurse an", sagt sie. Dann beginnt ein Getuschel vor dem Hörsaal H4 und Marina und Hanne haben es plötzlich eilig. Es hat sich rumgesprochen, dass es in einer Parallelveranstaltung vielleicht noch freie Sitzplätze gibt.


KOMMENTAR: Bloß stillhalten!

VON MARIUS GIESSMANN

Die Uni Paderborn ist beliebt, in diesem Jahr sogar ganz besonders beliebt. Glückwunsch. Die am Standort umgesetzten Anreizsysteme – ein kostenloser Minilaptop und zahlreiche klassische Numerus-Clausus-Fächer ohne Zulassungsbeschränkung – wirken. Mit 41 Prozent mehr Erstsemestern übertrifft Paderborn den Landesdurchschnitt um das Sechsfache. Das ist in doppelter Hinsicht ein Erfolg.

Zum einen sichern die 800 zusätzlichen Erstsemester Paderborn auch in den kommenden Jahren weitere Millionen aus dem Hochschulpakt. Die werden schon jetzt in weiser Vorausschau auf den kommenden, dank G8 doppelt so starken Abiturjahrgang, verbaut. Der zweite Vorteil: Mit den kleinen Präsenten erkauft sich die Uniführung offensichtlich ein kollektives Schweigen.

Die Devise lautet: "Bloß stillhalten!" "Was sollen wir denn machen?" ist der einzige Kommentar auf die Frage, ob mit einem organisierten Widerstand gegen die Studienbedingungen zu rechnen ist. Schulterzuckend wenden sich die Beschenkten wichtigeren Dingen zu: ihrem neuen Netbook.


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Kommentare
Als der Kommentar von "Ich" grenzt ja fast an Frechheit.. Klar kann sich die Minderheit ein Auto und ein tolles Notebook im 4stelligen Betrag leisten. Aber der normale Student hat eben nicht so viel Geld, dass dies möglich ist. Ich habe ein stinknormales Laptop gekauft, BEVOR ich hier hergekommen bin, weil ich nicht wusste, dass ich in Pb studiere. Somit war das Netbook schon mal kein Grund. Es ist praktisch, ja, aber nicht notwendig! Was ich schlimm finde ist, dass wir Erstis wirklich blöd angemacht werden deswegen.. Was bitte können wir dafür, dass die Uni Studienbeiträge von Allen benutzt um uns ein solches Geschenk zu machen? Vor allem: Die Crux ist ja, um es zu behalten müssen wir den ganzen Bachelor hier studieren => 6. Semester lange Einnahmen (ca. 6x1500 € /Student werden der Uni somit gesichert..) Also die Netbook - Sache ist eine riesen große Abzocke unter der wir hier leiden müsssen: - Die Nichterstsemester, weil ihre Beiträge nicht für sie ausgegeben werden - Die Erstsemester weil sie den Ärger der Nichterstsemester ausbaden dürfen... (ich sitze gerade in der Cafete und gerade schon wieder..) - Alle Studenten, weil alle Räume überfüllt sind Der Präsident hat in seiner Einführungsrede gesagt, die Uni sei ein Dienstleister, der uns einen Dienst erweisen will, indem er uns bildet. Im nächsten Moment kam, dass wir ihr Geld bringen und ich habe das Gefühl, dass der zweite Satz für die Uni-Führung mehr Gewicht hat, als der 1. Von Dienstleistung habe ich noch nicht viel mitgekriegt, außer dass in manchen Tutorien die Kapazitäten erstens zu hoch sind und trotzdem noch überschritten werden. Weiterhin geht das Raumproblem soweit, dass wir manche Tutorien und Vorlesungen bereits vor 8 Uhr haben, sodass ich wegen meiner dummen Lage dreimal in der Woche um viertel nach fünf aufstehen muss. Ich will mich nicht beschweren, ich bin im Grundstudium eines harten Studienganges und habe später gute Aussichten wenn ich das durchziehe, aber an so etwas sollte "Ich" auch mal denken. Wir haben es jetzt schon nicht so leicht. Aber wie sagte es Prof. Hilgert richtig: Das Leben ist ungerecht. Ich will hier nicht fordern, dass uns alles hinterhergeschmissen wird, aber die Balance muss gefunden werden.. Es kann nicht sein, dass die Uni von uns nur profitiert und wir schlechtere Voraussetzungen haben als wo anders.

@UPBler Ist Dir überhaupt bekannt, was eine Universität ist? Wenn Du sagst, dass man doch bitteschön an einer anderen Hochschule studieren solle, da die Kulturwissenschaften ja nun nicht ganz so toll an der hiesigen sind, dann bedeutet dies, dass die hiesige Hochschule aufhört eine Universität zu sein. Denn die ist dadurch gekennzeichnet, dass sie alle Fachbereiche unter einem Dach vereint. Daher übrigens auch der Name Universität von Latein "Universitas: der Inbegriff aller Dinge eines Ganzen". Dieser alte Universitätsbegriff ist übrigens auf das Jahr 1155 zurück als in Bologna eine der ersten Universitäten gegründet wurde. Und dieses uralte Universitätsmodell möchtest du nun einfach so aufgeben, nur weil Kulturgeschichte und Kulturwissenschaften für dich ein rotes Tuch sind? Bemerkenswert!

Herr Tichy, was stellen sie sich konkret unter Kultur und Bildung vor, und wie glauben sie, hängen beide zusammen, beziehungsweise wie kommen sie zustande?

Skandalös ist doch eigentlich, mit welcher Chuzpe, gepaart mit Fatalismus seitens der Uni-Leitung dieser Kauf der Laptops als tolle Aktion verkauft wird. Der Kauf der Laptops seitens der Unileitung ist eigentlich ein Ausverkauf der Freiheit von Forschung und Lehre. Wes Brot ich esse, des Text ich tippe. Es ist ein Skandal, dass der Rektor einer ehemaligen Alma Mater so willfährig sämtliche Werte und Strukturen einer deutschen Hochschule auf dem Warenmarkt des globalisierten Bildungs-Supermarkt verhökert - und das ganz ohne Not!!!!!!!

Lieber "Ich", ergänzend zu ihren Ausführungen möchte ich wenigstens darauf aufmerksam machen, dass es ebenfalls eine sehr große Menge an Studenten gibt, die sich kein Auto leisten (können) und ebensowenig einen Job haben, der zum Studiengang passt, denn die sind rar gesät und man muss wirklich Glück haben, so etwas zu finden. Sattdessen wird auch während des Semesters gekellnert, im Büro gearbeitet oder am Fließband geschuftet, um das Geld für Miete (nicht jeder der an der Uni studiert, kommt auch aus Paderborn/Umgebung!), Essen, Nebenkosten, Studiengebühren, Studienunterlagen (Fachliteratur ist nicht grad billig und an der Uni sind die wenigen Bestände meistens ausgeliehen) usw. reinzubringen, reines Arbeiten in den Semsterferien reicht schon lange nicht mehr. Die Busse und Bahnen, mit denen ich über 10 Jahre zur Schule und später zur Uni/Nebenjob gefahren bin, waren/sind morgens und nachmittags regelmässig proppevoll. Meiner Erfahrung nach kommt der Großteil der Studenten entweder zu Fuß (wenn man denn nahbei im Studentenwohnheim wohnt) oder aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni. Ja, Notebooks leisten sich viele Studenten (auch wenn der Großteil lange nicht so hochwertige Geräte besitzt, wie Sie es darstellen wollen), allerdings ist das nicht weiter verwunderlich, wenn man Probeklausuren nur online bekommt, Anmeldungen online vornehmen muss, Skizzen/Texte usw., die in der Vorlesung besprochen werden, als Datei zugesendet bekommt, sich für Sprechtsunden online anmeldet, Termine auf Webseiten veröffentlicht werden und letztendlich auch schriftliche Arbeiten am PC abfasst werden. Das Notebook ist ein Arbeitsgerät für die Studenten, kein reines Freizeitvergnügen, ohne ist man schnell hinten dran und muss sich seine Unterlagen an den Bibilothekes- und Poolraumrechner besorgen und im PC-/Druckerraum der Asta ausdrucken -die übrigens nahezu ständig überfüllt sind. Klar werden zwischendurch auch private E-Mails oder soziale Netzwerke frequentiert, aber auch Studenten sollen mal Pause machen dürfen. Mich würde allgemein interessieren, wo die (nicht nur die bei Ihnen leicht durchklingende) Vorurteile gegen Studenten herkommen? Schwarze Schafe gibt es überall, versucht man mal die ganze Thematik rein objektiv zu betrachten, muss man zwar zugeben, dass den Studenten an sich eine gute Bildung geboten wird, aber der Weg bzw. die Rahmenbedingungen, um diese Bildung erstmal zu erreichen/erhalten sind katastrophal. Nicht nur das WAS sollte im Mittelpunkt stehen, auch das WIE.



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