Bielefeld-Oldentrup. Es ist die Horrorvorstellung eines jeden Postbediensteten: Nichtsahnend bewegt man Paket für Paket - wie jeden Tag. Plötzlich brennt einem die Zunge, ein ungewöhnlicher Geruch liegt in der Luft, Panik steigt auf. Eine junge Frau, die gerade einen Wechselbehälter (Container) mit Paketen belädt, schlägt sofort Alarm. Es ist 13.44 Uhr. Nur kurze Zeit später stehen Feuerwehrexperten in ABC-Schutzanzügen vor dem Paketzentrum an der Dingerdisser Straße.
Die Frau, eine Teilzeitarbeitskraft des Paketlogistikers Deutsche Post DHL, zeigt dem Notarzt ihre gereizten Augen. Auf der Zunge hat sie einen komischen Geschmack. Der Arzt geht kein Risiko ein und lässt die Frau zur Beobachtung ins Krankenhaus fahren. Als Einsatzleiter Peter Zapf erfährt, dass noch drei weitere Personen ähnliche Reizungen haben sollen, ruft er MANV-Alarm aus. Die Abkürzung MANV steht für "Massenanfall von Verletzten"; die in diesem Fall ausgerufene Stufe 1 gilt bei 4 bis 8 Betroffenen. Fünf weitere Rettungswagen (RTW) werden angefordert.
"Als die RTWs eintrafen", sagte Zapf später, "haben die Betroffenen schon längst wieder die Arbeit aufgenommen. Es gab also keinen weiteren medizinischen Notfall mehr." Trotzdem tummeln sich inzwischen 50 Einsatzkräfte hinter dem Haupteingang des 90.000 Quadratmeter großen Areals: Der Katastrophenschutz ist vor Ort, der ABC-Abrollbehälter der Löschabteilungen Ost und West, ein Löschzug der Hauptwache und die Löschabteilungen Hillegossen und Ubbedissen.
Es steht immer noch nicht fest, mit welcher reizenden Substanz es die Experten von der Feuerwehr zu tun haben. Da der Container draußen steht, wird die Arbeit im DHL-Zentrum nicht beeinträchtig. Nachdem klar ist, dass niemand ernstlich verletzt wurde, betont Gerhard Jording, Leiter der Produktion im Paketzentrum: "Es bringt nichts, wenn wir jetzt warten, bis der Geruch verflogen ist, wir wollen jetzt Gewissheit."
Zweimal kämpfen sich die Männer in den ABC-Schutzanzügen in den Container. Die Ursache des Alarms finden sie aber nicht. "Maximal 20 Minuten können sie mit Anzug und Atemmaske darunter arbeiten", erklärt Zapf. Er entscheidet, seiner Nase zu vertrauen - Stück für Stück tastet er sich vor. 200 bis 300 Pakete müssen zuvor aber langsam aus dem Container getragen werden.
Erst kurz vor 16 Uhr besteht Gewissheit: "Es war ein kleines Paket, kleiner als ein Schuhkarton." Darin befanden sich vier kleine, braune Flaschen. "Eine davon war zerbrochen und ausgelaufen": Sogenannter "Primer", eine Haftsubstanz zur Modellage von Fingernägeln. "Viele Kunden und Nagelstudios lehnen die Anwendung von Primern ab", erklärt später Joachim Thies von der Feuerwehr, "wegen des starken Geruchs." Die Substanz ist reizend und leicht entzündlich. "Die Frau war im Container wohl längere Zeit den Dämpfen ausgesetzt", so Thies. Die kurze Benutzung solcher
Haftvermittler soll unbedenklich sein.