Paderborn. Es ist gut eine Woche her, dass Präsident Nikolaus Risch im voll besetzten Audimax vor laufenden Videokameras Rede und Antwort stehen musste. Antworten fordert jetzt auch das Innovationsministerium NRW. Die Frage: Wie sind die Studiengebühren 2008 verwendet worden? "Wir haben die öffentliche Diskussion verfolgt und die Hochschulleitung deshalb zu einer Stellungnahme aufgefordert", sagte ein Ministeriumssprecher. Schließlich sei die Hochschule rechenschaftspflichtig gegenüber dem Ministerium und gegenüber den Beitragszahlern. Deshalb wundere man sich auch über Nikolaus Rischs Begründung, die von den Studierenden eingeforderte Veröffentlichung des Verwendungsberichts müsse teuer anonymisiert werden. "Das hat uns schon etwas überrascht", so der Ministeriumssprecher, der die von Risch hierfür benannten Kosten in Höhe von 300.000 Euro nicht kommentieren wollte.
Staatsanwaltschaft prüft anonyme Anzeige
Überrascht waren am Donnerstagabend auch die etwa 100 Besucher des größten Hörsaals der Universität. Nachdem der Präsident seine Teilnahme an der Fortsetzung der Diskussionsveranstaltung abgesagt hatte, organisierte der AStA kurzerhand eine Vollversammlung der Studierenden. Die formulierte ein Forderungspaket an das Präsidium und setzte eine Frist bis zum 13. November. Sollte der Uni-Präsident bis dahin nicht zu den ausgearbeiteten Punkten Stellung nehmen, verlangt die Vollversammlung der Studierenden seinen Rücktritt.
Das Uni-Präsidium begrüßte es gestern ausdrücklich, dass AStA und Fachschaften für Montag, 16. November, 20 Uhr, zu einer Podiumsdiskussion einladen. Dabei soll auch Uni-Vize-Präsidentin Prof. Dr. Dorothee Meister, die für Lehre, Studium und Qualitätsmanagement zuständig ist, Stellung nehmen.
Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft Paderborn eine anonyme Strafanzeige, die gegen Nikolaus Risch vorliegt. Der Vorwurf: Veruntreuung von Studiengebühren.
KOMMENTAR
Es regt sich zaghafter Widerstand in der Studierendenschaft
VON MARIUS GIESSMANN
Auch nach dem Ende der vierten Vorlesungswoche herrscht großes Durcheinander in der Paderborner Universität. Während sich die mit Netbooks reich beschenkten Erstsemester an volle Vorlesungen langsam gewöhnen, ringen die verschiedene Grüppchen versprengter Studierendenvertreter um eine gemeinsame Protesthaltung. Der Grund: Vielen vermeintlich ach so gebeutelten Studenten scheint der Ritt auf einer Revoltewelle, wie sie jetzt aus Österreich an zahlreiche deutsche Unis schwappt, viel zu anstrengend.
Drastische Maßnahmen fordern die meisten lediglich in der digitalen Welt. So hat die erst vor zwei Wochen gegründete Diskussionsgruppe "Streik Uni Paderborn" in dem beliebten Sozialnetzwerk Studi-VZ mehr als 2.300 Mitglieder, die ausführlich über die Missstände der vergangenen Wochen diskutieren: Was ist mit unseren Studiengebühren passiert? Wann bekommen wir endlich genug Räume und warum werden die Sponsoren der Netbooks nicht genannt? Scheinbar alles Themen, die die Massen bewegen.
Wichtigstes Credo bleibt offensichtlich jedoch: der Aufwand für das Engagements darf nicht zu groß sein. Mühsam organisierte ein nach wochenlanger Schockstarre gebildeter Zusammenschluss von acht Fachschaften eine Unterschriftenaktion - und bekam mehr als viertausendfache Bestätigung. Doch nicht einmal ein Zehntel der Unterzeichner fühlte sich angesprochen, als dieselben Personen mit dem AStA zusammen am Donnerstagabend eine Vollversammlung der Studierenden einberief.
"Macht ja nix", mag sich mancher denken, der die Veranstaltung daheim am Computer verfolgte - ganz bequem dank organisiertem Live-Stream. Dass die eingesetzte Hochtechnologie der Veranstaltung jegliche Exklusivität und damit auch Zuschauer raubte, ist nur eine traurige Randnotiz. AStA-Vorsitzender Sebastian Rose nannte die öffentliche Pressekonferenz mit Präsident Nikolaus Risch - eine Woche zuvor von mehr als tausend Zuschauern frenetisch gefeiert - eine "Farce".
Eine Farce ist jedoch vielmehr, dass vielleicht zwei Dutzend Köpfe für eine bräsige Menge an der Universität Paderborn einen inhaltlich begründeten Widerstand organisieren. Schön, dass mit dem Landesministerium für Innovation und der Staatsanwaltschaft jetzt ein paar Köpfe dazu kommen. Vielleicht motiviert das den einen oder anderen, sich künftig für seine eigenen Belange auch selbst einzusetzen - fernab von trockenen Studieninhalten eine wichtige Lektion fürs Leben.










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