Wie der Pädagoge Raimund Ottinger als Verfassungsfeind verdächtigt wurde
VON DOREEN KOSCHNICK
Bielefeld. Die Stimmung unter den Reisenden im Kleinbus ist ausgelassen. Auf der Fahrt von Bielefeld nach Berlin wird gesungen, gelacht und gescherzt, man lernt sich kennen, alle reden durcheinander, berichten von anderen Urlaubserlebnissen. Auch Fahrer Raimund Ottinger erzählt seinem Beifahrer anschaulich und gestenreich von einer Wildwasserkajaktour: "Und dann sind wir so den Fluss runtergeschossen und so wieder rauf." Die rechte Hand schnellt ruckartig in die Höhe. In diesem Moment blitzt es. Eine Radarfalle. Mit dem Foto beginnt für Ottinger eine unglaubliche Geschichte.
Raimund Ottinger ist Diplompädagoge und arbeitet seit 15 Jahren in der Begegnungsstätte Zweischlingen, einem Tagungshaus in Bielefeld-Quelle, ist außerdem Coach und Moderator im Bereich der Erwachsenenbildung, hat eine Zusatzqualifikation für Reisen mit behinderten Menschen und engagiert sich in vielen sozialen Bereichen. Mehrmals im Jahr begleitet er im Auftrag der "Reiseschmiede" in Bethel als Fahrer und Betreuer Menschen mit Behinderungen.
Am 26. Oktober brechen insgesamt zehn Reisende und vier Betreuer, verteilt auf zwei Kleinbusse einer Leihwagenfirma, für eine Woche nach Berlin auf. "Wir haben den Bundestag besucht, eine Führung im Olympiastadion gehabt, sind durchs Brandenburger Tor gegangen, haben Sightseeing mit dem Boot und dem Bus gemacht – alle hatten sehr viel Freude an der Reise", erinnert sich der 46-Jährige. Gut zwei Wochen später bekommt Ottinger einen Anruf auf dem Handy: Ein Polizeibeamter aus Bielefeld erklärt ihm, er ermittele in "der Bußgeldsache" und wolle ihn fragen, wie er sich die Armbewegung auf dem Foto erkläre.
Zum Foto Stellung nehmen
"Ich wusste gar nicht, worum es ging, ich hatte keinen Bußgeldbescheid vorliegen und fragte, woher der Polizist meine Handynummer hatte", so Ottinger. Die habe er bei der Leihwagenfirma in Erfahrung gebracht, sagte der Beamte. Und nun solle er bitte Stellung nehmen zu dem Foto, das ihn eindeutig mit Hitlergruß zeige.
Langsam dämmert es Raimund Ottinger: "Mein Beifahrer hatte damals gleich gesagt: ,Das wird bestimmt ein blödes Foto!‘" Der Pädagoge klärt den Polizeibeamten über die Situation im Auto auf und beteuert, dass so etwas selbstverständlich wider seine Gesinnung sei. Lachend habe der freundliche Beamte ihm erklärt, dass sich seine Aussage mit den Angaben der Leihwagenfirma decke und die Sache damit erledigt sei. "Ich gebe das dann so nach Brandenburg weiter. Nicht dass noch der Staatsschutz aktiv wird", habe der Polizist hinzugefügt.Doch dass schon Erkundigungen über ihn eingezogen wurden, bevor er überhaupt den Bußgeldbescheid erhalten hatte, lässt Ottinger stutzen. Er erfährt, dass die Polizei auch in Bethel bereits Nachforschungen angestellt hat. Silke Sielaff, Bereichsleiterin der Bußgeldstelle Brandenburg, erklärt, dass "grundsätzlich geprüft wird, ob eine Straftat vorliegt, wenn sich aufgrund eines Fotos ein Verdachtsmoment ergibt". Da die Geste strafbar ist, wurden die Bielefelder Kollegen deshalb nicht nur wegen der Fahrerermittlung um Amtshilfe gebeten. Auch Ulrich Buchalla, Kriminalbeamter beim Bielefelder Staatsschutz, bestätigt, dass solchen Hinweisen grundsätzlich nachgegangen werden müsse. Ermittlungen im Fall Ottinger seien ihm aber nicht bekannt.
Feunde sind amüsiert
Den Bußgeldbescheid bekommt der Verkehrssünder erst Ende November. Das Schreiben war zunächst bei der Leihwagenfirma, dann in Bethel gelandet und von einem der Geschäftsführer des Reiseunternehmens an Ottinger geschickt worden. Der Tatvorwurf: "Geschwindigkeitsüberschreitung im Bereich einer Brückenbaustelle um 16 km/h". Das Foto entsetzt den sozial engagierten Bielefelder. Seine Freunde amüsiert es umso mehr: "Die haben sich kaputtgelacht – ,ausgerechnet du mit so einer Geste‘." Die 30 Euro zahlt Ottinger sofort. Trotzdem erreicht ihn am 11. Dezember eine Vorladung des Verkehrskommissariats in Brackwede: "In der Ermittlungssache Geschwindigkeitsüberschreitung am 26. 10. ist Ihre Anhörung als Betroffener erforderlich."
Ottinger ist verwundert. Oliver Naber, Leiter des für Fahrerermittlungen zuständigen Verkehrskommissariats 22, klärt auf: "Normalerweise ist eine solche Angelegenheit gar nicht Sache der Polizei, sondern der jeweiligen Bußgeldstelle. Nur wenn die nicht weiterkommt bei der Fahrerermittlung, wird die örtliche Polizei um Mithilfe gebeten." Das nenne sich "Nachermittlung Ordnungswidrigkeiten". Naber: "Wenn wir dann nur eine Adresse haben und keine Telefonnummer, haben wir keine andere Wahl, als denjenigen anzuschreiben und ihn zu bitten, in der Sache bei uns vorzusprechen." Wegen Krankheit des zuständigen Polizeihauptkommissars sei die Nachermittlung doppelt gelaufen. Naber versichert, dass die Sache von Seiten der Bielefelder Polizei nun erledigt sei. Raimund Ottinger ist erleichtert. "Aber diese Reise werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen", sagt er.
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Kommentare
Thorsten schrieb am 27.12.2009 19:10 Uhr
@Ch. Sackewitz: in dem Bericht steht doch, dass er in eine Radarfalle gefahren ist. Und die Polizei muss solchen Sachen nachgehen. Und wie auch in dem Bericht drin steht, ist der Fall schnellstens gelöst und zu den Akten gelegt worden.
Ich finde den Bericht so vollständig wie er ist vollkemmen ok.
Tobias H. aus Bielefeld schrieb am 27.12.2009 06:57 Uhr
Wie gesagt so eine Raderfalle Blitz nur immer zum richtigen zeitpunkt! ;-) Vorallem wenn mann Denkt mann Brauchte Sie aufgrund eines anderem Autofahres dann passiert nicht, Wenn dann nur im falschen monemt und ist man auch noch selber das "OPFER". Da hatt der Fahrer nurmal ziemliches Pech gehabt geblitz zu werden und dann noch in dieser stellung mit seinem Arm!
Dirk schrieb am 26.12.2009 19:00 Uhr
Mal was zum Thema! Glaubt die Polizei wirklich, das man sich extra blitzen lässt nur um einen Hitlergruß in Richtung Kamera zu werfen? Wäre der Mann hinterm Steuer jetzt noch verkleidet gewesen, die Nummerschilder abgeklebt und das Auto etwas unauffälliger, hätte man es ja glauben können...aber so doch nicht! Wirklich amüsant!
Ch. Sackewitz schrieb am 26.12.2009 17:34 Uhr
Ich muss Johannes recht geben, bei solchen Berichten überdenkt man sein Abo.
Kein Wort, wie und warum die Polizei dieses Foto gemacht hat. Oder wars die Radarkamera, die nicht nur bei zu hoher Geschwindigkeit blitzt, sondern auch wenn man mit der Hand den Innenspiegel verstellt.
Ich kann mir nicht vorstellen, das so ein Quatsch von der Polizei bearbeitet wird, wenn die Beamten gleichzeitig eine Neonazikundgebung absichern müssen.
J.Kayser schrieb am 26.12.2009 12:29 Uhr
Das sind ja hier noch neumalklügere Kommentare als auf bild.de und das will was heißen
"ui ui ich habe einen Werbeskandal aufgedeckt"...?
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