Bielefeld (gär). Ein Richter, der seit fast 30 Jahren am Amtsgericht in Bielefeld tätig ist, übt in einem einem Brief schonungslose Kritik an der NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU). Von Führungsqualität und Mitarbeitermotivation könne bei ihr "keine Rede mehr sein".
Es dränge sich der Eindruck auf, dass "die Justizministerin die Bediensteten, die auch mal den Mund aufmachen, als ihre persönlichen Feinde betrachtet", schreibt der Richter Karl-Georg Thiemann (61), der am Bielefelder Amtsgericht Insolvenz- und Wohnungseigentumssachen bearbeitet.
Anlass für Thiemanns Philippika ist die Berichterstattung dieser Zeitung über Nachwuchssorgen in der Justiz. Im Land NRW werden in den nächsten Jahren mehr als 1.000 Richterstellen frei. Das Ministerium betont, dass die Attraktivität des Richterberufes nach wie vor bestehe. Dem widerspricht Thiemann allerdings ganz vehement: "Die berufliche Situation eines Richters . . . war noch nie so katastrophal wie heute", heißt es in seinem Schreiben.
Nie eine Antwort von der Justizministerin erhalten
Die Arbeitsbelastung sei allein von der Anzahl der dem einzelnen Richter zugewiesenen Fälle enorm. "Sie überfordert jeden", resümiert der Amtsrichter. "Wenn man sich einem Verfahren ernsthaft widmet, muss man dafür eine anderes schlicht und einfach liegen lassen." Dafür hätten Bürger, die ihr Recht suchen, aber keinerlei Verständnis.Den zunehmenden Aufgaben und der Arbeitsverdichtung in der Justiz sei in der Vergangenheit "nicht etwa mit einer ernsthaften Aufstockung beim Personal Rechnung getragen" worden. "Man sieht einfach weg und lässt die Richter machen". Er habe die Justizministerin in der Vergangenheit mehrfach angeschrieben, aber nie eine Antwort erhalten, schreibt Thiemann. Auch in diesem Verhalten drücke sich "die mangelnde Wertschätzung" aus. Als Fazit könne er nur jedem Juristen mit Prädikatsexamen raten, sich anderweitig zu orientieren. Die Nachteile einer Beschäftigung in der Justiz seien auf Dauer so belastend, dass man von einer Tätigkeit dort "besser die Finger lassen sollte".















