Lippische SPD fordert Landesverbandsvorsteher Andreas Kasper nach dem Strafbefehl zum Rücktritt auf
Detmold/Göttingen. Auf der Homepage des Landesverbandes Lippe stehen viele interessante Dinge. Die Rede ist dort zum Beispiel von einer neuen heimatlichen Hymne und von Motorsägenlehrgängen. Kämmerer Bernd Tiemann, so ist zu lesen, will die Zukunft des Landesverbandes mit seinen rund 200 Mitarbeitern sichern. Er kündigt für dieses Jahr ein Investititionsprogramm von 8,2 Millionen Euro an. Der Landesverbandsvorsteher Andreas Kasper (CDU) berät derweil Gymnasiasten. Sein Motto lautet: "Abitur - was nun?"
ZWISCHENRUF: Ansehen verloren
VON HUBERTUS GÄRTNER
Es ist erst ein paar Monate her, da hat ein Korruptionsskandal um gekaufte Doktortitel die Republik erschüttert. Viele Professoren stehen unter Verdacht; der Wissenschaftsbetrieb geriet in Verruf. In Lippe liegt der Fall anders. Dort hat Andreas Kasper, neben Landrat Friedel Heuwinkel (beide CDU) einer der höchsten politischen Repräsentanten, für seine Doktorarbeit Texte von anderen Autoren geklaut. Auch das ist strafbar – und man könnte fragen, was schlimmer ist: geistiger Diebstahl oder Bestechung. Kasper hat Glaubwürdigkeit und Ansehen verloren; er wird nicht mehr ernst genommen. Wenn er Charakter hätte, würde er zurücktreten. Das will er aber nicht. Sein Verharren im Amt fügt dem Landesverband zwangsläufig weiteren Schaden zu.
Die brisanteste Nachricht sucht man bislang aber vergebens. Sie betrifft einen Strafbefehl über 9.000 Euro (90 Tagessätze), den das Amtsgericht Göttingen jetzt auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen Verstoßes gegen das Urhebergesetz gegen Andreas Kasper erlassen hat. Deshalb muss der lippische Landesverbandsvorsteher nicht nur um seine Reputation, sondern auch um seinen Posten bangen. Die lippische SPD hat gestern klipp und klar Kaspers Rücktritt verlangt. Dieser habe die Landesverbandsversammlung, das sogenannte "Lippe-Parlament", bei seiner Bewerbung "getäuscht", deshalb sei "die Vertrauensbasis zerstört", sagte der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der lippischen SPD, Dirk Becker.
Kasper wird, wie berichtet, vorgeworfen, in seiner im Jahr 2004 vorgelegten Doktorarbeit zum Thema "Sozialsponsoring" in erheblichem Umfang geistigen Diebstahl begangen zu haben. Die Dissertation stelle sich "auf etlichen Seiten als Flickenteppich aus den Texten anderer Autoren dar", die nicht kenntlich gemacht worden seien, sagte gestern der Göttinger Oberstaatsanwalt Hans-Hugo Heimgärtner. Seriosität sei in der Wissenschaft "ein hohes Gut", deshalb könne man so etwas "nicht durchgehen lassen" und habe das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung bejaht.
Kasper will den Strafbefehl akzeptieren, aber trotzdem im Amt bleiben, wie er gestern erneut bekräftigte. Ungeahnte Chuzpe hatte Kasper (34) bereits bewiesen, als er für die von ihm begangenen Plagiate seine beiden Doktorväter, darunter den altehrwürdigen Kirchenrechtler Professor Axel von Campenhausen, mitverantwortlich machen wollte. Mit der Akzeptanz des Strafbefehls ist Kasper nun auf schriftlichem Wege verurteilt. Ansonsten hätte er in einer öffentlichen Hauptverhandlung auf der Anklagebank Platz nehmen müssen.
Folgenschwere Blamage | FOTO: PREUSS