Gütersloh. Der Patient steht aufrecht neben seinem Bett, empfängt den Arzt mit festem Händedruck. Sein Mittagessen, Kalbsgeschnetzeltes mit Reis, hat er gerade mit gutem Appetit verzehrt. Er ist wohlauf, vielleicht etwas schläfrig, verspürt manchmal noch ein leichtes Ziehen im Oberbauch. Nicht unangenehmer als Muskelkater. Vor zwei Tagen wurde dem Krebspatienten in einer dreistündigen Operation die Prostata entfernt.
Dass der 57-Jährige kaum Beschwerden verspürt, verdankt er einer modernen Operationstechnik, der sogenannten minimalinvasiven Operation, bei der eine winzige Kamera in die Bauchhöhle geschoben wird. Der Vorteil zur konventionellen OP, bei der der Bauch mit einem etwa 20 Zentimeter langen Schnitt geöffnet wird: kleinere Wunden (der Schnitt ist gerade einmal ein Zentimeter lang), geringer Blutverlust (Bluttransfusionen sind nur selten nötig), weniger Schmerzen und eine frühere Entlassung aus dem Krankenhaus. Diese Methode ist mittlerweile in vielen Krankenhäusern Standard, im Städtischen Klinikum, das als einziges in der Region ein zertifiziertes Prostatazentrum hat, allemal. Seit sieben Jahren, bei 650 Eingriffen.
Der Nachteil der OP-Methode: Sie erfordert drei Ärzte. In der Urologie des Städtischen Klinikums sind es nur noch zwei. Ein sogenannter Free-Hand-Roboter, von Experten gerade erst entwickelt, übernimmt die Rolle des zweiten, kameraführenden Assistenten.
Seit gut einer Stunde steht Chefarzt Dr. Rüdiger Klän im OP-Saal. Zwei Stunden wird er noch brauchen, um einem 59-jährigen Patienten die Prostata und die vielleicht schon von Metastasen befallenen Lymphknoten zu entfernen. In dem mit sterilen Tüchern rund um die Eingriffsfläche abgedeckten Bauch sind fünf winzige Löcher zu erkennen. Vier für die von Klän und seinem Assistenten geführten Instrumente wie Sauger, Fasszange und Schere, eins für den Roboter. Er sieht unspektakulär aus.
An einem langen, am OP-Tisch festgeschraubten, aber frei beweglichen Gelenkarm ist eine Steuereinheit mit Infrarotempfänger befestigt. Dann folgt die winzige Kamera, die in die Bauchhöhle geschoben wird. Klän steuert die Richtung mit Kopfbewegungen. Je nach Neigung sendet sein Headset Infrarotsignale, die jeweils mit einem leichten Druck auf ein Fußpedal ausgelöst werden. Links, rechts, oben, unten - die Kamera gleitet gehorsam durch das Innere der Bauchhöhle. Konzentriert beobachtet Klän den Bildschirm, auf dem die Bilder erscheinen. In 15-facher Vergrößerung, gestochen scharf, in stets gleichbleibender Qualität.
Für die Präzision des Eingriffs ist der Kameraroboter eine elementare Hilfe. Möglichst viele Gefäß-Nervenstränge sollen erhalten bleiben. Das ist entscheidend für die Potenz des Patienten nach dem Eingriff.
"Früher musste ein Assistent die Kamera halten und sie nach Anweisung des Operateurs möglichst ohne Wackler führen. Über Stunden hinweg", sagt Oberarzt Dr. Thomas Meier. Eine exakte Abstimmung zwischen Operateur und Kameramann war in jeder Sekunde entscheidend. Ermüdend für alle.
Nach gut drei Stunden hat Klän die etwa kastaniengroße Prostata vorsichtig zwischen Harnröhre und Blase herausgeschält. In Plastik gehüllt, wird sie durch einen auf vier, fünf Zentimeter erweiterten Schnitt herausgezogen.
Die Operation ist hervorragend gelungen, der Patient wird die Klinik schon in wenigen Tagen verlassen können.
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