Bielefeld. Die Nachricht vom dem folgenschweren Angriff auf den 17-jährigen Hendrik Plath aus Schloß Holte ist erschütternd: Der Schüler ist seit den brutalen Schlägen am Jahnplatz halbseitig gelähmt. Erst nachdem Zeuge Timo Kohlmeyer (25) auf dem Jahnplatz in Bielefeld mit seinem Pfefferspray einschritt, ließen die Schläger endlich von ihrem Opfer ab. Während Freunde und Familie nun um die Gesundheit des jungen Mannes bangen, erhebt der "Retter von Jahnplatz" schwere Vorwürfe: "Auf Bielefelds gefährlichstem Platz muss etwas passieren."
Der ganze Angriff dauerte maximal 20 Sekunden, trotzdem macht sich Kohlmeyer angesichts der Verletzungen des 17-Jährigen heute Vorwürfe, nicht früher das Reizgas gezückt zu haben. "Peinlich, dass 20 Leute drumherumstanden und eine Frau als Erste den Mumm hatte einzuschreiten." Als die ins Gesicht geschlagen wurde, habe Kohlmeyer "den Typen an der Schulter gepackt und ihm das Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Er hatte keine Chance".
Seit Oktober ist Kohlmeyer Angestellter der Spielhalle neben dem McDonalds-Restaurant, wo die Auseinandersetzung ihren Anfang genommen hatte. Von dort beobachtet er Abend für Abend zunehmende Gewalttätigkeiten unter jungen Männern. "Es geht nicht nur um Schlägereien: Hier werden Drogen verkauft, Hehlerware vertickt und Handyverträge abgeschlossen. Wo ist die groß angekündigte Polizeipräsenz?" Einmal pro Abend sehe man eine Polizeistreife. "Das war’s."
Auch die Videoüberwachung an der Bushaltestelle scheint niemanden abzuschrecken. "Die erlauben sich hier alles." Der ermittelnde Kriminaloberkommissar Kai-Jörn Rosin bestätigte gestern, dass die MoBiel-Kamera an jenem Abend auf einen anderen Teil des Platzes gerichtet war. Große Hoffnungen setze er aber in Videos aus dem Fast-Food-Restaurant: "Dort hat es vorher schon eine verbale Begegnung auf der Toilette gegeben. Die Kameras könnten Opfer wie Täter aufgezeichnet haben."
Polizei sucht weiteres Opfer
Obwohl die Schläger und der Fahrer des silbernen Fluchtwagens (Herforder Kennzeichen) unerkannt entkommen konnten, spricht der Kripobeamte von interessanten Spuren. "Wir suchen auch noch ein weiteres Opfer. Ein junger Mann soll einen Schraubendreher in den Oberschenkel bekommen haben", so Rosin.
Zu der Gewaltentwicklung in der Innenstadt konnte Polizeipräsident Erwin Südfeld gestern keine Aussage treffen ("Wir analysieren noch"). Die aktuelle Kriminalitätsstatistik verzeichnet bei den "gefährlichen und schweren Körperverletzungen auf Straßen" einen Anstieg um 4,6 Prozent im gesamten Stadtgebiet. "Die Bekämpfung der Gewaltkriminalität in der Innenstadt werde aber auch 2010 ein Schwerpunkt der polizeilichen Arbeit bleiben", versichert er. Das bedeutet: Die Nachtschichten am Wochenende werden um mindestens zwei Streifenwagen verstärkt.
"Er kämpft gegen die Lähmung"
Monika und Werner Plath, die Eltern des 17-jährigen Gewaltopfers Hendrik, sind schockiert: "Es ist einfach grauenhaft", betont die Mutter. Ein Schlag auf den Kopf ihres Sohnes löste eine Gehirnblutung aus, die seine rechte Körperhälfte gelähmt hat. Eine Not-Operation sei zwar nicht nötig gewesen, trotzdem halten sich die Ärzte bedeckt. "Hendrik kämpft trotzdem tapfer gegen die Lähmung an." Immer wieder versuche er aufzutreten, das Gefühl zurückzuerlangen. "Im Moment kann er aber nur die Zehen bewegen", sagt sein Vater. Er geht davon aus, dass die Lähmung bald nachlässt. "Er hatte so viele Pläne: Führerschein, Urlaub, Bundeswehr", klagt die Mutter, "die sind mit einem Mal alle beendet."(jr)