Bielefeld. Er spürt jede Berührung, kann seinen Arm aber nicht bewegen. Das Gehen fällt ihm schwer. Beim Aufstehen muss er aufpassen, dass er nicht umfällt, sagt Hendrik Plath. Jetzt hofft er auf die Aufklärung der Tat. Er sagt: "Ich kann mich an alles erinnern."
Hendriks Eltern wirken gefasst, sind froh, ihren Sohn wieder zu Hause zu haben - und das nicht Schlimmeres passiert ist. "Was für ein Glück, dass die Gehirnblutung so schnell stoppte", sagt Vater Werner, noch sichtlich geschockt. "Das hätte noch viel schlimmer ausgehen können." Stattdessen gibt es gesundheitliche Fortschritte, die der Familie Mut machen: Nach der Tat, bei der Unbekannte dem Schloß-Holter eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen hatten, war die komplette rechte Körperhälfte gelähmt.
Rechter Arm bleibt leblos
"Es wird jedoch von Tag zu Tag besser", sagt Hendrik und versucht sich ein Lächeln abzuringen. "Ich kann schon wieder ein bisschen gehen." Der rechte Arm bleibt vorerst leblos. Das soll eine dreiwöchige Reha-Maßnahme ändern, die am Dienstag beginnt. "Dann trainiere ich fünf Stunden am Tag", sagt er. Schon jetzt übt Mutter Monika Bewegungen mit ihm, die die ausgebildete Pflegerin sich von der Krankengymnastin in Gilead hat zeigen lassen.
Nicht nur die zaghaften Bewegungsfortschritte, auch die große Anteilnahme von vielen Freunden, Verwandten und Offiziellen stärkt die Familie beim Kampf um Normalität. Schon einen Tag nach dem Vorfall besuchte ihn sein Schuldirektor, weil er im Gottesdienst von der Tat erfahren hatte. Am Donnerstag bekam Hendrik dann unerwarteten Besuch von Schulministerin Barbara Sommer.
"Ich sorge dafür, dass du einen Lehrer bekommst, hat sie gesagt", erklärt Werner Plath. "Damit du das Schuljahr nicht wiederholen musst." Bis der Privatunterricht beginnen kann, braucht Hendrik vor allem erst einmal Ruhe. "Ich hoffe, dass ich hier besser schlafen kann" sagt er. Alpträume hätte er nicht gehabt, trotzdem gehen ihm die verhängnisvollen Minuten des vergangenen Samstagabends immer wieder durch den Kopf.
Mit zwei Freunden traf er im McDonalds am Jahnplatz zum ersten Mal auf seine späteren Angreifer. Ein höflich gemeintes Ausweichverhalten bei einem Aufeinandertreffen in den Toiletten hätten zwei südländische Männer offensichtlich missverstanden. Minuten später wurde einer seiner Freunde von denselben Männern bespuckt und beschimpft.
Beim Retter persönlich bedanken
"Hätte ich mal nichts gesagt und wäre einfach weggegangen", sagt Hendrik. Stattdessen kam es zur verbalen Auseinandersetzung. Dann folgte ein unmissverständliches Angebot. "Lass uns doch um die Ecke gehen, dann schlagen wir uns. Hier ist zu viel Polizei", habe einer der Täter gesagt. Als Hendrik und seine Freunde nicht reagierten, ging alles ganz schnell. "Sofort flogen die Fäuste. Dann hielt mich einer fest und ich bekam von hinten einen Schlag auf den Kopf. Dann bin ich umgefallen."Sobald es Hendrik besser geht, möchte er sich bei seinem Retter Timo Kohlmeyer persönlich bedanken, der die Schlägerei stoppte. Als erstes griff jedoch eine couragierte junge Frau ein, deren Namen der Familie Plath nicht bekannt ist.
Unbekannt bleiben auch die zwei Schläger, die in einem silbernen Auto mit Herforder Kennzeichen flüchteten. Die Polizei konnte sie immer noch nicht fassen. Beide haben dunkle Haaren und sind Anfang 20. Einer, etwa 1,65 Meter groß, trug einen grauen Fleecepulli, der andere (1,70 Meter) ein blaues Oberteil. Zeugen, bitte melden (Tel. 05 21/54 50)!
Kommentar: Keine Chance den Chaoten
VON MARIUS GIESSMANN
Tatort Innenstadt: Zwei Männer schlagen auf einen dritten ein, halten ihn fest und versuchen zu treten, als das Opfer wehrlos am Boden liegt. Wie reagieren Sie? Gehen Sie weiter oder dazwischen? Wirklich vorbereiten kann sich niemand von uns auf eine solche Situation – muss man aber auch nicht.
Wichtiger ist, sich nach einem so schrecklichen Fall wie dem von Hendrik Plath zu fragen, in was für einer Gesellschaft man selbst leben möchte. Müssen wir wirklich Angst haben an einzelnen Brennpunkten, die nachts von alkoholisierten oder gewaltbereiten Gruppen besucht werden?
Die Antwort kann nur lauten: Nein. Wir dürfen den Chaoten keine Chance geben. Die haben aktuell im besten Fall noch ein bisschen Angst vor der Polizei und der Strafverfolgung, sofern Sie zu soviel Vernunft im Rausch überhaupt noch fähig sind. Die Polizei mag noch so viel Präsenz zu tatkritischen Zeiten an Anziehungspunkten wie dem Jahnplatz oder neuem Bahnhofsviertel zeigen – es wird immer dunkle Ecken geben. Das belegt auch der Versuch der Jahnplatztäter, die ihr Opfer zur Schlägerei aus dem belebten öffentlichen Raum weglocken wollten.
Denn genau dort gibt es ein hochfunktionales Netz aus Zeugen, Helfern und Verteidigern: Sie, mich und alle übrigen Passanten. So couragiert und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit einzugreifen, wie es die beiden Retter Hendriks vergangenen Samstag getan haben, ist nicht jedermanns Sache - und aus Sicht der Polizei sogar wenig ratsam.
Es wäre aber auch nicht notwendig gewesen, wenn mehr als zwei der Umstehenden eingegriffen hätten. Wir – alle gemeinsam – dürfen die Taten solcher Chaoten nicht tolerieren, sonst ist es kein Wunder, wenn wir künftig Angst vor ähnlichen Übergriffen haben müssen. Die brutale Schlägerei am Jahnplatz geschah nicht mitten in der Nacht. Sie geschah gegen 22 Uhr, einer Zeit, zu der sicher noch mehr als zwei Personen in Sicht- und Hörweite waren.
Wenn Streitereien zu handfesten Auseinandersetzungen werden, sollte es für jeden eine Selbstverständlichkeit sein, zu reagieren und nicht wegzuschauen. Dann hätten die vereinzelten Chaoten tatsächlich keine Chance.