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09.03.2010
RHEDA-WIEDENBRÜCK
Ostwestfale in Internat missbraucht
Betroffener berichtet von Erlebnissen am Gymnasium Johanneum auf Schloss Loburg
VON HUBERTUS GÄRTNER

Martyrium hinter Schlossmauern

Rheda-Wiedenbrück. Der Skandal um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an kirchlichen und weltlichen Schulen und Internaten bringt auch Opfer aus der Region dazu, ihre traumatischen Erlebnisse öffentlich zu schildern. Immer mehr Bildungs- oder Erziehungseinrichtungen sowie kirchliche Orden geraten wegen der dunklen Vergangenheit plötzlich ins Zwielicht.

Seit gestern zählen dazu auch das 1948 gegründete Gymnasium Johanneum auf Schloss Loburg in Ostbevern (Kreis Warendorf) sowie die katholische Brüdergemeinschaft der Canisianer in Münster. Norbert M. (55) aus Rheda-Wiedenbrück war nach eigenen Angaben von April 1965 bis Juli 1970 Internatsschüler des Gymnasiums Johanneum, das bis heute in der Trägerschaft des Bistums Münster steht.

Was Norbert M. als kleiner Junge dort erlebt hat, bringt ihn jetzt noch aus der Fassung. "Nur meiner Frau und meinen eigenen Eltern habe ich bislang davon erzählt", sagt er. Weil sich viele andere Opfer inzwischen offenbart hätten, will auch Norbert M. nicht länger schweigen. Von November 1966 bis zu den Sommerferien des Jahres 1968 sei er im Internat auf Schloss Loburg regelmäßig von einem Angehörigen der Canisianer-Brüdergemeinschaft in Münster sexuell missbraucht worden, berichtet Norbert M.

Jede Woche sexuelle Dienste

Der Canisianer "Bruder Wolfgang" , der in dem Internat als Erzieher tätig gewesen sei, habe ihn jede Woche mindestens einmal zu sich geholt. "Im Bett musste ich ihm dann sexuell zu Diensten sein", erinnert sich Norbert M. Der "Bruder Wolfgang", dessen bürgerlichen Namen er bis heute nicht kenne, habe ihn häufig sogar in der Nacht geweckt.

"Beendet wurden die Straftaten erst, nachdem der Täter die Dreistigkeit besaß, mich in den Sommerferien des Jahres 1968 in meinem Elternhaus aufzusuchen und zu bitten, mit ihm die Internatsbibliothek aufzuarbeiten", sagte Norbert M. Da habe er sich seinen Eltern anvertraut, sein Vater habe "die Internatsleitung informiert". Fortan sei "Bruder Wolfgang" auf Schloss Loburg nicht mehr als Erzieher tätig gewesen.

Er habe "sichere Kenntnis" darüber, dass noch ein weiterer Schüler, der heute 53 Jahre alt sei und in Bielefeld arbeite, in dem Internat sexuell missbraucht worden sei, sagt Norbert M. Er habe sich nicht gewehrt, weil er sich " total allein, hilflos und abhängig" gefühlt habe. "Im Internat gab es kein Telefon, Briefe wurden zensiert. Nur in den Ferien durfte ich nach Hause."

"Bruder Wolfgang" hatte kleine Jungs gern

"Obwohl mein Fall der Internatsleitung bekannt gewesen sein muss, wurde weder Hilfe noch eine Entschuldigung angeboten", sagt Norbert M. Aus seiner Sicht hat die katholische Kirche an einer Aufarbeitung kaum Interesse. Norbert M. führt an, dass er den vom Bistum Münster für Missbrauchsfälle eingesetzten Beauftragten Hans Doeink kürzlich angeschrieben und über den erlittenen sexuellen Missbrauch informiert, aber "keine Antwort" erhalten habe.

Doeink bestreitet, auf etwaige Anschreiben nicht reagiert zu haben. "Wenn ich das schlimmste Kapitel meines Lebens nun öffentlich mache, wird mir das hoffentlich helfen", sagt Norbert M. "Ich höre von diesem Fall zum ersten Mal", sagte Karl Hagemann, Sprecher des Bistums Münster, auf Anfrage dieser Zeitung. Der Leiter der Brüdergemeinschaft der Canisianer in Münster, Ludwig Rensing, kennt die Vorwürfe angeblich ebenfalls nicht. "Beim Blick auf das eigene Leben und auf die Beziehung zu Gott sehen vier Augen mehr als zwei", heißt es auf der Homepage der Brüdergemeinschaft.

Heute seien die Canisianer nicht mehr als Erzieher im Internat des Gymnasiums auf Schloss Loburg tätig, sagt Rensing. Wegen drohender Enthüllungen sei nun "jede Einrichtung in Sorge", sagt Internatsleiter Günter Witthake. Er selbst habe auf Schloss Loburg in letzter Zeit viele "Recherchen durch mündliche Befragungen" angestellt und sei dabei auch auf "Bruder Wolfgang" gestoßen.

Nach Auskunft von damaligen Mitarbeitern habe "Bruder Wolfgang die kleinen Jungs gern gehabt" und sich "merkwürdig verhalten". Wirklich Kenntnis von sexuellem Missbrauch habe man allerdings nicht. Später sei "Bruder Wolfgang" dann versetzt worden. Er habe auch die Canisianer-Brüder verlassen.


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