PR. OLDENDORF
Pr. Oldendorf-Bad Holzhausen. Schaf Hermann geht es langsam besser. Nachdem Tierquäler den Bock stundenlang an einem Horn im Stall aufgehängt hatten, läuft der zehnjährige Vierbeiner jetzt wieder mit seiner kleinen Herde durchs Gehege. Doch so zutraulich wie vor der Tat begrüßt er Gäste nicht mehr – vielleicht nie wieder.
Die Rübe hilft nicht. Mit dem Knollengemüse in der Hand möchte Irmtraud Schnepel den Bock hinter dem Stall hervorlocken. Doch Hermann versteckt sich vor seiner langjährigen Halterin hinter den Bretterwänden. Ängstlich. Scheu.
"Vorher hat er sich immer von mir streicheln lassen", sagt Schnepel. Seit zehn Jahren lebt das Tier im Garten der Familie in Bad Holzhausen – in einem kleinen Gehege an der Wittekindstraße mit drei Flugenten, drei Hähnen und den Schafen Anton, Luise und Susanne. Mit den anderen Schafen läuft Hermann inzwischen wieder durch das Gehege, doch sobald sich Menschen nähern, ergreift er die Flucht.
Der Faden hängt noch im Stall. Hier hat Irmtraud Schnepel Hermann am Dienstagmorgen gegen 8.30 Uhr gefunden, an einem Horn an der Decke aufgehängt (die NW berichtete). Stumm und starr vor Erschöpfung, mit schreckgeweiteten Augen. Für Schnepel "ein Bild des Grauens." Die 57-Jährige ist erschüttert über die Kaltblütigkeit der Täter: "Sie haben die Innentür des Stalls extra weit geöffnet, so dass Hermann sich nicht darauf abstützen konnte." Schnepel rannte sofort zurück in Haus, um das Tier mit einer Schere zu befreien.
"Für ein Fluchttier ist so eine Beeinträchtigung der Freiheit besonders schlimm", sagt der Lübbecker Tierarzt Dr. Heinz Janowitz. "Weil es in Panik instinktiv fliehen möchte." Der Stress setzt massiv Adrenalin frei, auch wenn das Schaf bewegungsunfähig ist. Der Blutdruck steigt. Das Tier versucht, sich bis zur völligen Erschöpfung freizukämpfen. Hinzu kommen stundenlange starke Schmerzen.
Der knöcherne Teil des Horns ist zwar unempfindlich, doch die Wachstumszone am Hornansatz ist stark durchblutet. Direkt am Kopf verlaufen hier zahlreiche Nerven. Eine stundenlange Quälerei wie bei Hermann hat zudem meist Folgen für die Psyche des Tieres. "Das Schaf kann ein Leben lang schreckhaft bleiben", sagt Dr. Janowitz. "Das kann sich ähnlich wie bei Kutschpferden entwickeln: Einmal durchgegangen, werden sie selten wieder fahrsicher."
Bisher sind die Täter nicht gefasst. Bis Redaktionsschluss hatte sich bei der Polizei noch kein Zeuge gemeldet. "Noch wissen wir nicht, wer für die scheußliche Tat verantwortlich ist", sagt Polizeisprecher Ralf Steinmeyer. Es gebe möglicherweise mehr als einen Täter, vermutet der Beamte. Allein sei es nicht leicht, einen Bock so ruhigzustellen, dass man ihn anbinden kann. Hinweise auf ein Motiv gibt es laut Steinmeyer bisher nicht: "Das ist eine völlig sinnlose, wirre Tat." Feinde haben Schnepels nach eigener Aussagen keine. Die Nachbarn füttern die Tiere sogar ab und an, sagt die Holzhauserin.
Laut Polizei ist eine Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz gestellt. "Hier liegt auf jeden Fall eine Tierquälerei vor", sagt Tobias Diedrich vom Lehrstuhl Strafrecht der Universität Bielefeld. Die Tat könne mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden. "Das liegt im Ermessen des Richters." Den unerlaubten Zutritt zum Hof der Schnepels wertet der Jurist außerdem als Hausfriedensbruch. Das Strafmaß: Eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe.
Wer in der Nacht zu Dienstag verdächtige Beobachtungen in der Wittekindstraße in Bad Holzhausen gemacht hat, den bittet die Polizei, sich unter Tel. (057 41) 27 70 zu melden.