Herford. Über der Tür steht auf Hebräisch: "Denn mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker". Der Prophet Jesaja hat den Spruch vor 2.700 Jahren notiert. Er beschreibt, was die jüdische Gemeinde Herford-Detmold mit ihrem neuen Gotteshaus vorhat, das am Sonntag in Herford nach 22-monatiger Bauzeit feierlich eingeweiht wird - mehr als 71 Jahre nach der Zerstörung in der Reichspogromnacht.
In der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold treffen sich heute Menschen aus vielen Ländern. Doch über die Bedeutung als Versammlungshaus der Gemeinde für Gebet, Unterweisung und Begegnung hinaus soll die Synagoge nach dem Willen der Bauherrin ein offener Ort der Begegnung mit andern Religionen und Kulturen sein. Das Interesse in der Region ist groß, wie eine Vielzahl von Anmeldungen für Besuche bereits zeigt.
"Ein zukunftsweisendes Zeichen des Vertrauens in die deutsche Demokratie", nennt der Gemeindevorsitzende Harry Rothe (72), der die Konzentrationslager in Bergen-Belsen und Theresienstadt überlebt hat, den Bau - und "ein Zeugnis für das Fortbestehen des Judentums in Deutschland".
Dem Vorgängerbau optisch nachempfunden
Erste Nachweise für jüdisches Leben in Herford stammen schon aus dem Jahr 1306. Die nun wieder aufgebaute Synagoge war 1852 eingeweiht worden. 300 Mitglieder hatte die jüdische Gemeinde, bevor die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen. Der Neubau steht nun genau dort, wo die alte Herforder Synagoge in der Nacht zum 10. Novermber 1938 in Brand gesteckt wurde - und nur deshalb nicht vollständig ausbrannte, weil die Feuerwehr benachbarte Gebäude vor den Flammen retten wollte. Erst ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg, im Jahr 1994, nahm die noch kleine jüdische Gemeinde unter dem damaligen Vorsitzenden Herbert Heinemann das ehrgeizige Projekt eines Neubaus in Angriff. Es wurde fassbarer, je mehr Juden aus der früheren Sowjetunion in die Kreise Herford und Lippe kamen.
Nach der Pogromnacht | FOTO: KOMMUNALARCHIV
Errichtet worden ist der zwei Millionen teure Bau nun nach Plänen des Herforder Architekten Paul Gerhard Dahlmeier. Die Kosten für das Gebäude teilen sich je zu einem Drittel die jüdische Gemeinde und das Land NRW, das letzte Drittel tragen die Städte Herford und Detmold und die beiden zugehörigen Landkreise gemeinsam.
Die Synagoge ist dem Vorgängerbau auch optisch nachempfunden: im neogotischen Stil mit Spitzgiebel und in rotem Klinker. Doch die Aufteilung im Inneren folgt zeitgemäßen Ansprüchen. Die alte Synagoge war ein eingeschossiger Bau mit einer umlaufenden Empore für die Frauen. Der Neubau ist zweigeschossig mit Gebetsraum in der 1. Etage. Im Erdgeschoss erstreckt sich ein Versammlungsraum für 120 Personen. Das Kellergeschoss beherbergt zwei Küchen, in denen koscher gekocht werden kann.
Schrein und Bima aus dem Gemeindehaus übernommen
Wer den Gebetsraum betritt, wird zunächst vom Eindruck des einzigartigen Tonnengewölbes gefangen genommen: In vier Helligkeitsstufen funkeln vor dunkelblauem Hintergrund 248 Lichtpunkte. Sie bilden den Himmel über Jerusalem ab, exakt so, wie er sich zum jüdischen Neujahrsfest 5770 (September 2009) darstellt. An der Ostwand - in Richtung Jerusalem - einer jeden europäischen Synagoge findet sich der Thoraschrein, in dem die Schriftrollen für die Lesung der Wochenabschnitte aufbewahrt werden. Das ist auch in Herford so.
Die Gemeinde hat für ihren Neubau den Schrein und die Bima (das Lesepult) aus dem Gemeindehaus übernommen. Die Außenanlagen sollen im Lauf des Frühlings fertig werden. Für den Schutz von Grundstück und Gebäude sind umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen vorgenommen worden. Zur Einweihung am Sonntag werden die Vorsitzende des Zentalrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erwartet. Für den 11. April plant die Gemeinde einen Tag der Offenen Tür.