Bielefeld. 1982 sang Ina Deter: Neue Männer braucht das Land. 1984 fragte Herbert Grönemeyer in einem Hit: Wann ist ein Mann ein Mann? Seit knapp 30 Jahren steht das vermeintlich starke Geschlecht schwer unter Identitäts-Druck: Es muss seine Rolle neu definieren. So wie die Väter und Großväter sollen - und können - Männer nicht mehr sein; als Kopie der Frau taugen sie jedoch auch nicht. Was nun?
Als einzige Schule in der Stadt beschäftigt sich das Oberstufenkolleg an der Universität mit dieser Frage - und zwar seit 1987. In den Männerkursen wurde seitdem eine erstaunliche Parallele der Männer-Sozialisation über Generationen und Kulturen hinweg gefunden.
Stephan Holz, promovierter Mathematiker, war lange Zeit ein Gefangener typisch männlicher Anforderungen und Erwartungen. In der Männerwelt der Mathematik forschte er in den 80er Jahren in Konkurrenz zu anderen Wissenschaftlern und steckte, wenn nötig, seinen Machtbereich ab. "Wenn ich eine Lösung gefunden hatte, habe ich sie sofort den Forschern auf der Welt gefaxt und so meine Claims abgesteckt", berichtet der 58-Jährige. "Das war reiner Hochleistungssport." Holz stand enorm unter Druck. Die ganze Zeit. Bis die Zweifel kamen. "Als einige meiner Ergebnisse vom US-Militär genutzt wurden, habe ich mich gefragt: Was machst du da eigentlich?"
Dr. Stephan Holz änderte sein Leben. Seit 1986 unterrichtet er am Bielefelder Oberstufenkolleg, 1987 bot er erstmals einen Männer-Kursus an. Ziel: Die Sprachlosigkeit überwinden, die bisher unausgesprochenen Rollenzwänge aussprechen. Auch in eigener Sache. "Ich hatte nicht gemerkt, wie sehr das System Gewalt über meine Persönlichkeit hatte." Seine erste Männer-Veranstaltung wurde passenderweise vor allem von Nachwuchs-Mathematikern besucht.
"In den ersten Jahren mussten sich die Männer sehr anklagenden Frauen stellen", berichtet Holz. Zahlreiche Kollegiatinnen trugen Wut in sich - über Väter, Großväter oder Brüder. Sie saßen mit in den Männerkursen und verlangten neue Typen. Später analysierten die Männer alleine ihre Rolle, heute sind die Kurse wieder gemischt - jetzt im doppelten Sinne: Männer und Frauen, Deutsche und Zuwanderer.
Seit sechs Jahren ist Dr. Tuncer Cabadag als Lehrer dabei. Als 20-Jähriger flüchtete er aus der Türkei. 1980 putschte dort das Militär. Cabadag, Literaturwissenschaftler und Soziologe, ist eine Art Lockvogel für Kollegiaten mit türkischen oder kurdischen Wurzeln. Cabadag kennt die Zwänge, denen diese jungen Männer unterliegen. Ihre Mannwerdung beruht auf den Säulen Beschneidung, Wehrdienst, Arbeit, Familie, Ehre. Aber diese Tradition ist latent bedroht. "Vor allem die Frauen hinterfragen sie, sie wollen sich nicht mehr dem alten Rollenverständnis fügen", sagt Cabadag.Von türkischen oder deutschen Eltern groß gezogen - für die Männer kann nichts oder vieles nicht so bleiben, wie es ist. In den Männer-Kursen von Stephan Holz und Tuncer Cabadag wird ein erster Schritt gemacht - und der ist sehr simpel: Es wird geredet. Über männliche Identität. Denn es gibt eine erstaunliche Parallele bei Männern, egal aus welchen Generationen oder Kulturen. "Das riesige Schweigen", sagt Holz. Großväter redeten nicht mit dem Vater, Väter nicht mit dem Sohn.
Christoph Beninde und Menderes Candan bestätigen das. Der eine, 58 Jahre, Flüchtlingskind schlesischer Katholiken ("Für meine Eltern war das evangelische Bielefeld Feindesland"), heute im Welthaus tätig; der andere, 26 Jahre, Sohn von Bauern aus dem Südosten der Türkei, sieben Geschwister, islamisch erzogen, Politikwissenschaftler. Candan: "Zu den traditionellen Grundwerten gehört, dass der Mann die Familie schützt und zusammenhält." Beninde: "Mein Großvater war Soldat, mein Vater Reserve-Offizier, wir lebten in einem patriachalen Modell." In beiden Familien wurden die Pflichten der Männer als Gesetz begriffen. Bis Christoph und Menderes, in neuer Umgebung unter Veränderungsdruck, diese reflektierten. Genau das geschieht in den Männerkursen. Vor kurzem erklärten türkische Kollegiaten ihrem deutschen Lehrer die ganze Wucht des Ehren-Kodex aus ihrer Herkunftskultur. "Sie haben mir das hohe Maß von Gefangenheit klar gemacht, den sehr großen internen Druck, unter dem sie stehen", berichtet Stephan Holz. Er hat begriffen: "Der Mann hat keine andere Wahl als sich zu fügen, sonst wird er ausgegrenzt."
Doch allein dadurch, dass diese Zwänge öffentlich ausgesprochen werden, geschieht etwas: Distanz zum Gegenstand der Betrachtung und damit die Basis für Reflexion.
Letztlich haben die Männer sowieso keine andere Wahl. "Männer müssen Beweglichkeit lernen", sagt Tuncer Cabadag. Heute sind weniger Muskeln gefragt, sondern eher Kommunikationsfähigkeit. Ein Gebiet, auf dem Frauen besser sind. Was aber nicht heißt, dass der Mann nun - wie es in den 80er Jahren einige taten - sich selbst abschafft und zur Frau wird. Oder provokativ-plakativ ausgedrückt: die Hantel gegen die Stricknadel tauscht. "Nicht Anpassung an die Frauen, nicht das alte militärisch geprägte Rollenbild, ein dritter Weg ist gefragt", sagt Cabadag.
Also weder Wollsocken-Softi noch Muskel-Macho. Denn es geht, auch wenn es selten ausgesprochen wird, dabei auch immer um gegenseitige sexuelle Attraktivität.
Also, wenn schon Mann mit Stricknadel, dann kraftvoll.