Bielefeld. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts verlieren die Deutschen das Vertrauen in die katholische Kirche und ihre Jugendarbeit. Das scheint für die Kirche trotzdem kein Grund zu sein, das bisherige Vorgehen zu überdenken oder in der Jugendarbeit aktiv mit den Vorfällen umzugehen. Es bleibt schwierig, Ansprechpartner zu finden, die es wagen, offen zu sprechen.
Allen gemein ist aber, dass Eltern offenbar bislang keine Fragen haben, wie in kirchlichen Kinder- und Jugendangeboten mit ihren Sprösslingen umgegangen wird. Sibyl Bolley, Leiterin des Jugendtreffs in Bad Driburg, begründet das damit, dass in der dortigen Einrichtung drei weibliche hauptamtliche Kräfte arbeiten. "Ich fühle mich von dem Skandal nicht angesprochen", sagt sie, möchte sich aber auch nicht aktiv gegenüber den Eltern äußern: "Das kann dann ja auch als Eingeständnis gesehen werden", erklärt sie.
"Mir ist von Eltern noch nichts zu Ohren gekommen", sagt auch Helmut Poggemöller, Leiter des Jugendamtes in Minden. Zum einen befänden sich keine Internate "im Dunstkreis", zum anderen werde seit Jahren bereits präventiv einiges gegen möglichen, sexuellen Missbrauch getan. "Wir führen zum Beispiel Theaterstücke für Kinder auf, um ihnen zu zeigen, wo Grenzen liegen, und dass sie Nein sagen dürfen."
Aus Sicht des evangelischen Pfarrers Carsten Glatt, der in der Kirchengemeinde Schloß Holte-Stukenbrock für die Jugendarbeit zuständig ist, sind solche Projekte zur Selbstbehauptung unheimlich wichtig. Aber auch er hat nicht vor, den Missbrauchsskandal zum Thema zu machen: "Die Eltern vertrauen uns, und wir achten immer darauf, nie mit einer jungen Dame alleine zu sein, und haben deshalb im Jugendhaus zwei hauptamtliche Kräfte angestellt." Passiert dann doch etwas, werde in der evangelischen Kirche rigoros damit umgegangen: "Dann ist die Person weg, das ist klar."
Der Bielefelder Jugendpfarrer Thomas Wandersleb schließt nicht aus, dass es auch noch Fälle in der evangelischen Kirche geben wird und die große Welle erst noch komme. Einen Grund, die Jugendarbeit zu verändern, sieht aber auch er nicht: "Das sind ja größtenteils Fälle, die Jahrzehnte alt sind, unsere Leute aber haben eine frische Ausbildung auf einem ganz anderen fachlichen Niveau als die Pädagogen damals." Wichtiger findet er, jetzt nicht in eine falsche Distanz zu verfallen.
"Wir achten heutzutage immer darauf, Kinder nicht auf den Schoß zu nehmen und nicht mit ihnen alleine zu sein", bestätigt auch Michael Niedenführ, geistlicher Begleiter der Kolpingjugend in Bielefeld. Trotzdem ist er einer der wenigen, die Aktivität fordern: "Es macht keinen Sinn, normal weiterzumachen, wir müssen das zum Thema machen." Der katholische Pfarrer Achim Babel, Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost, geht mit gutem Beispiel voran: Zweimal hat er in der Kirche zum Thema Missbrauch gepredigt. "Wir müssen damit offen umgehen – das muss auf den Tisch", sagt er vehement. Gemeindemitglieder hätten ihn nach der Predigt angesprochen und sich für seine Offenheit bedankt. "Aber es ist doch eine Schuld, der man sich stellen muss, und das Vertrauen, um das ich werben muss", sagt Babel. "Wir müssen die Antwort auf die Frage finden: Wie gehen wir weiter mit dieser Kirche um?"
















