Bielefeld/Paderborn. Es war der Umweltskandal des Jahres 2006 in Nordrhein-Westfalen: Die hochgiftige Chemikalie PFT war in großem Stil in Düngemittel gemischt auf Äcker verteilt worden, hatte Flüsse verseucht, Trinkwasser vergiftet, sich sogar im menschlichen Blut angereichert. Nach vier Jahren hat der Skandal nun endlich sein juristisches Nachspiel: Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat beim Landgericht Paderborn Anklage wegen Boden- und Gewässerverunreinigung erhoben.
Beschuldigt werden sieben Personen, zwei davon in verantwortlicher Position bei dem inzwischen insolventen Unternehmen GW Umwelt aus Borchen im Kreis Paderborn. Vier der Beschuldigten gehören zu dem belgischen Lieferanten, mit dem der 40-jährige GW-Umwelt-Geschäftsführer Ralf W. laut Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann illegale Absprachen getroffen haben soll. Zudem wird einem Rechtsanwalt aus Brilon vorgeworfen, Beweismittel versteckt zu haben.
Die Schwerpunktabteilung der Staatsanwaltschaft zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität wirft Ralf W. sowie dem gleichaltrigen Betriebsleiter der Borchener Firma vor, mit PFT versetzten Industrieklärschlamm aus Belgien und den Niederlanden mit anderen Abfällen vermischt und das giftige Gebräu anschließend als "Bioabfallgemisch zum Düngen" an zahlreiche Landwirte im Hochsauerland, im Kreis Soest sowie in den Kreisen Paderborn, Höxter, Gütersloh und Lippe verkauft zu haben. Auch in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern verarbeiteten Bauern das Material, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft.
Bodenverunreinigungen und Sanierungskosten in Millionenhöhe
Damit dies überhaupt möglich war, sollen die Lieferanten aus dem belgischen Mechelen und dem holländischen Apeldoorn das Gift als Abfall aus der Lebensmittelindustrie deklariert haben, so Pollmann. "Tatsächlich sind die Abfälle aber aus ganz anderen Bereichen gekommen - ein Bestandteil war die Industriechemikalie PFT."Ralf W., damals Geschäftsführer bei GW Umwelt in Borchen und der ebenfalls beteiligten Firma Terra Vital in Thüringen (heute beide bankrott), habe mit den Importeuren wissentlich zusammengearbeitet, betonte Pollmann. Für die Weiterverarbeitung und den Verkauf des umetikettierten Giftschlamms hätten W.s Firmen viel Geld erhalten, so die Anklage. "Weil das Entsorgen von belastetem Abfall sehr teuer ist, führte das in der Vergangenheit zu einem europaweiten Abfalltourismus", erklärte der Oberstaatsanwalt - und in der Folge zu zahlreichen Bodenverunreinigungen, Gesundheitsgefährdungen und Sanierungskosten in Millionenhöhe.Die Staatsanwaltschaft hat deshalb auch gegen ein Vorstandsmitglied (34), zwei Produktmanager (41, 51) und eine Mitarbeiterin (30) des belgischen Lieferanten Anklage erhoben. Das Rechtshilfeersuchen zur Durchsuchung und Beschlagnahmung von Geschäftspapieren bei der niederländischen Firma laufe allerdings noch. "Die holländischen Verantwortlichen sind bei der Anklage also noch außen vor."
Auch drei Jahre nach dem Skandal noch Belastungen
PFT - perfluorierte Tenside - gelten als hochgiftig und stehen im Verdacht, Krebs zu erregen. Auf schätzungsweise 1.000 Äckern landete der angebliche "Biodünger". Nur weil Regen die Chemikalie damals von den Ackerflächen in die Flüsse Möh-ne und Ruhr gespült hatte, wur-de der PFT-Skandal überhaupt publik. Das Trinkwasser im Regierungsbezirk Arnsberg wurde damals erheblich verseucht. Zumindest zur Zubereitung von Säuglingsnahrung durften die Bürger es daraufhin lange Zeit nicht mehr verwenden.Bürger in den betroffenen Ortschaften werden seither regelmäßig auf Giftrückstände untersucht. Das erschreckende Ergebnis der letzten Blutproben aus dem Jahr 2009: Auch drei Jahre nach dem Skandal waren noch Belastungen feststellbar.
Die Rechnung für Sanierungskosten auf einem besonders belasteten Gelände in Brilon - 2,5 Millionen Euro - hatte der Hochsauerlandkreis 2007 an Ralf W. geschickt. Ohne Ergebnis. Der Geschäftsführer verwies auf seine Zahlungsunfähigkeit. Allerdings war die laut Staatsanwaltschaft nur fingiert: Mit Hilfe seines Rechtsanwalts (50) soll er einen großen Teil seines Vermögens einfach auf Familienangehörige übertragen haben. Deshalb ist er nun auch wegen Bankrotts und Vereitelns der Zwangsvollstreckung angeklagt. Gegen zwei Brüder von W. und deren Lebensgefährtinnen ist deshalb schon vor mehr als einem Jahr Anklage in Arnsberg erhoben worden.
Hartnäckige Chemikalien
Perfluorierte Tenside (PFT) sind Kohlenwasserstoffverbindungen, bei denen die Wasserstoffatome durch Fluoratome ersetzt sind. Sie kommen nicht natürlich vor und werden deshalb industriell hergestellt. PFT gelten als außerordentlich stabile Verbindungen, sind temperaturresistent, auch chemisch fast unverwüstlich und gelten als nicht natürlich abbaubar. Auch normale Kläranlagen scheitern an dem Stoff. Verwendet werden PFT-Verbindungen in einer Vielzahl von Produkten - etwa in der Textilindustrie für atmungsaktive Jacken und in der Papierindustrie zur Herstellung von schmutz-, fett- und wasserabweisenden Papieren.













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