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20.07.2010
BIELEFELD
Migranten sind anders krank
Der kulturelle Hintergrund spielt bei psychischen Erkrankungen eine große Rolle
VON ANDREA HÜTTENHÖLSCHER

Blutdruckmessung | FOTO: MARIENHOSPITAL DARMSTADT

Bielefeld. Der Chinese kennt 500 Ausdrücke für Kopfschmerzen; der Deutsche nur ein paar. "Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen beschreiben Krankheiten unterschiedlich - und haben häufig auch andere Symptome", sagt die Bielefelder Ärztin Solmaz Golsabahi. Sie ist Vorsitzende in einem bundesweiten Verein, der für bessere Versorgung von Psychiatriepatienten mit ausländischen Wurzeln kämpft. Auch andere Organisationen haben erkannt: Migranten brauchen Unterstützung im deutschen Gesundheitssystem.

Link zum Thema
Infos zum DTPPP unter www.dtppp.com, zum Projekt "MiMi" unter www.bkk-promig.de.
nw-news.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Krankheiten sind zwar weltweit gleich, aber Menschen reagieren verschieden. "Frauen und Männer leiden bei einer Erkältung unterschiedlich", nennt Golsabahi ein Beispiel, das wohl jeder aus eigener Erfahrung kennt. Mindestens ebenso sehr beeinflusse die Kultur das Empfinden bei einer psychischen Erkrankung.

Info
Studie der Uni Bielefeld

15,5 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, also ausländische Wurzeln. Das ist fast ein Fünftel (19 Prozent) der Bevölkerung.

Detaillierte Zahlen über die gesundheitliche Situation bei Migranten, beispielsweise aufgeschlüsselt nach Herkunftsländern oder Altersgruppen, fehlen fast ganz. Erste Daten lieferte die an der Universität Bielefeld erstellte Studie "Migration und Gesundheit" . Diese Untersuchung zeigt, dass das Krankheitsspektrum bei den Migranten insgesamt ähnlich ist wie bei der deutschen Bevölkerung.

In vielen Bereichen gibt es aber deutliche Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes und der Bedeutung bestimmter Gesundheitsrisiken, etwa in den Bereichen Infektionskrankheiten, Mutter-Kind-Gesundheit, Gesundheit am Arbeitsplatz sowie chronische Erkrankungen und deren Risikofaktoren.

Depressive Menschen schlafen zwar in allen Ländern schlecht und sind überall auf der Welt antriebsarm. Im Westen gesellen sich zu diesen Symptomen aber Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, im Nahen Osten eher ein körperliches Unwohlsein, in Asien dagegen ein Gefühl der Entehrung, so Golsabahi, leitende Ärztin der Hellweg-Klinik in Bielefeld. Das mache die richtige Diagnose für den Arzt häufig schwer: "Es ist wichtig, dass sich der Mediziner Zeit nimmt und sich auf die Kultur und die Sprache seines Patienten einlässt."

Fortbildungen für Ärzte und Fachpersonal

Die Ärztin hat 2008 den "Dachverband der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum", kurz DTPPP, gegründet und ist auch dessen Vorsitzende. Der Verband organisiert unter anderem Fortbildungen für Ärzte und Fachpersonal.

Besonders schwierig ist für Psychiatriepatienten mit ausländischen Wurzeln die sprachliche Verständigung. Es sei schon schwer genug, einem Hausarzt genau zu erklären, wo und wie etwas wehtut. "Bei einem normalen Arztbesuch springen Kinder oder Bekannte ein und übersetzen." Aber bei seelischen und intimen Problemen scheidet das oft aus: "Wer nimmt schon sein Kind mit, um ein Gespräch über sexuelle Probleme übersetzen zu lassen?" Auch dass nicht jeder Begriff ins Deutsche zu übersetzen ist, erschwert die Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

Dass es bei der gesundheitlichen Versorgung von Migranten großen Handlungsbedarf gibt, haben auch andere Institutionen erkannt. So wurde 2003 das Projekt "MiMi - Migranten für Migranten" ins Leben gerufen, bei dem sich Golsabahi ebenfalls engagiert. In jedem Land funktioniert das Gesundheitssystem anders.

Lotsen geben Infos weiter

"Viele ausländische Patienten haben große Hemmungen, zum Arzt zu gehen, oder sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch, weil sie sie aus der Heimat gar nicht kennen", erläutert Annegret Grewe vom Interkulturellen Büro der Stadt Bielefeld.

Das Projekt funktioniert so: Migranten mit guten Deutschkenntnissen werden zu "Gesundheitslotsen" ausgebildet. Die sogenannten Mediatoren lernen das deutsche Gesundheitssystem umfassend kennen und erhalten Informationen zu Gesundheit und Prävention. Anschließend veranstalten die "Gesundheitslotsen" selbst Informationsabende, auf denen sie ihren Landsleuten in der jeweiligen Muttersprache das deutsche Gesundheitssystem vorstellen.

"Wir haben gerade erst wieder 17 Mediatoren ausgebildet", berichtet Grewe, die für die Stadt Bielefeld von einem erfolgreichen Projekt spricht. Auch Golsabahi findet "MiMi" gut, meint aber, dass für den "interkulturellen Gesundheitssektor" noch viel mehr getan werden müsse. Beispielsweise fehle im Medizinstudium ein klares Konzept für dieses große Thema.

Fallstricke lauern für Migranten überall, selbst in simplen Ernährungsfragen. Ein indischer Diabetiker definiert eine "Broteinheit (BE)" ganz anders als ein deutscher Patient. Wenn der Inder sich an die Vorgaben im Ernährungsplan des Arztes hielte, würde er wohl nach wenigen Tagen unterzuckert sein, denn indisches Fladenbrot, das "Naan", hat viel weniger Kohlenhydrate als ein deutsches Brot - nur eines von vielen Beispielen dafür, wie schon kleine kulturelle Unterschiede große gesundheitliche Folgen haben können.


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Kommentare
Ich unterrichte unter anderem sog. Integrationskurse und kann aus erster Hand berichten, dass das Thema "Gesundheit" einen wichtigen Stellenwert im Unterricht einnimmt. Ein Teilnehmer, der an so einem Kurs erfolgreich teilgenommen hat, ist durchaus in der Lage, einen normalen Arztbesuch zu bewältigen. Natürlich sind auch wir Dozenten keine Experten und können nicht alles erklären, z. B. im Bereich psychischer Erkrankungen.

Darum fände ich etwas mehr interkulturelle Kompetenz seitens aller Mitbürger begrüßenswert.
Man muss ja nicht gleich die Sprache lernen, denn so viele Sprachen kann man gar nicht können; aber einfach zu verstehen, dass ein "Ausländer" (es könnte ja auch ein Tourist sein) gewisse Dinge anders empfindet und beschreibt, würde das Zusammenleben erleichtern.
Ich bin immer noch sehr verwundert, wie vielen Menschen das nicht bewusst ist.

Übrigens: Migranten, die die Sprache nicht lernen WOLLEN, frage ich nach den Gründen.
Einige konnte ich schon aufrütteln und sie haben es wenigstens versucht; den Rest lasse ich ungeniert auflaufen (natürlich mit Ankündigung). Die Meldungen über Fehlzeiten und Leistungsverweigerung an die Agentur für Arbeit resultieren oft in Leistungskürzungen, die ich vollkommen berechtigt finde.
Es gibt diverse verständliche Gründe dafür, die Landessprache nicht zu erlernen, der fehlende Wille gehört für mich nicht dazu!

Langsam geht mir diese "alle-Ausländer-sind grundsätzlich-gut-Fraktion" unheimlich auf den Senkel. Diese Leute meinen, wir Deutschen hätten aufgrund unserer zweifelsohne schlimmen Vergangenheit das Recht verwirkt, Menschen mit Migrationshintergrund zu kritisieren. Es ist ein Faktum, dass diese Bevölkerungsgruppe überproportional an Straftaten beteiligt ist. Aber es gibt leider immer noch Spinner, die das nicht wahrhaben wollen und meinen, es sei politisch unkorrekt, darüber zu sprechen. Warum zum Teufel, sollen ausländischen Menschen hier Privilegien (wie Dolmetscher beim Arzt)) eingeräumt werden?

@ Bernd "…Warum zeigen eigentlich alle immer auf andere Völker? Was andere machen, kann uns hier gar nicht interessieren. Nur wir entscheiden...und das sollten wir unserer Geschichte entsprechend auch tun...wir Deutsche haben eine Bringschuld…"

Ist zwar ein durchaus nicht kleiner Widerspruch, den Sie da von sich geben, aber nun gut. Lassen wir das, da Sie ja in Ihren Vorstellungen des guten Deutschlands doch sehr be- bzw. gefangen sind. Möge dieses wunderbare Land niemals dahin gehen, wohin Sie es führen würden, hätten Sie die Möglichkeit der politischen Einflussnahme.
Wäre es in Ihrem von Ihnen geprägten Deutschland (ich mag den Namen des Landes, in dem wir leben, kaum ausschreiben, könnte ja zu nationalistisch rüber kommen) denn denkbar, dass man Migranten eventuell vielleicht gegebenenfalls, wenn es nicht zu sehr schmerzt, zutrauen könnte, in den Gelben Seiten nach praktizierenden Ärzten zu suchen, die dieselbe Sprache sprechen, wie der Aua habende Patient?
Oder halten Sie wirklich alle Migranten für so dumm und unselbstständig, wie Sie sie hier gern verkaufen möchten.

@BETTY (ich habe es gerade erst mit entsetzen gelesen) - die usa als vorbild oder auch nur als vergleich zu nennen ist ja wohl das allerletzte! diese "weltpolizei", die weltweit angriffskriege führt und sich als kolonialherr über die 3. welt aufspielt ist wohl denkbar der schlechteste vergleich! dort werden ja gerade die sozial schwachen unterdrückt! gerade deswegen darf das hier mit den zuwanderern nicht passieren und wir dürfen eben nicht den fehler machen wie die usa uns über andere kulturen zu stellen. hier ist jeder mensch und jede kultur willkommen vollkommen unabhängig warum er hier leben möchte und wir freuen uns darüber gemeinsam mit allen zuwanderern!

also so langsam sollte die nw hier mal einschreiten! ich kann kaum glauben was ich zu lesen bekomme und dass obwohl ich immer ganz gern die nw gelesen habe. warum werden hier alle nur denkbaren kommentare durchgewunken in denen die ausländer diskriminiert werden? wir sollten auch andere mentalitäten gleichwertig hochschätzen. unabhängig von der sprache! jeder sollte die gleichen chancen haben unabhängig von der herkunft und auch wenn er seine kultur nicht aufgeben will! und diese hier latente fremdenfeindlichkeit sollte die nw wirklich unterbinden. deutschland ist ein einwanderungsland und ich freue mich sehr über die vielfältigen kulturen hier. das bringt uns allen doch neue und interessante erfahrungenund in einem reichen land wie deutschland darf eben niemand benachteiligt werden weil wir es uns ja gut leisten können hier. da ist rassismus vollkommen fehl am platze wie überall sonst auch!



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