Bielefeld. Der Chinese kennt 500 Ausdrücke für Kopfschmerzen; der Deutsche nur ein paar. "Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen beschreiben Krankheiten unterschiedlich - und haben häufig auch andere Symptome", sagt die Bielefelder Ärztin Solmaz Golsabahi. Sie ist Vorsitzende in einem bundesweiten Verein, der für bessere Versorgung von Psychiatriepatienten mit ausländischen Wurzeln kämpft. Auch andere Organisationen haben erkannt: Migranten brauchen Unterstützung im deutschen Gesundheitssystem.
Infos zum DTPPP unter www.dtppp.com, zum Projekt "MiMi" unter www.bkk-promig.de.
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Krankheiten sind zwar weltweit gleich, aber Menschen reagieren verschieden. "Frauen und Männer leiden bei einer Erkältung unterschiedlich", nennt Golsabahi ein Beispiel, das wohl jeder aus eigener Erfahrung kennt. Mindestens ebenso sehr beeinflusse die Kultur das Empfinden bei einer psychischen Erkrankung.
Studie der Uni Bielefeld
15,5 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, also ausländische Wurzeln. Das ist fast ein Fünftel (19 Prozent) der Bevölkerung.
Detaillierte Zahlen über die gesundheitliche Situation bei Migranten, beispielsweise aufgeschlüsselt nach Herkunftsländern oder Altersgruppen, fehlen fast ganz. Erste Daten lieferte die an der Universität Bielefeld erstellte Studie "Migration und Gesundheit" . Diese Untersuchung zeigt, dass das Krankheitsspektrum bei den Migranten insgesamt ähnlich ist wie bei der deutschen Bevölkerung.
In vielen Bereichen gibt es aber deutliche Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes und der Bedeutung bestimmter Gesundheitsrisiken, etwa in den Bereichen Infektionskrankheiten, Mutter-Kind-Gesundheit, Gesundheit am Arbeitsplatz sowie chronische Erkrankungen und deren Risikofaktoren.
Depressive Menschen schlafen zwar in allen Ländern schlecht und sind überall auf der Welt antriebsarm. Im Westen gesellen sich zu diesen Symptomen aber Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, im Nahen Osten eher ein körperliches Unwohlsein, in Asien dagegen ein Gefühl der Entehrung, so Golsabahi, leitende Ärztin der Hellweg-Klinik in Bielefeld. Das mache die richtige Diagnose für den Arzt häufig schwer: "Es ist wichtig, dass sich der Mediziner Zeit nimmt und sich auf die Kultur und die Sprache seines Patienten einlässt."
Fortbildungen für Ärzte und Fachpersonal
Die Ärztin hat 2008 den "Dachverband der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum", kurz DTPPP, gegründet und ist auch dessen Vorsitzende. Der Verband organisiert unter anderem Fortbildungen für Ärzte und Fachpersonal.
Besonders schwierig ist für Psychiatriepatienten mit ausländischen Wurzeln die sprachliche Verständigung. Es sei schon schwer genug, einem Hausarzt genau zu erklären, wo und wie etwas wehtut. "Bei einem normalen Arztbesuch springen Kinder oder Bekannte ein und übersetzen." Aber bei seelischen und intimen Problemen scheidet das oft aus: "Wer nimmt schon sein Kind mit, um ein Gespräch über sexuelle Probleme übersetzen zu lassen?" Auch dass nicht jeder Begriff ins Deutsche zu übersetzen ist, erschwert die Kommunikation zwischen Arzt und Patient.
Dass es bei der gesundheitlichen Versorgung von Migranten großen Handlungsbedarf gibt, haben auch andere Institutionen erkannt. So wurde 2003 das Projekt "MiMi - Migranten für Migranten" ins Leben gerufen, bei dem sich Golsabahi ebenfalls engagiert. In jedem Land funktioniert das Gesundheitssystem anders.
Lotsen geben Infos weiter
"Viele ausländische Patienten haben große Hemmungen, zum Arzt zu gehen, oder sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch, weil sie sie aus der Heimat gar nicht kennen", erläutert Annegret Grewe vom Interkulturellen Büro der Stadt Bielefeld.
Das Projekt funktioniert so: Migranten mit guten Deutschkenntnissen werden zu "Gesundheitslotsen" ausgebildet. Die sogenannten Mediatoren lernen das deutsche Gesundheitssystem umfassend kennen und erhalten Informationen zu Gesundheit und Prävention. Anschließend veranstalten die "Gesundheitslotsen" selbst Informationsabende, auf denen sie ihren Landsleuten in der jeweiligen Muttersprache das deutsche Gesundheitssystem vorstellen.
"Wir haben gerade erst wieder 17 Mediatoren ausgebildet", berichtet Grewe, die für die Stadt Bielefeld von einem erfolgreichen Projekt spricht. Auch Golsabahi findet "MiMi" gut, meint aber, dass für den "interkulturellen Gesundheitssektor" noch viel mehr getan werden müsse. Beispielsweise fehle im Medizinstudium ein klares Konzept für dieses große Thema.
Fallstricke lauern für Migranten überall, selbst in simplen Ernährungsfragen. Ein indischer Diabetiker definiert eine "Broteinheit (BE)" ganz anders als ein deutscher Patient. Wenn der Inder sich an die Vorgaben im Ernährungsplan des Arztes hielte, würde er wohl nach wenigen Tagen unterzuckert sein, denn indisches Fladenbrot, das "Naan", hat viel weniger Kohlenhydrate als ein deutsches Brot - nur eines von vielen Beispielen dafür, wie schon kleine kulturelle Unterschiede große gesundheitliche Folgen haben können.
Darum fände ich etwas mehr interkulturelle Kompetenz seitens aller Mitbürger begrüßenswert.
Man muss ja nicht gleich die Sprache lernen, denn so viele Sprachen kann man gar nicht können; aber einfach zu verstehen, dass ein "Ausländer" (es könnte ja auch ein Tourist sein) gewisse Dinge anders empfindet und beschreibt, würde das Zusammenleben erleichtern.
Ich bin immer noch sehr verwundert, wie vielen Menschen das nicht bewusst ist.
Übrigens: Migranten, die die Sprache nicht lernen WOLLEN, frage ich nach den Gründen.
Einige konnte ich schon aufrütteln und sie haben es wenigstens versucht; den Rest lasse ich ungeniert auflaufen (natürlich mit Ankündigung). Die Meldungen über Fehlzeiten und Leistungsverweigerung an die Agentur für Arbeit resultieren oft in Leistungskürzungen, die ich vollkommen berechtigt finde.
Es gibt diverse verständliche Gründe dafür, die Landessprache nicht zu erlernen, der fehlende Wille gehört für mich nicht dazu!