Duisburg/Bielefeld. Äußerlich machen sie am Tag nach der Katastrophe von Duisburg einen gefassten Eindruck. Die fünf Bielefelder Yannick Schmidt, Raul El-Souaf, Lennart Preuth, Daniel Intrup (alle 17) und Michael Michalowsk (19) sind dem Schlimmsten bei der Loveparade gerade noch entkommen. Anders erging es zwei jungen Menschen aus OWL. Eine 19-jährige Bielefelderin und ein 18 Jahre alter Bad Oeynhausener verloren bei der Technoparade ihr Leben.
Aber selbst die fünf Bielefelder steckten zeitweise mittendrin in den angsteinflößenden Menschenmassen am Festivalgelände. Das Schlimmste erlebten sie in der Mittagszeit vor dem Einlass zum Party-Areal: "Es wollten einfach alle rein. Da wurde es eng. Und dann mussten auch noch Polizei und Sanitäter da durch", erzählt Lennart Preuth.
Als es die fünf Jungs nach stundenlangem Schieben und Ausharren vor dem Eingang endlich aufs Loveparade-Gelände geschafft hatten, fragten sie nach dem Weg zur Hauptbühne. "Aber da konnte uns keiner den Weg sagen", kritisiert Yannick Schmidt die Organisation. Schließlich bahnten sie sich auf eigene Faust den Weg zur Bühne und waren auch dort, als am anderen Ende des Geländes Technofans um ihr Leben rangen. Vom Unglück erfuhren sie erst gegen 20 Uhr per SMS. Die Handynetze waren ausgefallen. Die Bielefelder fragen sich, wieso die Veranstalter nicht schon vorher viel mehr Ein- und Ausgänge für das Gelände eingeplant hätten: "Dafür, dass dieser eine Tunnel gleichzeitig Ein- und Ausgang war, waren es einfach zu viele Menschen."
Welches Drama sich am Tunnel abgespielt hatte, erfuhr auch Loveparade-Besucher Sören Harting aus dem Kreis Minden-Lübbecke erst durch Zufall: "Als ich irgendwann zur Toilette gehen wollte, hat mich ein Beamter zurückgewiesen und gesagt, dass dort Tote geborgen werden", berichtet er. Weil die meisten Besucher nichts von den Todesfällen erfahren hätten, sei kräftig weitergefeiert worden. Doch für Harting war das Ende der Party gekommen: "Mein Kumpel und ich hatten dann keine Lust mehr zum Feiern."
"Dann bin ich noch einmal zusammengebrochen"
Beklemmende Erfahrungen am Geländeeingang und am Tunnel machte auch Sebastian Gerdes. Der Bielefelder musste sogar mit ansehen, wie eine Panik ausbrach: "Ich stand oben auf der Brücke. Die Leute, die es geschafft haben, die Mauer hochzukommen, sind in Tränen ausgebrochen. Einige haben geblutet. Ich selbst habe auch was abbekommen." Am Abend wollte er mit seiner Gruppe einfach nur noch weg. Raus aus Duisburg. Doch das Erlebte konnte keiner im Auto vergessen: "Kurz nach Duisburg sind wir auf einen Parkplatz gefahren und in Tränen ausgebrochen." Gerdes brachte seine Mitfahrer danach trotzdem noch sicher nach Bielefeld, doch nach der Rückkehr konnte er einfach nicht mehr: "Dann bin ich ein zweites Mal zusammengebrochen."
Auch knapp hundert Beamte der Bielefelder Bereitschaftspolizei waren im Einsatz – genau an der Unglücksstelle. "Allerdings sind wir mittags dort abgelöst worden", sagte Hundertschaftsleiter Wiegand Patzelt. "Dass es im Tunnel eng werden würde, war allen vorher klar. Aber dann ist die Menge oben am Rand des Geländes nicht weitergegangen", so Patzelt. Die Partytrucks, die dort entlangfuhren, haben viele Besucher zum Anhalten bewegt. "Dadurch kamen die Nachkommenden im Tunnel zum Stehen. Schon zu dem Zeitpunkt haben wir dazu geraten, oben mehr Ordner einzusetzen, um die Menschen weiter aufs Gelände zu leiten." Nach dem Unfall wurden die Bielefelder Beamten in den Unglückstunnel zurückgeschickt: "Wir sollten dort dem Rettungsdienst den Rücken freihalten. Aber man kann tausend Menschen nicht einfach aufhalten. Auch Polizisten sind in so einer Situation irgendwie hilflos."