Elektrische Fischscheuchanlage schockt zwei Frauen / Ein Hund und ein Mann sterben
Porta Westfalica. Strom schießt durch den Körper – es zuckt, es brennt, die Zähne schlagen aufeinander – Marina und Susanna Frank aus Lemgo können sich nicht mehr bewegen, drohen in der Weser zu ertrinken. Vor sieben Jahren schildern sie dem Gemeinschaftskraftwerk Veltheim ihr Erlebnis. Sie vermuten, dass sie durch die elektrische Fischscheuchanlage des Unternehmens fast zu Tode kamen. Das Unternehmen wies sie ab. Am vergangegen Freitag sind nun ein Mann und ein Hund an der gleichen Stelle gestorben.
Unfallstelle oder Todesfalle?
Durch den rund 25 Meter breiten und rund 60 Meter langen Kühlwassereinlauf des Gemeinschaftskraftwerkes Veltheim wird Wasser eingesogen, um die Kühltürme zu versorgen. Die Fischscheuchanlage ist ein Geflecht aus Drähten, dass vor dem Einlauf im Wasser gespannt ist und mit Niederstromspannung Fische davon abhalten soll, hineinzuschwimmen.
Mit ins Wasser eingetauchten Elektroden wird dabei ein elektrisches Impulsfeld mit einer Stromdichte von mindestens 2,56 Ampere erzeugt. Ein Elektrozaun hat etwa 1 Ampere. Eine Alternative zur elektrischen Fischscheuchanlage sind akustische Scheuchanlagen. Deren Erprobung an der Universität Weimar wurde unter anderem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. (alir)
Eigentlich war es ein schöner Nachmittag. Die Sonne schien als der 40-jährige Oliver K. den Hund seiner Bekannten Nicole Hollmann, Senta, ausführte. Die Idylle wich jäh, als der Vierbeiner vom Weserufer aus, in der Nähe des Kühlwassereinlaufs des Gemeinschaftskraftwerks Veltheim, seinen Durst löschen wollte. Er stürzte ins Wasser. Zeugen sagen später, er schrie, scheinbar unter Schmerzen. Oliver K. folgte dem Hund ins Wasser, versuchte das Tier zu retten. "Camper haben mir erzählt, dass auch der Mann laut vor Schmerzen geschrien hat", sagt Rolf Struck, Platzwart auf dem Campingplatz Weserfreizeit Erder, der circa 80 Meter von dem betroffenen Weserabschnitt entfernt liegt. Hund und Mann starben. Beide werden, etwa zwei Meter von dem Gitter des Kühlwassereinlaufs des Gemeinschaftskraftwerkes, geborgen – nachdem der Strom der dort befindlichen Fischscheuchanlage abgestellt worden war.
Als Marina Frank den Unfall-Bericht in der Zeitung liest ist für sie klar: auch Oliver K. und Hund Senta wurden durch den Strom gelähmt und sind daraufhin ertrunken. Sie und ihre Schwägerin Susanna konnten vor sieben Jahren nur mit Hilfe ihres Bruders gerettet werden. Er sei unter Schmerzen bis zur Hüfte ins Wasser gewatet und habe die beiden Frauen herausgezogen. Alle drei verbrachten eine Nacht auf der Intensivstation, Susanna Frank sogar eine ganze Woche im Krankenhaus.
Durch den Strom gelähmt und daraufhin ertrunken
Die Spannung der Fischscheuchanlage lag bei ihrer Genehmigung zwischen 230 und 400 Volt. "Das ist die Normalspannung einer solchen Anlage", sagt Manuel Langkau, der in Zusammenarbeit mit dem Landesfischereiverband Westfalen-Lippe Fischscheuchanlagen prüft, "diese Spannung kann Fische eigentlich nur erschrecken. Betäubt sind sie ab 600 Volt."
Matthias Küßner vom Wasser und -Schiffahrtsamt Minden bestätigt: "Wir haben die Anlage des Gemeinschaftskraftwerkes 1974 genehmigt, damals entsprach sie allen Vorgaben."
Trotzdem stehen neben der Anlage Warnschilder mit dem Hinweis auf Lebensgefahr. Marina Frank und ihre Familie hatten die Stelle vor sieben Jahren mit Gummibooten passiert und ihr Paddel verloren. "Wir bekamen Angst, dass wir in die Anlage gesogen werden könnten und wollten ans Ufer schwimmen", erinnert sie sich.
Vom Gemeinschaftskraftwerk wird sie dafür später als leichtsinnig dargestellt, ihre Geschichte als unglaubwürdig. Der Vater von Susanna Frank, der Physikprofessor Matthias Hahn, der an der Universität Göttingen lehrt, nahm Messungen an der Anlage vor und erhielt wesentlich höhere Werte, als von dem Gemeinschaftskraftwerk angegeben.
Geschichte als unglaubwürdig dargestellt
"Die haben sofort Anwälte eingeschaltet und einen eigenen Spezialisten die Werte prüfen lassen", erzählt Marina Frank, "diese Werte waren dann vorschriftsgemäß". Das Unternehmen hätte daraufhin argumentiert, die beiden Frauen hätten sich wohl nur erschreckt. "Wir haben uns einschüchtern lassen", erzählt Frank. Zu einer Verhandlung kam es nicht.
An diesen Vorfall kann sich Jörg Röthemeier, Mitglied der Geschäftsführung des Gemeinschaftswerkes Veltheim, nicht mehr erinnern. "Mit dieser Anlage gab es noch nie Probleme", sagt er, sie entspreche allen Vorgaben. "Über eine Alternative denken wir nicht nach, so lange die Anlage funktioniert", so Röthemeier. Wieso der Hund und Oliver K. gestorben seien, wisse er nicht, an der Anlage könne es aber nicht gelegen haben.
"Die Obduktion hat ergeben, dass der Tote durch Ertrinken starb", sagt Werner Wojahn, Sprecher der Polizei Minden-Lübbecke. Die Staatsanwalt Bielefeld hat den Fall bereits abgeschlossen. Auch die Anzeige gegen Unbekannt, die Hundebesitzerin Nicole Hollmann stellte, lief ins Leere. Weiterklagen will sie aber nicht: "Das bringt uns die beiden auch nicht wieder."