Gütersloh. Pflanzen mit berauschender Wirkung begegnen einem fast überall: Im Wald wachsen Fliegenpilze, Tollkirsche und Stechapfel, in den Parks blühen Engelstrompeten und gewisse Arten von Zierkakteen. Im Kreis Gütersloh sind derzeit besonders Hortensien begehrt.
Aus mindestens fünf Gärten haben Unbekannte in den vergangenen Wochen und Monaten Hortensien gestohlen. Sie schlichen sich nachts an die Grundstücke an, vor allem von größeren landwirtschaftlichen Anwesen, und rupften die Pflanzen heraus. Die Gütersloher Polizei geht nicht davon aus, dass es sich dabei um Pflanzenliebhaber handelte.
Den doldenförmigen Blüten der Hortensien wird eine berauschende Wirkung nachgesagt. Drogenkonsumenten nutzen sie als Haschisch-Ersatz. Sie schneiden die Knospen heraus, trocknen sie und rauchen sie pur oder vermengt mit Tabak. In der Kiffer-Szene, vor allem unter Jugendlichen, gelten sie immer mal wieder als Hit.
Besorgt gab die Gütersloher Polizei in der vergangenen Woche schon eine Meldung heraus. Die Bürger sollten auf fremde, auffällige Autos und Personen achten. Sie sollten keine Hemmungen haben, die 110 zu wählen, lieber einmal häufiger als einmal zu wenig. Die Beamten hoffen, dass sie die Täter, von denen es bislang keine Spur gibt, auf frischer Tat ertappen.
Bislang trieben sich die Hortensiendiebe in Rheda-Wiedenbrück, Rietberg und Batenhorst herum. Sie suchten sich große Anwesen aus, mit Bepflanzungen ringsum. "Der Schaden, den sie anrichteten, ist nicht unerheblich", sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Stehrenberg. Die Geschädigten hätten Angst, dass die Diebe wiederkommen und erneut nachts auf ihren Grundstücken herumschleichen. Zudem gehe die Polizei davon aus, dass die Dunkelziffer auf diesem Gebiet hoch ist. Stehrenberg: "Viele Gartenbesitzer machen sich nicht die Mühe, kleinere Vorfälle zu melden."
Dass den Hortensien eine halluzinogene Wirkung nachgesagt wird, ist laut Dr. Ulrich Kemper, Chefarzt der Bernhard-Salzmann-Suchtklinik, in der Szene hinlänglich bekannt. "Wir haben unter unseren Drogensüchtigen immer mal wieder welche, die auch das im Programm hatten", sagte Kemper. Vielen Konsumenten sei offenbar nicht klar, welches Risiko sie damit auf sich nähmen. "Die Pflanze enthält Blausäureverbindungen, die beim Verbrennen freigesetzt werden. Da Blausäure die Zellatmung blockiert, kann das tödlich enden."
Kemper bezweifelt ohnehin die euphorisierende Wirkung, die Konsumenten sich von den Hortensientrieben erhoffen. "Von meinen Patienten höre ich eher, dass der Effekt gleich Null ist. Von Wohlbefinden und Euphorie ist da so gut wie nie die Rede. Wer das Zeug raucht, dem wird eher übel und schwindelig davon, außerdem muss er mit zentralnervösen Störungen rechnen."
Die Gütersloher Kreisvertrauensapothekerin Susanne Gehring (Bahnhof-Apotheke an der Carl-Bertelsmann-Straße) bestätigt Kempers Einschätzung. "Man kann davor nur warnen. Wer Hortensien raucht, setzt sein Leben aufs Spiel."