Viele Einsatzkräfte der Loveparade stehen nach ihrem Übermenschlichen Einsatz unter Schock / Retter von Duisburg sind verstärkt auf psychologische Betreuung angewiesen
Bielefeld/Köln. Seit einer Woche spricht Nils Brandes, Einsatzleiter der Malteser aus Lage und Lippe, jeden Tag mit seinen Mitarbeitern über die drei Stunden vom Samstag. Jene drei Stunden, in denen das 30-köpfige Team zu den ersten Sanitätern am Zugangstunnel gehörte und das ganze Leid in vollem Ausmaß mitbekam.
Eigentlich sollten Brandes und seine Kollegen als mobile Sanitätsstation fungieren. "Wir waren auf die üblichen Verletzungen vorbereitet: Kreislaufkollaps, kleinere Wunden." Stattdessen schienten die Malteser offene Brüche und reanimierten Leblose. Zum Teil vergeblich.
Eine Situation, die viele in der Truppe völlig überwältigte. Zwar werden Sanitäter natürlich auch auf das Szenario "Massenanfall von Verletzten" vorbereitet. "Aber im Chaos in Duisburg mussten wir überhaupt erstmal begreifen, was passiert, die Lage klären, entscheiden, wen wir behandeln", sagt Brandes. Viele aus der Gruppe mussten das erste Mal einen Menschen wiederbeleben. "Dann waren drumherum die Partner und Freunde, um die wir uns kümmern mussten."
Und sie kümmerten sich vorbildlich, behielten einen klaren Kopf. "Aber danach, als wir aus dem Tunnel raus waren, da kamen die Emotionen hoch, die Erinnerung an Gerüche, Blicke." Truppenleiter Brandes reagierte schnell, "ich habe gleich gerufen, dass ich jemanden für meine Leute brauche." Mitten im Gewühl sah er einen bekannten Seelsorger. Gemeinsam fuhr die Gruppe in ihre Unterkunft, "dort haben wir geredet, bis am späten Abend die Psychologen kamen."
Neben dem Stress, der Fassungslosigkeit beobachtete Brandes vor allem eine Sorge bei seinen Leuten: "Hab ich alles richtig gemacht?" Immer wieder gaben der Retter und der Seelsorger den Sanitätern die Bestätigung: "Ja."
Der Bielefelder Traumapsychologe Werner Wilk weiß, dass für Einsatzkräfte bei Erlebnissen wie diesen andere belastende Faktoren gelten, als für Besucher. "Sie sind da, um zu helfen, das schafft Druck. Vor allem, wenn sie, wie im Fall der Loveparade, nicht helfen können, weil sie selbst Teil der Menge sind."
Erlebt haben das auch viele Polizisten aus Nordrhein-Westfalen. "Wir haben es derzeit mit einer außergewöhnlichen Situation zu tun", bestätigt der Pressesprecher der Polizei NRW, Wolfgang Beus, auf Anfrage. "Das lässt sich nicht mit einem schweren Verkehrsunfall vergleichen." Entsprechend ist derzeit die Nachfrage der Mitarbeiter nach psychologischer Betreuung. "Die ist verstärkter nötig als sonst, weil alle die Ereignisse direkt miterlebt haben, Teil der Masse, selbst in Gefahr waren."
Das gilt besonders für die Hundertschaft der Kölner Polizei. "Die waren direkt an der Mauer eingesetzt, unterhalb derer so viele Menschen gestorben sind", bestätigt Pressesprecher André Faßbender. Berichten aus internen Polizeikreisen zufolge waren selbst langjährige Mitarbeiter nach den Geschehnissen so schockiert, dass sie kaum noch sprechen konnten. Einige Polizisten mussten sich mit Panikanfällen im Krankenhaus behandeln lassen.
Für die Truppe von Nils Brandes geht es momentan wieder bergauf. "Montag und Dienstag war es am schlimmsten, viele litten unter Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, hatten keinen Appetit."
In den Augen des Einsatzleiters hat sich ein Leitsatz des Notfallseelsorgers in Duisburg bestätigt: "Erst hast du immer einen Film von allem im Kopf. Dann Dias. Und zuletzt nur noch ein Foto." Welches sein Foto ist, möchte Brandes nicht sagen. Sicher ist aber: "Für viele, die zum ersten Mal einen Menschen im Dienst verloren haben, ist es die erste Leiche."