Bielefeld. Die Bewegung ist jung, dynamisch, ökologisch und sozial: Die Idee der Transition Town ("Stadt des Übergangs", kurz TT) kommt ursprünglich aus Großbritannien und findet auch bei uns immer mehr Anhänger. Dass Bielefeld sich gerade zu einem Zentrum für die deutschen Bürgerinitiativen entwickelt, liegt an Protagonisten wie Gerd Wessling, der die Stadt seit einem Jahr über die Grenzen von OWL hinaus ins Gespräch bringt.
Eigentlich redet Gerd Wessling lieber über Lösungen als über Probleme – der 44-jährige Diplomphysiker aus Bielefeld will nicht meckern, sondern gestalten. Trotzdem gibt es etwas, das den Freiberufler umtreibt und auf das er immer wieder zurückkommt: "Eines der größten Probleme, die schon in naher Zukunft auf unsere Gesellschaft zukommen, ist der sogenannte Peak Oil – der Zeitpunkt der maximalen Erdölfördermenge. Wahrscheinlich haben wir ihn schon überschritten." Trotzdem verbraucht die Welt weiter Tag für Tag 86 Millionen Barrel (13 Milliarden Liter) Öl.
Wessling wollte nicht mehr untätig dabei zusehen, wie wir trotz knapper Ressourcen so weitermachen wie bisher, und importierte kurzerhand ein Konzept nach Bielefeld, das in Großbritannien seit vier Jahren für Gesprächsstoff sorgt.
Ein neues Lebensgefühl in den Städten
Dort verordnete sich die Gemeinde des kleinen Städtchens Totnes im September 2006 eine ganz besondere Diät: die Unabhängigkeit vom Erdöl, bis zum Jahr 2030 und auf eigene Faust. Lokale Wirtschaftskreisläufe sollen nach und nach die Abhängigkeit von Importen lindern. Statt sich auf Benzin, Beton und Plastik zu verlassen, sucht man intensiv nach alternativen Treib-, Bau- und Werkstoffen. In Kombination mit der Begeisterungsfähigkeit und Kreativität der Aktivisten soll in den Städten so ein neues Lebensgefühl entstehen.
Mit Kopf, Herz und Händen
Für die Bielefelder Aktivisten der Transition-Town-Bewegung ist klar: "Die durch Erdölmangel und Klimawandel ausgelösten wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Herausforderungen können nicht mit Atom und Kohle, sondern nur mit Kopf, Herz und Händen bewältigt werden." Nach einem Jahr haben sich die Arbeitsgruppen Organisation, Energie, Verkehr, Herz und Seele, Gesundheit, Lokalisierung (Ernährung, Wirtschaft), alternatives Wirtschaften, Permakultur, Erziehung/Bildung und Re-Skilling (Wiedererlernen alter Techniken) etabliert. Immer im Fokus stehen lokale und regionale Erzeugnisse und Dienstleistungen. (nico)
Die Utopie folgt einem Zwölfstufenplan, der von Stufe 1 (eine Steuerungsgruppe bilden) über Stufe 4 (die Gemeinde zur Transition Town erklären) bis Stufe 12 (einen Energie- und Abrüstungsplan erstellen) reicht. Nach einem Jahr dürfte sich Bielefeld irgendwo zwischen Stufe 7 (Öffentlichkeit schaffen) und 8 (Schulungen für alte Kulturtechniken anbieten) bewegen – nicht schlecht für ein gesellschaftliches Projekt, das Ende der 1990er Jahre unter dem Namen "Agenda 21" schon einmal scheiterte. Böse Zungen behaupten: an seiner Schwammigkeit. Aber vielleicht waren die Initiatoren ihrer Zeit damals einfach zu weit voraus, oder die Probleme waren noch zu weit weg.
Heute fühlen sich weltweit 300 Städte dem TT-Motto "global denken, lokal handeln" verbunden, in Deutschland waren Bielefeld, Berlin und Hamburg unter den ersten. "Mittlerweile bekommen wir Anfragen aus ganz Deutschland und Europa. In Bielefeld betreuen wir die deutschen TT-Städte und machen die Schulungen. Das Bewusstsein der Menschen verändert sich mehr und mehr", sagt Wessling. "Die Leute erkennen, dass die Welt vor großen Veränderungen steht. Deshalb thematisiere die TT-Bewegung nicht nur die Energiewende. "Wir fragen auch: Was ist mit Mobilität, Gesundheit und Psychologie? Betrachtet man den enormen Anstieg bei psychischen Erkrankungen und Burn-outs, wird klar, dass wir auch unser Miteinander verändern müssen."
Vier von vielen | FOTO: HILLE-PRIEBE
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