Löhne. Allein der Gedanke sorgt schon für Panik. Eine Maus verletzt einen wehrlosen Menschen im Gesicht. So ist es Behinaz T. im Klinikum Herford widerfahren.
Die 81-Jährige Türkin, die in Löhne lebt, leidet an Demenz und Parkinson und war zur Behandlung in einem Herforder Krankenhaus. "An dem Tag, als meine Mutter entlassen werden sollte, bekamen wir einen Anruf aus der Klinik", erinnert sich Sohn Yüksel. Die Entlassung verschiebe sich und er solle so schnell wie möglich kommen.
Dass es zu Komplikationen gekommen war, das war ihm in diesem Moment klar. Die Geschichte, die ihm Pflegepersonal und Ärzte dann erzählten, "die konnte ich erst gar nicht glauben", sagt Yüksel T.
Attacke in der Nacht vor der Entlassung
In der Nacht vor der ursprünglich geplanten Entlassung seiner Mutter kam es zu der Maus-Attacke. "Eine Schwester war auf dem Flur unterwegs, als sie aus dem Zimmer meiner Mutter ein leises Wimmern hörte." Die schwerkranke Behinaz T. war zu schwach, sich zu artikulieren. "Als die Schwester die Tür aufmachte, saß das Tier im Gesicht meiner Mutter."
Gesunde Menschen hätten in einer solchen Situation die Maus vom Gesicht geschlagen. "Meine Mutter war zu krank dazu. Sie konnte ihre Hände nicht bewegen", sagt T. Wehrlos musste die kranke Frau den Nager-Angriff über sich ergehen lassen. Die Schwester habe das Tier zwar verscheuchen aber nicht fangen können. Als sie nach ein paar Minuten wieder im Zimmer von Behinaz T. war, habe die Maus wieder auf dem Gesicht gesessen. Erneut habe das Tier reiß aus genommen. Später gelang es dann Mitarbeitern des Krankenhauses, das Tier zu fangen und zu töten.
"Geleckt und zugebissen"
Für Willa Bohnet von der Tierärztlichen Hochschule Hannover ist das Verhalten der Maus nicht ungewöhnlich. "Mäuse sind wie alle Tiere neugierig. Wenn sich in einem Raum nichts bewegt erkunden sie die Umgebung", sagt die Tiermedizinerin. Weil die Patientin sich nicht bewegt habe, sei die Maus aufs Gesicht gekrabbelt. "Da wird dann zuerst geleckt und auch mal zugebissen." (indi)
Die Maus hatte keine Probleme in das Zimmer der Kranken zu kommen, dass im Erdgeschoss lag. Die Schiebetür stand einen Spalt offen. Der Nager hat das Gesicht erheblich verletzt. Noch Tage nach dem Angriff sind die Wunden gut zu erkennen. Die Verletzungen wurden umgehend chirurgisch behandelt, die Wunden ausgewaschen und Behinaz T. vorsorglich geimpft.
Auf mögliche Krankheitserreger untersucht
Das tote Tier wurde in der tierärztlichen Hochschule Hannover auf mögliche Krankheitserreger untersucht, die Menschen gefährlich werden können. Die Patientin hatte Glück: Es wurde nichts bedrohliches festgestellt.
"Das Verhalten des Pflegepersonals und der Ärzte war völlig in Ordnung. Die haben sich sehr bemüht und sich vielmals entschuldigt", betont Yüksel T. Überhaupt nicht in Ordnung war aus Sicht von Familie T. das Verhalten der Klinikleitung. "Die haben nicht ein Wort der Entschuldigung für uns gehabt. Und das ist ja wohl das mindeste, dass wir erwarten können, dass sich der Chef persönlich an uns wendet."
Verwaltungsdirektor Manfred Pietras räumt den Vorfall ein. "Was Frau T. passiert ist, ist sehr bedauerlich. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass so etwas ausgerechnet in einem Krankenhaus geschieht." Aber zu 100 Prozent auszuschließen sei es nicht, dass eine Maus den Weg ins Klinikum findet. "Das passiert ja auch in Privathäusern oft genug. Im Klinikum Herford ist das jedoch der erste Fall in 40 Jahren", betont Pietras. "Wir haben hier kein Mäuseproblem."
Schiebetüren nicht gegen Nager gesichert
Dass die Schiebetür offen stand, sei nötig gewesen, weil die Patientin frische Luft brauchte. Pietras hält es nach der Maus-Attacke nicht für erforderlich, die Schiebetüren im Erdgeschoss gegen Nager zu sichern. "Mit Mäusedraht kommen sie da nicht weit.
Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Mäuse die Wände hochgehen." Nach seiner Überzeugung wird der Fall von Behinaz T. eine absolute Ausnahme bleiben. Nur wenige Patienten seien in einem Zustand, der es ihnen unmöglich mache, ihre Arme zu bewegen.
Den Vorwurf, dass sich das Klinikum gegenüber der Familie falsch verhalten hat, lässt er nicht gelten: "Es sind etliche Gespräche von Ärzten und Oberärzten sowie dem Pflegepersonal mit der Familie geführt worden. Es wurde auch ein Gespräch mit dem Chefarzt angeboten. Von diesem Angebot wurde nicht Gebrauch gemacht."