Bielefeld. Zuckerfreie Kekse, speziell gesüßte Marmeladen, Diabetiker-Schokolade: Ein Blick in die Supermarktregale erweckt den Anschein, als kümmere sich die Nahrungsmittel-Industrie vorbildlich um zuckerkranke Mitbürger. Alles Unsinn, sagen Mediziner. Und die Politik zieht Konsequenzen: Heute will der Bundesrat abschließend darüber entscheiden, dass spezielle Lebensmittel für Diabetiker verboten werden. Experten begrüßen das Verbot – beispielsweise die Diabetiker-Beratung in Bielefeld.
Die Zustimmung zur veränderten Diätverordnung gilt als sicher. 2012 sollen Produkte aus Supermärkten, Apotheken und Reformhäusern verschwinden, die werben mit Slogans wie "Für Diabetiker geeignet" oder "Geeignet zur besonderen Ernährung bei Diabetes mellitus im Rahmen eines Diätplans". Denn nach heutigen medizinischen Erkenntnissen sind künstlich gesüßte Lebensmittel, die statt Haushaltszucker Ersatzstoffe, wie Fructose, Sorbit, Xylit , Mannit oder Isomalt erhalten, für Diabetiker eher schädlich als nützlich.
"Gegenüber normalen Lebensmitteln haben die Produkte für Diabetiker kaum einen Effekt", sagt der Bielefelder Diabetologe Peer Köster, im Gegenteil:. "Die Zucker-Austauschstoffe fließen zwar langsamer ins Blut, die Produkte sind aber oft fettiger und damit sehr kalorienreich. Zudem schmecken sie nicht so gut und sind teurer."
Hildegard Knipping hat in der Diabetiker-Beratung im Gesundheitsamt Bielefeld beobachtet, dass die Diabetikerhinweise Zuckerkranke verleiten, die Produkte bedenkenloser zu essen.
6,5 Millionen Zuckerkranke
"Die Industrie gaukelt Diabetikern etwas vor. Dabei brauchen diese keine speziellen Produkte. Wichtig ist für alle Betroffenen die genaue Kenntnis des Nährstoffgehalts von Lebensmitteln", sagt die 67-Jährige. Die Gründerin des Diabetikergesprächkreises Bielefeld spricht aus eigener Erfahrung. Sie selber ist seit 60 Jahren eine von 6,5 Millionen Zuckerkranken in Deutschland. Und sie wünscht sich von der Industrie, alle Produkte, die Kohlenhydrate enthalten, mit genauen Mengenangaben zu versehen. "Das würde die Berechnung der Broteinheit erleichtern."
Diabetes-Spezialist Köster empfiehlt seinen Patienten eine gesunde Basisernährung statt besonderer Produkte. "Grundsätzlich dürfen Diabetiker alles Essen – aber in Maßen. Dies gilt vor allem bei Produkten mit Zucker. Eine gute Grundlage ist, am Tag zwei Mal Obst und drei Mal Gemüse zu essen" – ein Rat, den Ernährungsberater auch gesunden Menschen fast schon gebetsmühlenhaft widerholen.
Für die Hersteller der Diabetikerlebensmittel war das Geschäft bisher sehr lukrativ. Der Umsatz lag 2009 bei 138 Millionen Euro, hinzu kommen Getränke mit geringem Zuckergehalt, mit denen weitere 380 Millionen Euro umgesetzt wurden.
Zusammenschluss von rund 60 Unternehmen
Überraschend kommt das Verbot für die Branche nicht – diskutiert wird es seit langem. "Der Gesetzgeber reagiert lediglich auf aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft. Die bisherige Diätverordnung basierte auf dem medizinischen Stand der 80-er und 90-er Jahre, als Diabetiker keinen Haushaltszucker zu sich nehmen sollten", sagt Norbert Pahne, der Geschäftsführer des Diätverbandes, in dem sich rund 60 Unternehmen zusammengeschlossen haben, die Diätlebensmittel herstellen. "Heute darf ein Diabetiker 20 bis 50 Gramm Zucker am Tag essen, ein gesunder Mensch verzehrt im Schnitt 120 Gramm", rechnet Pahne vor.
Er ist überzeugt, dass "die Unternehmen ihr Sortiment bereits seit längerer Zeit den veränderten Marktbedingungen anpassen". Ausdrücklich aber weist er darauf hin, dass nicht die Produkte selbst verboten werden – sondern nur ihre Kennzeichnung als spezielle "Diabetiker-Produkte". "Aus denen werden zukünftig normale Lebensmittel", fasst er die Situation aus seiner Sicht zusammen.