An den meisten Schulen muss das Essen besser werden / Mangel an Qualitätsstandards und -Kontrolle
Bielefeld. Labbrig, fad und arm an Nährstoffen, so lautet das Urteil der Verbraucherschützer über das Schulessen in NRW. "Das gängige Angebot verdirbt Kindern oftmals den Appetit." Dieses Urteil stammt aus dem Jahr 2007. Geändert hat sich seitdem wenig. "Deutschland ist beim Schulessen ein Entwicklungsland", sagt Diplom-Ökotrophologin Anke Oepping an der Uni Paderborn.
Zuerst waren es nur Gesamtschulen, an denen regelmäßig eine warme Mahlzeit angeboten wurde. Inzwischen sind nahezu alle Schulen in NRW zu Ganztagsschulen geworden. Dem trug die Landesregierung Rechnung durch Förderprogramme für den Bau von Mensen. Doch was dort aufgetischt wird, ist weitgehend der Beliebigkeit unterworfen. Und das in einem Land, in dessen Schulen jede Banalität per Gesetz, Erlass oder Verordnung geregelt wird. Und weil es keine Regeln gibt, kann natürlich auch keine Qualitätskontrolle stattfinden.
Die Schulen fühlen sich meist auch vom Schulträger allein gelassen. So kochen viele Schulen häufig ihr eigenes Süppchen, statt sich auf Partnersuche zu begeben. Großabnehmer können schließlich bessere Preise erzielen und Druck für mehr Qualität erzeugen. Die Pädagogen fühlen sich überfordert mit der Aufgabe, schließlich sind Lehrer Pädagogen und keine Ernährungswissenschaftler. Und Kommunalpolitiker und -Verwaltung sind nur selten interessiert an dem, was dem Nachwuchs aufgetischt wird. Hauptsache billig lautet meist die Devise.
"Die Lage ist schlecht bis katastrophal"
An der Hochschule Niederrhein befasst man sich seit Jahren mit der Verpflegungssituation an den Schulen. Am Fachbereich Ökotrophologie wurde ein Zertifizierungsprogramm entwickelt, nach dem Schulen und Produzenten freiwillig die Qualität ihres Essens und ihr Verpflegungskonzept prüfen lassen können. Gerade einmal 15 Schulen bzw. Hersteller haben sich dieser gewissenhaften Prüfung unterzogen. "Die Lage ist schlecht bis katastrophal", sagt Volker Peinelt, Professor für Catering-Services und Lebensmittelhygiene. In vielen Fällen mangele es schon an der grundlegenden Hygiene.
Inzwischen gibt es zumindest erste Studien zur Mittagsverpflegung in den Schulen. Das Angebot ist, freundlich formuliert, verbesserungsfähig. Das Essen schmeckt nicht, kommt kalt oder zerkocht bei den Kindern an. Fehlende Vitamine werden durch Konservierungsstoffe ersetzt. Das trifft die Einstellung vieler Jugendlicher: "Gesunde Ernährung spielt für sie kaum eine Rolle, sagt Ulrike Arens-Azevedo, Leiterin einer vom Nestlé-Konzern finanzierten Studie. Nur selten entschieden sie sich für Fisch, Obst oder Salat.Deftige Hausmannskost dagegen kommt an, weiß Dieter Stuke, Schulleiter der Mindener Kurt-Tucholsky-Gesamtschule. "Wenn es bei uns in der Mensa eine stinknormale Erbsensuppe gibt, ist es rappelvoll." Den Grund kennt Stuke auch. "So etwas gibt es bei vielen zu Hause nicht." Das stützt die Ansicht der Paderborner Ökotrophologin, die gutes Schulessen auch als Chance sieht, Kindern die Begegnung mit anderem als Fertigkost und Pommes zu ermöglichen.
Frühstück in der Mindener Mensa
Das Schulessen gut und preiswert sein kann, zeigt das Mindener Beispiel. Engagierte Eltern gründeten 1991 einen Mensa-Verein, um eine gute Versorgung ihrer Kinder sicherzustellen. Inzwischen ist aus dieser Initiative eine gemeinnützige GmbH entstanden, die täglich 1.800 Essen bereitstellt und auch an Altersheime und Kindergärten liefert. Alles entspricht den hohen Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, wie die Hochschule Niederrhein testierte.
Schule muss heute mehr sein als nur eine Vermittlungsanstalt von Wissen. Eine Schule ist erst dann wirklich gut, wenn sie auch Lebensraum für Kinder ist und auf deren Alltagswirklichkeit eingeht. Weil viele Kinder ohne Frühstück zur Schule geschickt werden, bietet die Mindener Mensa auch Frühstück an. Alles entspricht den hohen Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, wie die Hochschule Niederrhein testierte.Zudem lernen die Kinder auch, wie man isst.
Gute Ernährung kostet natürlich Geld. 2,60 Euro, so Schätzungen, kostet derzeit eine warme Mahlzeit in der Schule. Rund 11.000 Schüler aus armen Familien bekommen im laufenden Schuljahr einen Essenszuschuss von einem Euro aus dem Landesprogramm "Kein Kind ohne Mahlzeit". Gegenüber dem Vorjahr ist der Förderbedarf in OWL um 9,5 Prozent gestiegen.
Keine Qualitätsstandards in NRW
Welche Ansprüche an Schulessen gestellt werden können, zeigt ein Blick über den Tellerrand. In Frankreich ist gesundes Essen per Gesetz verordnet. Detailliert wird vorgeschrieben, was serviert werden darf und was nicht. "Essen wie Gott in der Schule" scheint das Ziel zu sein. Das geht hin bis zu den Vorschriften, die ein stilvolles Ambiente in der Mensa vorschreiben. Kandelaber auf den Tischen gehören allerdings nicht dazu.
In NRW wäre schon viel gewonnen, wenn es verbindliche Qualitätsstandards und eine Kontrolle auf deren Einhaltung gäbe. Weil bekanntlich viele Köche den Brei verderben, müsste es zudem bei den Städten oder Kreisen eine verantwortliche Person für die Schulverpflegung geben. Das fordert Ursula Tenberge-Weber von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung NRW.