Bad Lippspringe. Antje Lütkemeier freut sich auf Heiligabend. Die Adventszeit mit den vielen zusätzlichen Terminen mag stressig sein, "aber sie gibt den Menschen und mir unendlich viel", sagt die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde in Bad Lippspringe. Vielleicht auch das Motiv für ihre Predigt zu Weihnachten.
"Ich weiß wirklich noch nicht, was ich im Gottesdienst sagen werde", sagt die 45-Jährige. Sie lacht darüber und wirkt so gar nicht beunruhigt. Eine Idee habe sie schon, aber ob sie tragen werde für eine Predigt weiß sie noch nicht. Dann erzählt sie von einer Begegnung während einer Adventsfeier in einem Altersheim. Die Konfirmanden ihrer Gemeinde hatten Geschenke für die Senioren gebastelt - kleine Engel mit Flügeln.
Eine alte Dame, die sichtlich an der Alzheimer-Krankheit leidet, habe den Engel glückselig in den Händel gehalten und lächelnd immer und immer wieder seine Flügel gestreichelt, erzählt Lütkemeier. Gerne würde sie diese Szene als Aufhänger nehmen. Doch noch ringt sie mit sich, ob die Geschichte eine Predigt tragen würde.
Probleme, von denen Gotttesdienstbesucher nichts mitbekommen oder ahnen. Pastorinnen oder Pfarrer, evangelische oder katholische Kirchenleute, sind meist Einzelkämpfer, an die hohe Erwartungen herangetragen werden. Besonders zu Weihnachten. Sie können belastend sein, manchmal zur Last werden. "Ich bin schon froh, dass ich meine Gemeinde zusammen mit einem Kollegen betreue", sagt Lütkemeier. Zudem biete die Landeskirche einiges an Service und Beratung. "Man wäre ja dumm, wenn man das nicht nutzen würde", sagt sie.
Jüngstes Angebot für Pfarrer ist ein Coaching-Programm. Speziell ausgebildete Mitbrüder oder -schwestern stehen auf Wunsch mit Rat und Hilfe zur Verfügung - ob es um bessere Körpersprache geht oder die Verbesserung der Ansprache von Gemeindegliedern. Nichts wäre schlimmer, als das Umsichgreifen des Burnout-Syndroms, wie es eine Studie der Unis Freiburg und Witten-Herdecke sowie des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld für Pastoren evangelischer Freikirchen nachweist. Dass die Landeskirchen davon nicht verschont sind, zeigt die Tatsache, dass sie bald eine Reha-Klinik für betroffene Pastoren einrichten wollen.
Sorgen, die Pastorin Lütkemeier kennt, aber nicht hat. Belastungen scheinen der Frau nichts anhaben zu können, so wie sie lacht und ihre Augen fröhlich funkeln. Ihr nimmt man ab, dass sie sich freut auf die zusätzlichen Belastungen, die Weihnachten für Pfarrer bedeutet.
Fünf Gottesdienste feiert ihre Gemeinde in Bad Lippspringe und Neuenbeken. Und immer wird es rappelvoll sein in der Kirche. Anders als während all der Wochen und Monate während des Jahres. Ob sie das den Kirchbesuchern vorhalten werde im Gottesdienst? "Natürlich nicht! Und warum auch?", sagt Lütkemeier. Die Geburt Christi an Heiligabend habe der Welt eine neue Chance eröffnet. Vor 2000 Jahren ebenso wie heute. "Das drückt sich aus in der Suche nach einer heilen Welt an diesem einen Tag." Dennoch hofft die Pastorin, "den Gottesdienstbesuchern etwas mitzugeben, was hinausträgt über diese eine stille und heilige Nacht".
Aufgeregt sei sie schon, aber auch das gehöre zur Routine. Natürlich wolle sie Heiligabend "gut sein, so gut, dass möglichst viele wiederkommen am Tag darauf oder wärend des Kirchenjahres". So gesehen sei Heiligabend eine riesige Chance, sagt Lütkemeier.
Schließlich verrät die Pastorin ihre zweite Idee für die Predigt. "Ich könnte mich mit den Gerüchen dieses Festes befassen", sagt sie. "Zimt, Glühwein, Tannenduft." Diese Gerüche zu vergleichen mit denen der Nacht, in der Jesus geboren wurde - vielleicht wird das ihr Thema sein. "Wir wären bitter enttäuscht von dem Geruch vor 2.000 Jahren im Stall von Bethlehem." Bis zur Predigt halte sie es wie Maria : ,,Maria aber behielt alle diese Worte, und bewegte sie in ihrem Herzen." Einen Tag hat Lütkemeier dafür noch.