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19.03.2011
BIELEFELD
Reportage: Ein Tag als Verkäuferin im Sex-Shop
Viele Bielefelder Kunden kommen durch den Seiteneingang
VON ARIANE MÖNIKES

In Position | FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Bielefeld. Die Tür schwingt lautlos auf. Ein Mittfünfziger tritt ein, hat das Cappy tief ins Gesicht gezogen und blickt stur auf den gefliesten Boden. Er schreitet zielstrebig zum Kabinentrakt. Es ist Mittag und der blonde, schmächtige Typ wird sich gleich in einer der dunklen Boxen einen Porno anschauen. Einen Tag lang arbeite ich als Verkäuferin in einem Erotik-Fachmarkt, bin Ansprechpartnerin für Lack, Leder, Latex.

Nach zehn Minuten ist der Spaß vorbei. So wie er rein gekommen ist, verlässt der Mann den Erotik-Markt. Mit gesenktem Kopf durch den Seiteneingang. Die Tür fällt ins Schloss.

Info

Supermarkt für Erwachsene

Vor 20 Jahren hat Lothar Schwier seinen ersten Erotik-Fachmarkt in Minden eröffnet. "Eine Sensation ", sagt er. "Erotik-Shops waren damals noch verpönt." Das Konzept hat er sich bei den Elektronik-Markt-Ketten abgeschaut. "Das wollte ich auf die Erotik-Branche übertragen, eine Art Supermarkt nur für Erwachsene."
23 Läden in ganz Deutschland gehören ihm mittlerweile, der Umsatz steigt. Geholfen habe ihm der Börsengang des Erotik-Unternehmens Beate Uhse 1999: "Ab da wurden die Erotik-Märkte so langsam in der Öffentlichkeit akzeptiert." Zum 20. Geburtstag gibt es in diesem Jahr jeden Monat 20 Prozent Rabatt – im März auf Kondome. (ari)

"Nur 20 Prozent unserer Kunden kommen durch den Haupteingang", sagt Lothar Schwier (54), Geschäftsführer der Erotik-Markt-Kette Novum. Die Hemmschwelle, ungeniert einen solchen Laden zu betreten, sei immer noch groß. Auch wenn zwischen der ersten Eröffnung vor 20 Jahren und heute Welten liegen. "Mittlerweile kommen wesentlich mehr Frauen zu uns als noch am Anfang", sagt Schwier. 60 Prozent in etwa. 2.000 Quadratmeter ist der Markt an der Eckendorfer Straße groß. "Die Größe macht’s", sagt Schwier und begründet: "Die Frauen fühlen sich ungezwungener."

Spaß will sie trotzdem haben

Barbara (33), Kauffrau im Gesundheitswesen, braucht "viel Power". Seit eineinhalb Jahren ist die rundliche Frau Single – Spaß will sie trotzdem haben, mit einem "kleinen Freund für die Handtasche", wie sie die Vibratoren nennt. Daniela Winkler (32) berät sie, sie ist seit knapp einem halben Jahr in diesem Laden. Ich höre zu. Sie legt ihn ihr in die Hand, den "Mercedes unter den Vibratoren". 99 Euro kostet das Gerät. Ein stolzer Preis, findet Barbara . "Aber ich beginne ja auch keine Sammlung." Aus den Lautsprecher-Boxen im Tempel der Lust dröhnt "Elektrisches Gefühl" von Juli. Das Teil wird gekauft.

Ein großer Dunkelhaariger sucht "etwas Nettes" für seine Freundin. Ein Fall für Mönikes. Er wolle sich erstmal umschauen, sagt er. Ich halte mich im Hintergrund. Der Mann läuft die Regale ab. Vorbei an Busen-Pasta und Penis-Nudeln. Und Medi-Toys und Vibrator-Sets. Mit verschiedenen Aufsätzen. Wie bei den Bohrmaschinen im Baumarkt. Aber mit Noppen. Pat Benatar singt "Love ist a battlefield".

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Hinter der Kasse habe ich alles im Blick. Auf zwei Monitoren sehe ich, was sich im Untergeschoss des Ladens abspielt. Zwei Typen fingern an den DVD-Hüllen herum. Die Hardcore-Abteilung. Das Leih-Geschäft mit den DVDs boomt. Für zwei Euro pro Tag können sich die Kunden einen Porno ausleihen. Fetisch, SM, Bondage. Gay. Alles. Viele gucken auch nur. Wie im Baumarkt.

"Sie müssen wissen, wie Lust-Pillen wirken"

"Wenn ich sehe, was so manch einer ausleiht, muss ich oft schlucken", sagt Ann-Christin Riemann (28), seit drei Jahren Mitarbeiterin im Erotik-Markt. "Aber jeder hat eben seinen ganz eigenen Geschmack und bestimmte Vorlieben. Das muss ich akzeptieren."Die Verkäufer im Erotik-Markt werden fachlich geschult. "Sie müssen wissen, wie Lust-Pillen wirken und bei welchem Spielzeug Verletzungsgefahr droht", sagt Schwier. Er selbst sieht sich als moderner Oswald Kolle – Aufklärung für Erwachsene, das hat er sich auf die Fahne geschrieben. "Wir wollen, dass es im Bett besser funktioniert."

Jetzt kommt der Typ von eben doch noch an. Er sucht nach der richtigen Größe. Ein rotes Negligé soll es sein. Ich berate, nach Bauchgefühl. Er will es. Mein Erfolgserlebnis heute. Als ich mich als Journalistin zu erkennen gebe, reagiert er locker. Erzählt, was er hier schon alles gekauft hat, "mal nen Porno" oder "Spielzeug". Ich darf mir aber nur den Vornamen notieren: Dirk. Der Rest ist Privatsache. Er zahlt in bar.

Dildo für die Spülmaschine

"Das machen die meisten", sagt Schwier. Damit es zuhause keine bösen Überraschungen auf dem Kontoauszug gibt. Ohnehin sei der Erotik-Markt "wesentlich anonymer" als der Einkauf im Internet. "Da weiß man hinterher nie, wer das Päckchen in die Finger bekommt."
Ein Typ Muttersöhnchen. Verschämt blickt er um sich. Unzählige Seemannsbräute direkt vor ihm. Mit Haaren und ohne. In weiß und schwarz. Der kleine Spaß für die Hosentasche. Auf Mitte 20 schätze ich den Kunden. Bloß nicht gesehen werden. Und angesprochen schon gar nicht. Nicht von mir, und auch nicht von Ann-Christin. "Lass’ den mal", sagt Ann-Christin. Es gebe eben diese Kunden, denen es "furchtbar peinlich" sei, im Erotik-Markt bedient zu werden. Auch von Frauen. 95 Prozent der Mitarbeiter in Schwiers Märkten sind weiblich. "Frauen reden lieber mit Frauen über intime Dinge – und Männer mit Frauen", sagt er.

Der Dildo aus Glas liegt schwer in der Hand. Zwei Kilogramm, schätze ich. Verziert mit Tulpen oder Sonnenblumen. Für das ultimative Frühlingsgefühl. "Den kann man sogar in die Spülmaschine stellen", sagt Ann-Christin. Ein Dildo zwischen schmutzigen Messern und Löffelchen.

"Sex mit dem Ex"

Im Bücherregal muss Ordnung gemacht werden. "Neugierige Geschwister", "Freiwild", "Sex mit dem Ex" und "Das sündige Landhaus" werden in die richtige Position gebracht. "Bücher gehen immer", sagt Ann-Christin. Genau wie Massageöl. Besonders beliebt sei Moschus. "Das wirkt aphrodisierend." Gut läuft auch "Latte Macchiato". So zweideutig, dass es nur noch eindeutig ist.

Das knappe schwarze Top mit den zwei glitzernden Herzen im Ausschnitt sitzt. Zu knapp darf es nicht sein, Appetit soll es aber machen. Melanie (21, Altenpflegerin) steht in der Umkleide, ungeschminkt, mit Brille. Die im Sex-Shop? Hätte ich nie gedacht. Wie bei den meisten an diesem Tag. "Man sieht es den Leuten nicht an", sagt Ann-Christin. Die meisten, die hierher kommen, sind Stammkunden. Wie Melanie und ihr Freund, seit mehr als fünf Jahren ein Paar. "Wir probieren viel aus", sagt sie. Er nickt. Anmachen muss es. Heute Abend soll das Top seine Funktion erfüllen.

Chelsea Shane hat schwarzes Haar, wie Ebenholz. Der Teint ist hell, die Lippen knallrot. Für 699 Euro ist sie zu haben. So oft, wie Mann will und kann. Chelsea ist eine Gummipuppe, aus reinem Silikon. Sie fühlt sich echt an. Geschmeidig. "Wir bieten auch Ratenzahlung an", sagt Riemann. Wie im Baumarkt. Bei den Rasenmähern.

Ich nasche Lümmel und Tittis

Feierabend. Ich nasche Lümmel und Tittis, die glibberigen Gummibärchen, bloß in abgewandelter Form. Die liegen hier haufenweise aus. Meine Schicht ist beendet. Ich verlasse den Laden. Durch den Haupteingang.




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Kommentare
NW-Mitarbeiterin Ariane Mönikes kann da nicht mithalten? Nee, sie ist 100 mal schöner und vor allem ein MENSCH, eine ganze Frau! (...)

"Wenn ich sehe, was so manch einer ausleiht, muss ich oft schlucken".
Dass die Verkäuferin nach Luft schnappt und einen hastig auf die Auslagen verweist, passiert einem schon, wenn man in die Apotheke geht und sich nach einer neuen Kondomsorte erkundigt. Sexualität ist schon noch eine arge Seuche und manch einer ist davon betroffen, dem man es nicht ansieht oder ansehen möchte.

Wir sind wohl mitlerweile bei der Regebogenpresse angelangt... ich dachte es gibt besonder zur Zeit wichtigere Themen...dachte ich....

Insgesamt findet eine gewissermassen "kleinbürgerliche" Zensur statt. Die NW ist noch nicht wirklich im Web angekommen,

Schade, das hätte eine tolle Reportage werden können. Stattdessen ist die total klischeebehaftet. Was glaubt diese Journalistin eigentlich, was für Leute in den Sexshop gehen? "Die im Sexshop? Hätte ich nie gedacht!" Ab das Muttersöhnchen, oder was? Und warum "fingern" die Männer an den DVDs herum? Die sehen sich die Beschreibung an, fingern aber hat gleich was Anrüchiges. Und dafür dass es eine Reportage sein soll, erfährt man wenig darüber, wie sich Frau Mönikes fühlt. (...) Dem Text fehlt es an Persönlichkeit. Schade, Thema verfehlt.



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