Schloß Holte-Stukenbrock. Ist ein Kreuz das angemessene Symbol zum Gedenken an russische Nazi-Opfer - oder eher eine rote Fahne aus Glas, wie sie 1946 ursprünglich auf dem Mahnmal des Soldatenfriedhofs in Schloß Holte-Stukenbrock angebracht war? Der Streit darum hat inzwischen den Landtag erreicht - und sogar die Bundeskanzlerin.
Eine zeitweilig hitzige Debatte lieferten sich die Kontrahenten dazu im Hauptausschuss - mit dem Ergebnis, dass vorerst keine Veränderungen am Obelisken vorgenommen werden sollen. Staatskanzlei-Chef Franz-Josef Lersch-Mense sagte, die Landesregierung wolle nun bei der russischen Regierung und der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau nachfragen, ob es Einwände gegen die Wiederherstellung der ursprünglichen Gestaltung gebe.
Denn nach der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 wurde an den Gräbern von zehntausenden toten Russen ein Obelisk mit eine Glasplastik in Form einer roten Fahne mit Hammer und Sichel aufgestellt, dem Symbol der damaligen Sowjetunion. Mitte der 50er Jahre veranlasste die damalige Landesregierung, die Fahne durch das Kreuz der russisch-orthodoxen Kirche zu ersetzen.
Überlebende des Kriegsgefangenenlagers hatten sich 2004 über den Verein "Blumen für Stukenbrock" an die Landesregierung gewandt, mit der Bitte, wieder die ursprüngliche Version herzustellen. Das wurde 2006 beschlossen - mit ausdrücklicher Zustimmung des damals für Denkmalschutz zuständigen Ministers Oliver Wittke, heute CDU-Generalsekretär. Für das Kreuz sollte ein anderer Standort gefunden werden. Geschehen ist seitdem nichts.
Umgestaltungspläne seien "einfach nur ein Skandal"
Erst als der Verein "Blumen für Stukenbrock" kürzlich verlauten ließ, die Staatskanzlei habe zugesichert, dass das Kreuz bis zum Sommer wieder ersetzt werde, schlug vor Ort der Protest hoch. Der Gütersloher CDU-Landtagsabgeordnete Michael Brinkmeier will nicht, dass über dem Friedhof "die Flagge eines Regimes weht, das Tausende von Menschen auf dem Gewissen hat". CDU-Fraktionsvize Armin Laschet sagte im Hauptausschuss, die Menschen empfänden es als "Hohn, wenn das Kreuz durch die rote Fahne mit Sowjetstern ersetzt" werde. Auch die Kirche reagierte gereizt.
Die Umgestaltungspläne seien "einfach nur ein Skandal", schrieb der Generalsekretär der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Nikolaj Thon. Historiker Oliver Nickel, der die Dokumentationsstätte Stalag 326 leitet, verweist darauf, dass in den akribisch geführten Unterlagen der Nazis der christliche Glaube der meisten Kriegsgefangenen vermerkt worden war. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich die Unterlagen zum Fall
zuschicken, als sie von dem Streit erfuhr.
Lersch-Mense versichert nun, die Landesregierung sei bereit, Gespräche mit allen Seiten zu führen. Sie wolle religiöse und andere Gefühle respektieren. Brinkmeier bot SPD und Grünen an, gemeinsam nach einer "würdigen Erinnerungskultur" zu suchen.