Gütersloh. Der Name verrät die Herkunft. Trifft man einen Alois Hinterhuber, einen Hinnerk Janssen oder eine Dörthe-Aurelia von Virchow, weiß man sofort: Aha, der erste kommt aus Bayern, der zweite aus Ostfriesland, die dritte aus der Waldorfschule. Auch bei Heinrich Hemkensamtenschnieder bestehen so gut wie keine Zweifel.
Warum das so ist? Dazu wissen Martina Selig, Matthias Borner und Sascha Hagemann viel zu erzählen. Die drei Gütersloher haben eine neue Internetseite freigeschaltet:
www.ostwestfaelische-namen.de. Sie ist eine Sammel- und Erklärstelle für all jene großartigen, kraftvollen, ungewöhnlichen Namen, wie sie in keinem anderen deutschen Landstrich in derartiger Häufung vorkommen.
Und: Die Seite ist als Mitmachportal angelegt. Heißt jemand Ottokrietenbrink? - Rauf auf die Seite und sich eintragen! Rodenjohannshenrich? - dito. Am besten noch verbunden mit einer Erklärung, warum man so heißt. Ein Herr Füchtencordsjürgen beispielsweise würde schreiben können, dass sein Großvater Jürgen der Sohn vom Füchtencord, also vom Konrad bei den Fichten war. Und Frau Gerdtommarkotten, dass ihre Familie einen Kotten bewohnte, der auf einer "mar", einer sumpfigen Wiese, stand und einen Gerhard als Haushaltsvorstand hatte.
"Viele Namen stecken voller Geschichte", sagt Borner. "Wer ihre Entstehung hinterfragt, ihre Bedeutung herleitet, stößt oft auf eine Fülle interessanter Details." Bei den abertausenden von Müllers, Meiers und Schmidts ist schnell erklärt, was sich hinter ihrem Namen verbirgt. Bei den Grothusheidkamps ist da schon mehr zu entdecken - vermutlich handelt es sich bei ihnen um die Bewohner eines großen Hauses auf einem mit Heide bewachsenen Feld.
Jeden Tag neue Zugänge
Seit Selig, Borner und Hagemann die Seite freigeschaltet haben, wächst sie flott. "Wir verzeichnen jeden Tag neue Zugänge", sagt Borner. Mittlerweile ist die Liste auf 350 angewachsen, teils mit Erklärungen, teils ohne. Aus Herford trafen zuletzt Meyerzuschwabedissen und Düsediekerbäumer ein.
Wissenschaftlichen Ansprüchen genügt die Seite nicht. "Das war auch nie unser Ziel", sagt Borner. "Die Seite soll Freude machen, ein Forum für Histörchen sein und Neugier und Aufmerksamkeit erzeugen." Beispielhaft dafür stehe der "OWL-Namensgenerator": Wie beim Display eines Geldspielautomaten bringt der User auf Knopfdruck drei Silbenrollen ins Rotieren und setzt auf diese Weise die wundersamsten ostwestfälischen Namen zusammen.Den Grundstock für die Seite hatte Martina Selig gelegt. Die 42-jährige Redakteurin hatte es 2002 von Frankfurt nach Gütersloh verschlagen, recht bald fing sie an, die in ihren Ohren kurios klingenden Namen aufzuschreiben. Stand sie morgens an der Ampel neben dem Lieferwagen von Tiesbonenkamp, trug sie das in ihr Notizbuch ein. Traf sie geschäftlich Herrn Geisenhanslüke oder kaufte sie Blumen bei Frau Schniggendiller, so fanden auch diese Eintrag in ihre Liste.
Bald brachte sie die neue Sammelleidenschaft auf den Pfad der Namenkunde, der Onomastik. "Ein weites, ein spannendes Feld", sagt Selig. Familiennamen, so lernte sie, lassen sich in vier Gruppen einteilen: Vaternamen (abgeleitet vom Rufnamen des Vaters, z.B. Mertens, Jansen, Pauli), Herkunfts- und Wohnstättennamen (Bayer, Hesse, Westphal bzw. Althaus, Brückner, Lindemann), Berufsnamen (Müller, Schuster) sowie Übernamen, die einen Hinweis auf physische oder charakterliche Eigenheiten geben (Hinkefuß, Wittkopp, Hassenwein). Manche Namen lassen sich auch mehreren Kategorien zuordnen, etwa der Großewullenkötter: Zu spekulieren wäre, dass seine Ahnen von einem Kotten stammen und möglicherweise groß im Wollegeschäft tätig waren, mit anderen Worten, Schafe hielten.
2004 schrieb Selig für die FAZ einen Artikel darüber. Auch Jürgen Udolph, Professor an der Universität Leipzig und bekanntester deutscher Onosmatiker (Namenforscher), las ihn. Spontan bot er Selig an, über das Thema zu promovieren. "Doktorarbeit, drei Jahre lang? Das war nicht mein Ding", sagt Selig. Ob sich ein anderer Doktorand des Themas angenommen hat, weiß sie leider nicht.
Ihr Hobby indes behielt sie bei. In Borner (37), Autor von Stadtführern und Ostwestfälisch-Büchern (Pölter, Plörre und Pinöckel), fand sie einen Gleichgesinnten. Aufbauend auf der Sammlung Selig, trug auch er regionaltypische Familiennamen zusammen. Als besonders ergiebige Quellen erwiesen sich Berichte über Schützenfeste mit Auflistung des Hofstaates, Vorstandswahlen bei den Landfrauenverbänden, Geburts- und Todesanzeigen und Ehrungen bei Heimatvereinen. "Mir gefällt an den ostwestfälischen Namen ihr Klang und die Tatsache, dass sie eine Vorstellung wecken", sagt Borner. Bei einem Poggenpohl sehe er jemanden vor sich, der an einem sumpfigen Froschteich lebt, bei einem Schnakenwinkel einen, der aus einer mückenreichen Ecke kommt.
Als guter Gefährte für das Internet-Projekt erwies sich der Spexarder Sascha Hagenhenrich genannt Hagemann. Aus zwei Gründen: Der 36-jährige Medieninformatiker leitet eine Internetfirma, und er ist persönlich betroffen: Er trägt einen Genanntnamen - eine westfälische Besonderheit. Sie kam in der Regel dann zum Tragen, wenn der Name eines Bauernhofes erhalten bleiben sollte. Der Vorfahr Hagenhenrichs genannt Hagemann hätte demnach die Tochter des Erben- (Sohn-) losen Bauern Hagemann geheiratet. "Bei jeder Passkontrolle muss ich diese Geschichte erzählen", sagt Hagemann. Das sei aber auch das einzige, was ihn an seinem Namen störe. "Krause oder Schmitz wollt’ ich nicht heißen."