Bielefeld. Die Gewalt eskalierte Anfang 2009. Jugendliche hatten auf dem Jahnplatz einen jungen Mann mit einer Flasche beinah zum Krüppel geprügelt. Die Medien schlugen Alarm – und die Polizei reagierte. Das Projekt "Sichere Innenstadt" wurde geboren. Die Strategie: mehr Polizei vor Ort. Die Bilanz: Strategie gescheitert. Die Konsequenz: Es müssen noch mehr Uniformierte in die Innenstadt.
"Wir verzeichnen keinen Rückgang der Gewaltkriminalität", erklärte gestern Polizeipräsident Erwin Südfeld in einem Pressegespräch. Seit Jahren zählt die Statistik zwischen 850 und 950 Fälle pro Jahr. 2009, als das Projekt "Sichere Innenstadt" begann, waren es 904, ein Jahr darauf 896.
Die Ansätze von seinerzeit seien richtig, sagt Südfeld, die neue Strategie baue darauf auf. Seit zwei Wochenenden (Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag, 23 bis 6 Uhr) ist die Polizei mit einem noch größeren Aufgebot an den bekannten Krawallplätzen unterwegs: das "U" um Boulevard, Bahnhofstraße, Bahnhofsvorplatz, Jahnplatz, Feilenstraße.
Das Konzept von Dirk Butenuth, frisch gekürter Nachfolger von Andreas Kornfeld, der zum 1. April seinen Sessel als Leiter der Bielefelder Polizeiinspektion geräumt hatte, sieht vor allem "mehr Uniformierte" in der Stadt vor. Das bekannte Personalproblem hat Butenuth umschifft, indem er alle Dienststellen, deren Beamte Uniform tragen, mit ins Boot geholt hat. Fortbilder etwa und Sachbearbeiter der Polizei helfen wochenends aus. Denen, die lange nicht mehr draußen waren, werden Fortbildungen angeboten.
Auch solche Kollegen haben Südfeld und Butenuth "gegen einige Widerstände" verpflichtet, die sonst in den Außenstadtbereichen unterwegs sind. In Zahlen: An den Wochenendabenden sind 50 Prozent mehr Polizisten auf der Straße als üblich.
Der Ansatz ist, nicht erst einzugreifen, wenn bereits Menschen verletzt wurden. Wer mit Flaschen in der Hand grölend durch die Innenstadt läuft, muss damit rechnen, überprüft zu werden. Intensiver wolle die Polizei auch mit den Betreibern der Diskotheken zusammenarbeiten. Stichwort Prävention: "Wir möchten informiert werden, wenn Gruppen auffällig werden, nicht erst, wenn sie sich prügeln", sagt Dirk Butenuth. In Sachen Gewalt besonders auffällige Etablissements werde man künftig schneller dem Ordnungsamt melden. Schneller werden soll in Absprache mit der Justiz auch die Bearbeitung besonders schwerer Gewalttaten. Weitere Punkte im Konzept sind verstärkte Alkoholkontrollen bei Autofahrern plus zivile Polizeibeamte, die sich unter das Partyvolk mischen.
Die Bilanz nach zwei Wochenenden: Ist die Polizei vor Ort, ist der Übeltäter schneller geschnappt, als wenn die Freunde und Helfer erst per Notruf alarmiert werden müssen. Und wichtig: Die Menschen, die friedlich feiern möchten, fühlen sich besser aufgehoben, wenn die Polizei in der Nähe ist.
Die meisten von denen lachen sich doch schon lange über Deutschland kaputt.