Bünde. Die einen tragen Piercings, andere wiederum eine Haartracht, die aufgrund ihrer Ausdehnung ihresgleichen sucht. Wieder andere versuchen, sich über eine besondere Art der Bekleidung zu definieren. Mike Rahlmeyer geht seit zwei Wochen barfuß zur Schule, weil es ihm gefällt - am Mittwoch wollte ihn sein Schulleiter deswegen verweisen.
Es sind die letzten Tage für Mike Rahlmeyer an der Realschule Bünde-Mitte. Heute steht für ihn seine vorletzte Prüfung an - im Fach Englisch. Doch daran darf er - geht es nach dem Willen seines Schulleiters Horst Selle - nur teilnehmen, wenn er Schuhe trägt.
Barfuß: Medizinisch empfohlen
"Aus medizinischer Sicht ist barfuß zu laufen äußerst begrüßenswert", sagte Dr. Bernd Bär, Oberarzt und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie im Lukas-Krankenhaus. "Durch den direkten Kontakt der Fußsohle zu Unebenheiten wie beispielsweise kleinen Steinchen werden besonders die kleinen Fußmuskeln angeregt", so Bär. Menschen, die jahrelang barfuß gingen, hätten deswegen einen wesentlich stabileren Fußaufbau. "Wer barfuß läuft, muss zwar in Kauf nehmen, dass es schmerzhafter ist, wenn ihm mal jemand auf die Füße tritt, aber grundsätzlich ist es gesünder." Patienten mit statischen Problemen in den Füßen empfiehlt Bär, sich z. B. im Urlaub barfuß am Strand zu bewegen. Nach einiger Zeit seien die Schmerzen verschwunden.
"Fußpilz", so der Mediziner, "entsteht nur an Füßen, die zu wenig Luft bekommen."
"Seit zwei Wochen bin ich den ganzen Tag barfuß unterwegs", erzählt der 16-Jährige. "Ich fühle mich dabei einfach besser und lockerer. Gerade jetzt, wo es zwischendurch schon richtig warm war." Als dies Horst Selle gestern Morgen auffiel, sah dieser nur zwei Möglichkeiten: Entweder Mike geht sofort nach Hause, oder seine Mutter bringt ihm ein Paar Schuhe in die Schule.
Verstehen kann sie die Aufregung nicht
Um den Forderungen des Schulleiters auf die Schnelle nachzukommen, und dem Verweis, den er aufgrund des Hausrechts aussprechen kann, entgegenzuwirken, brachte Mikes Mutter Antje ihrem Sohn die Schuhe. Verstehen kann sie die Aufregung allerdings nicht. "Ich habe da überhaupt nichts gegen, dass mein Sohn barfuß unterwegs ist", sagt sie. Sie sieht es als jugendliche Marotte, gegen die nichts einzuwenden ist. "Jeder braucht doch irgendwo ein Ventil, oder etwas, über das er sich definieren kann. Bei Mike ist das jetzt nun einmal, dass er barfuß läuft."
Das sieht Schulleiter Horst Selle anders. "Als Schulleiter habe ich die Pflicht, unter anderem auf die Gesundheit meiner Schüler und Mitarbeiter zu achten und alles zu tun, damit diese keinen Gefährdungen auf dem Schulgelände ausgesetzt sind. Und da lässt mir das Gesetz auch keinerlei Handlungsspielraum", erklärte Horst Selle gestern gegenüber der Neuen Westfälischen.
Eine besondere Gefahr sieht Selle dabei bei Verletzungen. "Wir haben im Gebäude viele Plakate oder Aushänge, die mit Reißzwecken angebracht sind. Liegt so eine Reißzwecke irgendwo auf dem Boden, weil sie sich aus einer Übersichtstafel gelöst hat und Mike tritt da hinein und holt sich unter Umständen noch eine Blutvergiftung, bin ich als Schulleiter dafür verantwortlich." Ferner sei es auch aus hygienischer Sicht problematisch, weil sich beispielsweise Fußpilz ausbreiten könne - zumindest, wenn es mehrere Schüler gebe, die sich plötzlich nur noch barfuß bewegen würden. "Und gerade im Sportunterricht geht das überhaupt nicht", so Selle weiter, "sei es wegen erhöhter Verletzungsgefahr oder auch aus hygienischen Gründen".
"In manchen Kulturen nur barfuß unterwegs"
Mikes Mutter Antje Rahlmeyer hat Horst Selle angeboten, ein Schriftstück aufzusetzen, in dem sie erklärt, dass sie ihn gegenüber Mike von jeglicher Verantwortung im Falle einer Verletzung entbindet. "Das wollte Herr Selle nicht", sagt Antje Rahlmeyer und fügt scherzhaft an: "Solange die Füße zu Hause nicht auf dem Tisch liegen, habe ich nichts gegen Barfüßigkeit."
Für Mike ist es eine Grundsatzfrage. "In manchen Kulturkreisen sind die Menschen nur barfuß unterwegs. Wenn die hierher kämen, würde man ihnen das doch wohl auch nicht verbieten."
Ich selbst laufe erst als Erwachsener öfter mal barfuss und ist zwar müssig, den vielen positiven Kommentaren hier nochmal zuzustimmen, aber der mutige Mike hat das echt verdient!
Auf dich sollte man stolz sein, wenn man die Freiheit wertschätzt!