Halle. Mit dem Privatflugzeug eines Ehrenamtlichen aus dem Finanzausschuss des Kirchenkreises Halle wurde Margot Käßmann nach Halle gebracht. Am Morgen predigte sie noch in Greifswald, abends begeisterte sie 7.000 Menschen mit einer fesselnden Predigt beim Kreiskirchentag in Halle.
Eigentlich hätte sie nicht kommen können. Zu viele Termine. Doch der Kirchenkreis setzte alles in Bewegung. Gerhard Zimmermann, Unternehmer aus Brockhagen (Kreis Gütersloh), flog Margot Käßmann nach Bielefeld-Windelsbleiche, dann ging es mit dem Auto weiter nach Halle.
Superintendent Walter Hempelmann stellte sie als "Stimme des Protestantismus" vor. "Sie hat ein ganz besonderes Charisma und ist eine Frau, die die Menschen bewegt, die den Mut hat, klare Worte zu finden, und sich in das politische Geschehen einmischt", sagte er vor dem Gottesdienst über den Stargast des Abends. Die Predigt, die folgte, war eher fromm als politisch.
Mehr in Gottesdiensten als in Stadien
Unter dem Motto "Was steht ihr da und guckt zum Himmel?" sprach die 53-Jährige zum Abschluss des Kreiskirchentages. Sie forderte einen Glauben, der "nicht weltabgewandt, gar weltfremd" sein soll. Christen sollen das Leid der Welt nicht entfernt auf einem Bildschirm virtuell anschauen, "sondern zu unserem werden lassen". Zum Vorwurf, die Christen in Deutschland würden immer weniger, rief sie zum Perspektivwechsel auf: "Rund fünf Millionen Menschen besuchen jedes Wochenende einen Gottesdienst, nur rund 650.000 ein Bundesligastadion - die Berichterstattung und Wahrnehmung ist völlig disproportional."
Margot Käßmann ist manchmal gerne unbequem, bleibt dabei aber immer am Puls der Zeit: US-Schauspieler George Clooney sowie Dieter Bohlen, der Juror von "Deutschland sucht den Superstar", kamen in ihrer Predigt vor. Die Christen aus der Region waren begeistert von der ehemaligen Bischöfin, die beim Gottesdienst Fürbitten mit Schülern aus Halle vortrug.
Kirchentage sieht sie als "Tankstellen für die Seele", sie würden die Gemeinschaft vor Ort stärken. In Halle halfen 3.000 Haupt- und Ehrenamtliche bei der Organisation. "Das ist kirchlicher Ausnahmezustand, setzt aber eine enorme Energie frei", so Superintendent Hempelmann.
KOMMENTAR
Das Phänomen
VON ANNIKA FALK
Seit Margot Käßmanns Alkoholfahrt ist etwas Lack abgeblättert von ihrem Gutmenschen-Gewand. Zuletzt wurde ihr bei "Anne Will" Schwarzmalerei vorgeworfen. Doch diese Frau ist ein Phänomen. Mit ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz rennt sie offene Türen ein, spricht den Menschen aus dem Herzen. Ihr Ansehen scheint eher zu steigen.
Zwar hat Käßmann kein Amt mehr inne, doch auch nach ihrem Rücktritt bleibt sie beliebt – und kritisch. Nicht allen passt das, vor allem nicht den Politikern, die Käßmann hart angeht. Der Spiegel unterstellte ihr kürzlich sogar eine gewisse Sehnsucht nach Öffentlichkeit.
Ihr Name wird immer mit der Alkoholfahrt verbunden werden, doch trotz aller Kritik hat Käßmann kein Problem damit, anzuecken. Und die meisten Christen haben der Ex-Bischöfin bereits verziehen, eine zweite Chance gegeben. Sie strömen in Scharen zu ihren Predigten und Vorträgen. Beim Kreiskirchentag in Halle ebenso wie beim Kirchentag in Dresden. Sie wird wie ein Popstar gefeiert. Und die Kirche profitiert enorm von Käßmann – auch wenn ihr das manchmal alles andere als lieb ist.
Mail an die Autorin
Gab es wirklich kein besseres Foto, wo mal jemand in die Kamera schaut und der Superintendent nicht aussieht, als habe er gerade in eine Zitrone gebissen?
Und der Kommentar -. was soll er bloß dem Leser sagen? Er ist in sich völlig widersprüchlich. Wo ist bitteschön bei Frau Käßmann "etwas Lack abgeblättert"??? Das Gegenteil ist doch der Fall, seit sie nach einem Fehler die richtigen Konsequenzen gezogen hat, was an ihrem Sessel klebende Politiker und Führungskräfte meist nicht schaffen.
Ich kann auch nicht erkennen, dass es der (evangelischen) Kirche "manchmal alles andere als lieb" ist, dass sie von der Beliebtheit Käßmanns profitiert.
Nein, in diesem Kommentar werden leider nur nicht belegbare Behauptungen aufgestellt. Weniger wäre da mehr gewesen. Sprich: Dieser sinnlose Kommentar hätte einfach weg gelassen werden sollen!