Bielefeld. Dieter Tews weiß kaum, womit er anfangen soll. Seine Erzählungen von Anekdoten und kuriosen Erlebnissen könnten leicht ein ganzes Buch füllen. Denn an Dieter, der auf dem "Du" als Anrede besteht, ist wirklich alles außergewöhnlich.
Lange Haare, langer Bart, lange Halsketten und ein kräftiger Händedruck: So lassen sich gewöhnlich junge Harley-Davidson-Fahrer beschreiben. In diesem Fall aber geht es um einen Rentner, 69 Jahre alt und Wohnmobil-Fahrer. Statt seinen Ruhestand zu genießen, arbeitet der gebürtige Berliner als Fliesenleger und bereist die Welt. Zur Zeit campiert er auf einem Hinterhof in der Bielefelder Innenstadt.
"Der alte Büssing ist von 1970 und war früher ein Möbelwagen", sagt Dieter Tews. Sein wuchtiges Mobil ist schon von außen beeindruckend. Dann aber öffnet er die Tür, und es beginnt eine Wohnungsbesichtigung der besonderen Art.
Stationen
- Geboren wurde der Handwerker 1942 in Berlin. Im Winter kampiert er meist in seiner Heimatstadt;
- Die erste Reise führte ihn 1971 nach Indien;
- Große Teile der Inneneinrichtung seines Wagens wurden in Nepal angefertigt;
- In Deutschland besucht Dieter jährlich mehrere Goa-Festivals. Dort verteilt er Laubbaum-Sämlinge;
- Für das nächste Frühjahr plant Dieter eine China-Reise. Dafür sucht er noch Begleiter.
Buddhas, Vishnus und Drachen
Das Auto ist ein Hausboot auf Rädern, ist Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand in einem. In jahrelanger Kleinarbeit hat Tews sich hier ein ebenso unglaubliches wie einzigartiges Domizil geschaffen. Große Teile der Inneneinrichtung sind in Nepal gefertigt. "Das ist alles aus Messing gehämmert und aus Holz geschnitzt", sagt der Veganer, der auch Alkoholgenuss und Zigaretten ablehnt. DerWohnraum wird von unzähligen asiatischen Gottheiten und Fabelwesen geschmückt: Buddhas, Vishnus, Drachen und Schlangen grüßen den Besucher aus einer anderen Welt. Mit Ausbauten und Verzierungen wiegt der Wagen 14 Tonnen. Das Vorgängermodell war an dieser Last zerbrochen.
Seit 1971 lebt Tews auf Rädern. "Aus dem Fenster gucken und jeden Tag das gleiche sehen, das ist mir viel zu langweilig." Einen festen Wohnsitz vermisst er auch im Winter nicht. "Sieben Kerzen reichen, dann ist die Hütte warm."
Viele Details seiner "Hütte" bleiben auf den ersten Blick versteckt. Erst als die Sonne rauskommt, fängt es an zu plätschern: "Das ist der Springbrunnen, der kriegt Solarstrom vom Dach." Die feine Fontäne ergießt sich inmitten von Pflanzen und Moosen. Überall im Auto sind kleine Botanik-Inseln integriert.
Tews überrascht Besucher mit endlosen Raffinessen
Tews ist es eine Freude, den staunenden Besucher mit endlosen Raffinessen zu überraschen. "Ich hab hier 668 LEDs eingebaut," erklärt der Hausherr. Überall sind kleine Schalter versteckt, die den Innenraum auf Knopfdruck in gold-gelbes Licht tauchen. Kaum ruhen die Augen auf einem Objekt, ist Tews schon beim nächsten. In seinem Wohnmobil fehlt nichts: Schlafzimmer mit Doppelbett, Gästezimmer, Küche. "Das Badezimmer, das hat einen Sound!" Tews zeigt auf große Lautsprecher in der Decke. Der Bad-Fußboden ist beheizt. Mosaik-Plättchen und runde Formen erinnern an Hundertwasser-Architektur. Aber der Bastler bekräftigt: "Das entspringt alles meiner Fantasie." Auf dem Dach seines Eigenheims hisst er die Tibet-Flagge. "Die kann ich nachts ausleuchten", erklärt der Globetrotter. Und das Dach bietet weitere Möglichkeiten: Mit wenigen Handgriffen lässt sich ein Zelt aufspannen - eine überdachte Terrasse inmitten von Solarzellen. Dieter Tews ist ein bunter Hund. Früher war auch sein Wagen
knallbunt bemalt. Wegen des H-Kennzeichens muss er sich nun jedoch auf zahme Zweifarbigkeit beschränken. "So wollen sie es haben." Tews bringt nichts aus der Ruhe. Aber um Natur und Mitmenschen sorgt er sich: "Die jungen Leute wissen nicht mehr, was wichtig ist im Leben." Er hingegen ist sich sicher: "Wir kommen aus der Natur, und wir müssen auch zurück zur Natur.Wenn ich daran denke, was der Mensch mit der Umwelt anstellt, kriege ich eine Gänsehaut." Dieter Tews hat viel gesehen und unzählige Länder bereist: "Ich habe Goldhände und kann überall arbeiten", sagt er. Am häufigsten hat es ihn bisher nach Nepal und Indien gezogen. Im nächsten Frühjahr steht eine ausgedehnte China-Reise an. Dafür sucht er noch Mitstreiter. Auf dem Weg in die Volksrepublik kennt Tews keine Eile: "Ich fahre, bis ich da bin." Die Reise ist nicht billig, der Bus verbraucht 30 Liter Diesel auf 100 Kilometern. "Darum lebe ich sparsam, ich brauche nicht viel," sagt er.
Der Zukunft blickt der Pensionär freudig entgegen. "Ich habe noch viel vor, bin voller Ideen", sagt Tews wild gestikulierend. Es wäre einfach, den Berliner als alternden Spinner abzutun. Aber er wirkt authentisch, auch wenn er das kleine esotherische Einmaleins beherrscht. Dieter Tews fasst sein Anliegen zusammen: "Ich versuche, den Menschen ein bisschen Kraft zu geben. Die meisten verlassen den Bus positiver als sie gekommen sind." Das stimmt. Und so ist es wenigstens einfach, einen guten Schluss zu finden.