Sonnabend, 26.05.2012
Homepage-Ticker | RSS | Twitter | Impressum | Kontakt | AGB | Mediadaten


Schrift

24.12.2011
BIELEFELD
Ein Opfer der Neonazis
Orazio Giamblanco (70) aus Bielefeld wurde vor 15 Jahren fast zu Tode geprügelt
VON HUBERTUS GÄRTNER

Zerstörtes Leben | FOTO: C. WEISCHE

Bielefeld. Ausgerechnet heute, am Heiligen Abend, wollen die Neonazis in Bielefeld demonstrieren. Man möchte sich am liebsten gar nicht vorstellen, wie ihre nationalistischen Parolen in den Ohren von Orazio Giamblanco klingen müssen. Der 70-Jährige Mann, der aus Sizilien stammt, lebt nur ein paar hundert Meter vom geplanten Aufmarschort der Rechten entfernt in einer kleinen Wohnung.

Giamblanco ist schwerstbehindert. Er hat ständige Schmerzen, ist halbseitig gelähmt und leidet unter Sprachstörungen. Der Patient kann sich nur noch im Zeitlupentempo mit einem Rollwagen fortbewegen, und er ist auf ständige Hilfe angewiesen. Das Schicksal Orazio Giamblancos ist traurig und bewegend. Es steht stellvertretend für etwa 10.000 Menschen, die in den letzten 20 Jahren in Deutschland von Neonazis angegriffen und verprügelt worden sind. Etwa 150 Opfer sind bei den Attacken zu Tode gekommen. Giamblanco hat nur knapp überlebt.

Der Arbeiter aus Bielefeld hatte sich im Jahr 1996 im Osten Deutschlands von einer Baufirma als Übersetzer für seine italienischen Landsleute anheuern lassen. Er ahnte nichts von der Gefahr. Am Abend des 30. September fiel Giamblanco in der brandenburgischen Kleinstadt Trebbin mehreren Rechtsradikalen in die Hände, die gerade eine mörderische Jagd auf Ausländer machten. Giamblanco wurde vor einer Telefonzelle aus heiterem Himmel hinterrücks mit einem Baseballschläger zusammengeschlagen. Er erlitt schwerste Verletzungen an Kopf und Körper. Anschließend lag das Opfer wochenlang im Koma. Zwar retteten die Ärzte in mehreren Notoperationen sein Leben, aber es ist trotzdem für immer zerstört.

"Ich bin kaputt", sagt der 70-Jährige. Man muss genau hinhören, um seine Worte zu verstehen. Die ersten Jahre konnte das Opfer nicht mal alleine essen oder auf die Toilette gehen. Giamblancos Lebensgefährtin Angelica Berdes (60) und deren Tochter Efthimia (36) haben sich all die Jahre liebevoll gekümmert, und sie tun es bis heute.

"Die Pflege hat uns sehr viel Kraft gekostet", sagt Angelica Berdes. "Orazio ist oft depressiv und leidet nun auch noch unter Magenbeschwerden", sagt sie. Im Winter gehe man kaum vor die Tür – wegen zu großer Schmerzen gelinge es Giamblanco nicht mehr, in ein Auto zu steigen. Bereits vor drei Jahren hatte diese Zeitung den Fall aufgegriffen – und der Familie mit einer Leser-Spendenaktion eine Reise nach Sizilien ermöglicht. Seit dem Überfall vor 15 Jahren berichtet auch der Berliner Tagesspiegel regelmäßig über Giamblancos Leben und Schicksal.

Dreimal in der Woche wird Orazio Giamblanco vom Roten Kreuz in Bielefeld zur Krankengymnastik gebracht. Für Fußball interessiert er sich noch immer. "Inter Mailand", sagt Giamblanco, und ein kurzes Lächeln huscht für einen Moment über sein Gesicht. Dann erzählt er von seinen beiden Brüdern, die kürzlich gestorben sind – während er hier untätig sein Leben fristen muss. Zu den Neonazis sagt Giamblanco nichts – er schaut nur ins Leere. "Unfassbar" und "schrecklich" sei es, dass die Rechten Heiligabend in Bielefeld demonstrieren wollen, ruft hingegen Angelica Berdes, und ihre Augen scheinen schwarz vor Entsetzen.

Der Neonazi Jan W., der Giamblanco zusammengeschlagen hatte, wurde 1997 wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt. Mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß. Bereits vor fünf Jahren hat Jan W. sich bei Giamblanco brieflich für seine schändliche Tat entschuldigt und sich von der rechten Szene losgesagt. "Ich habe ihm verziehen", sagt Giamblanco. Angelica Berdes schüttelt den Kopf. "Kann ein Mensch, der so etwas getan hat, sich ändern?"

Kommentare
... Eine Demo der Neonazis - ausgerechnet am
HEILIGABEND!
Das ist doch sehr bezeichnend für diese Leute, die
mit CHRISTLICHEN Werten, geschweige mit MENSCHENRECHTEN überhaupt, nichts am Hut haben, ABER die Grundrechte wie die freie Meinungsäußerung u.a. für sich in Anspruch nehmen und für ihre Propaganda MISSBRAUCHEN,
um gegen Demokratie und letztlich gegen unseren Staat vorzugehen.
Und die Linksextremen sind in der Beziehung auch nicht besser!
Ich wünschte wirklich, unsere Demokratie handelte viel WEHRHAFTER gegenüber den braunen und superroten Ewiggestrigen ...
Wie heißt es schön:
Wehret den Anfängen!
Wer kennt denn Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter"?
In der Tat lesenswert ...

@ eeeeeegal

Es ist ungemein traurig, was Ihrem Onkel widerfahren ist. Dass nach so vielen Jahren die Wut und der Hass auch auf den Staat, in dem Sie leben, nicht geringer geworden ist, läßt Schlimmes befürchten.

Leider haben Sie einen Satz "herausgeschrien", den man sinngemäß und in Teilen wörtlich auch von Neonazis und linken Antideutschen hören kann: "...deutschland ist ein paradies für alle schwerverbrecher..."

Kehren Sie um, bevor man Sie von den Außenseitern unserer Gesellschaft nicht mehr unterscheiden kann!
Bedienen Sie sich nicht der Sprache von Demokratiefeinden.
Orientieren Sie sich an der menschlichen Größe Ihres Onkels, der verziehen hat!

Ihrer Familie alles Gute!

@Bernd Stromberg
wenn das gesetz in arabischen ländern körperliche strafe vorschreibt dann ist das so. wer sagt denn das die körperliche strafe menschenunwürdiger ist als ein freiheitsentzug? da muss einer wie du nicht ankommen und den großen retter spielen. und wie viele menschenrechtsverletzungen gibt denn von den usa? die usa führen ein krieg nach dem anderen und tausende menschen sterben dabei aber leute wie du zeigen mit dem finger auf die bösen arabischen staaten. und wer kümmert sich um die menschenrechte in kuba? richtig keiner, weil deutschland sich ja jetzt den islam als feindbild geschaffen hat. und wer von eigenen problemen ablenken will der zeigt auf die angeblichen probleme von anderen und verdreht mal eben noch bisschen die tatsachen.

an alle die hier irgendein scheiss labbern und sich das recht nehmen zu urteilen..
dieser mann ist mein onkel, der bruder meines vaters, er hat nicht nur schmerzen, sondern ist komplett nicht mehr er selbst.. er wünscht sich sein tot weil er so nicht mehr leben will, weil er selbst von sich sagt das er ein krüppel ist ... sein verstand ist zu hundert prozent normal geblieben und ist gefangen in seinem körper... und das nicht weil er von der leiter gefallen ist!!! die deutschen gesetzt sind zu lasch... in jeglicher hinsicht... deutschland ist ein paradies für alle schwerverbrecher...!!!!!!!!!!!!!

@Demonstrant
Danke, dass Sie mir antworten. Bitte Fakten und keine Mutmaßungen.



 Seite 1 von 4
weiter >
  >>



Anzeige
Weitere Nachrichten aus OWL
OWL
Westfalen kommt in Schulbüchern kaum vor
Wie wichtig es offenbar ist, den Blick NRWs – wie an diesem Wochenende – öfter nach Ostwestfalen-Lippe zu lenken, zeigt eine Studie, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vorgelegt hat. mehr

MINDEN
Korrupter Beamter in Minden kassiert Asylbewerber ab
Ein leitender Mindener Beamter ist wegen Korruption zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er soll von Asylbewerberinnen eine stattliche Summe Geld für Hilfe im Asylverfahren kassiert haben. mehr


HERFORD
"Chefsekretärin" gesucht: Männlicher Bewerber fühlt sich diskriminiert
Ausgerechnet ein Personaldienstleister hat bei einer Stellenausschreibung eine Bestimmung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) verletzt und die Position einer Chefsekretärin nur in der weiblichen Form ausgeschrieben. mehr

BIELEFELD
Ex-Armine Oliver Kirch heiratet Model Jana Flötotto kirchlich
Oliver Kirch, Ex-Fußballer von Arminia Bielefeld, und das Model Jana Flötotto haben sich in Gütersloh trauen lassen und in der Orangerie von Schloss Rheda kräftig gefeiert. mehr



Anzeige


Anzeigen

Fotos aus OWL
Bad Oeynhausen: 29. Nationaler Stadtlauf
Bad Oeynhausen: 29. Nationaler Stadtlauf
Herzebrock-Clarholz: Unfall mit sechs Verletzten
Herzebrock-Clarholz: Unfall mit sechs Verletzten
Espelkamp: Saisonstart im Waldfreibad
Espelkamp: Saisonstart im Waldfreibad
Höxter: Kollision auf der Kreuzung
Höxter: Kollision auf der Kreuzung
Bad Oeynhausen: Fußball-Turnier der Grundschul-Mädchen
Bad Oeynhausen: Fußball-Turnier der Grundschul-Mädchen
Entrup: Aussichts- und Telegrafenturm eingeweiht
Entrup: Aussichts- und Telegrafenturm eingeweiht


Videos
Regionale Wirtschaft
RÖDINGHAUSEN: Das längste Solarmodul der Welt
Solarenergie gewinnt an Bedeutung, soll die Energiewende forcieren – und wurde nun Ziel einer technologischen Innovation. Einem von der... mehr

BIELEFLD: Dr. Oetker übernimmt tunesisches Nahrungsmittelunternehmen
Dr. Oetker steigt in den nordafrikanischen Nährmittelmarkt ein. Der Bielefelder Lebensmittelkonzern habe die Mehrheit an dem tunesischen... mehr

BIELEFELD: Begegnungswoche der Bielefelder Industrie- und Handelskammer
Im vergangenen Jahr drehte sich die alljährliche "Internationale Begegnungswoche" der Bielefelder Industrie- und Handelskammer um die ASEAN-Staaten im... mehr

BIELEFELD: Große Chancen für Lehrstellensuchende
Jugendliche, die in diesem Jahr noch einen Ausbildungsplatz in Ostwestfalen suchen, sind am 12. Juni zu "Speed-Datings" eingeladen. Interessenten... mehr

Entlassungen bei Premiummöbel-Hersteller Interlübke
Rheda-Wiedenbrück (lnw). Trotz Aufwärtstrends will der Premiummöbel-Hersteller Interlübke den Betrieb umstrukturieren und bis Jahresende 40 der knapp... mehr


Kultur
Theater verzaubert die Paderstadt
Paderborn. Das neue Theater Paderborn war bis Freitagabend Gastgeber des 28. professionellen Kinder- und Jugendtheatertreffens NRW "Westwind". Elf... mehr

PADERBORN: Trügerische Paradiese des William Turner in Paderborn
Paderborn-Schloß Neuhaus. Er war einer der mobilsten Künstler seiner Zeit, skizzierte unermüdlich auf seinen Reisen und rückte die Landschaftsmalerei... mehr

DETMOLD: Detmold als Freilichtbühne
Detmold (nw). Die Stadt aus ganz neuen Blickwinkeln zu erleben: Dazu lädt das Europäische Straßentheaterfestival in Detmold ein. Über Pfingsten wird... mehr

GÜTERSLOH: Liz Mohn feiert 25 Jahre Wettbewerb "Neue Stimmen"
Vor 25 Jahren hat Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn den Wettbewerb "Neue Stimmen" für den Opernachwuchs ins Leben gerufen. Das soll gefeiert werden:... mehr

Literarisches Staraufgebot
Wuppertal (dpa). Mit hochkarätigen Autoren feiert die Wuppertaler Literatur Biennale 2012 Premiere. Gäste des neuen Literaturfestivals vom 6. bis 16.... mehr