Bielefeld. Ausgerechnet heute, am Heiligen Abend, wollen die Neonazis in Bielefeld demonstrieren. Man möchte sich am liebsten gar nicht vorstellen, wie ihre nationalistischen Parolen in den Ohren von Orazio Giamblanco klingen müssen. Der 70-Jährige Mann, der aus Sizilien stammt, lebt nur ein paar hundert Meter vom geplanten Aufmarschort der Rechten entfernt in einer kleinen Wohnung.
Giamblanco ist schwerstbehindert. Er hat ständige Schmerzen, ist halbseitig gelähmt und leidet unter Sprachstörungen. Der Patient kann sich nur noch im Zeitlupentempo mit einem Rollwagen fortbewegen, und er ist auf ständige Hilfe angewiesen. Das Schicksal Orazio Giamblancos ist traurig und bewegend. Es steht stellvertretend für etwa 10.000 Menschen, die in den letzten 20 Jahren in Deutschland von Neonazis angegriffen und verprügelt worden sind. Etwa 150 Opfer sind bei den Attacken zu Tode gekommen. Giamblanco hat nur knapp überlebt.
Der Arbeiter aus Bielefeld hatte sich im Jahr 1996 im Osten Deutschlands von einer Baufirma als Übersetzer für seine italienischen Landsleute anheuern lassen. Er ahnte nichts von der Gefahr. Am Abend des 30. September fiel Giamblanco in der brandenburgischen Kleinstadt Trebbin mehreren Rechtsradikalen in die Hände, die gerade eine mörderische Jagd auf Ausländer machten. Giamblanco wurde vor einer Telefonzelle aus heiterem Himmel hinterrücks mit einem Baseballschläger zusammengeschlagen. Er erlitt schwerste Verletzungen an Kopf und Körper. Anschließend lag das Opfer wochenlang im Koma. Zwar retteten die Ärzte in mehreren Notoperationen sein Leben, aber es ist trotzdem für immer zerstört.
"Ich bin kaputt", sagt der 70-Jährige. Man muss genau hinhören, um seine Worte zu verstehen. Die ersten Jahre konnte das Opfer nicht mal alleine essen oder auf die Toilette gehen. Giamblancos Lebensgefährtin Angelica Berdes (60) und deren Tochter Efthimia (36) haben sich all die Jahre liebevoll gekümmert, und sie tun es bis heute.
"Die Pflege hat uns sehr viel Kraft gekostet", sagt Angelica Berdes. "Orazio ist oft depressiv und leidet nun auch noch unter Magenbeschwerden", sagt sie. Im Winter gehe man kaum vor die Tür – wegen zu großer Schmerzen gelinge es Giamblanco nicht mehr, in ein Auto zu steigen. Bereits vor drei Jahren hatte diese Zeitung den Fall aufgegriffen – und der Familie mit einer Leser-Spendenaktion eine Reise nach Sizilien ermöglicht. Seit dem Überfall vor 15 Jahren berichtet auch der Berliner Tagesspiegel regelmäßig über Giamblancos Leben und Schicksal.
Dreimal in der Woche wird Orazio Giamblanco vom Roten Kreuz in Bielefeld zur Krankengymnastik gebracht. Für Fußball interessiert er sich noch immer. "Inter Mailand", sagt Giamblanco, und ein kurzes Lächeln huscht für einen Moment über sein Gesicht. Dann erzählt er von seinen beiden Brüdern, die kürzlich gestorben sind – während er hier untätig sein Leben fristen muss. Zu den Neonazis sagt Giamblanco nichts – er schaut nur ins Leere. "Unfassbar" und "schrecklich" sei es, dass die Rechten Heiligabend in Bielefeld demonstrieren wollen, ruft hingegen Angelica Berdes, und ihre Augen scheinen schwarz vor Entsetzen.
Der Neonazi Jan W., der Giamblanco zusammengeschlagen hatte, wurde 1997 wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt. Mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß. Bereits vor fünf Jahren hat Jan W. sich bei Giamblanco brieflich für seine schändliche Tat entschuldigt und sich von der rechten Szene losgesagt. "Ich habe ihm verziehen", sagt Giamblanco. Angelica Berdes schüttelt den Kopf. "Kann ein Mensch, der so etwas getan hat, sich ändern?"
HEILIGABEND!
Das ist doch sehr bezeichnend für diese Leute, die
mit CHRISTLICHEN Werten, geschweige mit MENSCHENRECHTEN überhaupt, nichts am Hut haben, ABER die Grundrechte wie die freie Meinungsäußerung u.a. für sich in Anspruch nehmen und für ihre Propaganda MISSBRAUCHEN,
um gegen Demokratie und letztlich gegen unseren Staat vorzugehen.
Und die Linksextremen sind in der Beziehung auch nicht besser!
Ich wünschte wirklich, unsere Demokratie handelte viel WEHRHAFTER gegenüber den braunen und superroten Ewiggestrigen ...
Wie heißt es schön:
Wehret den Anfängen!
Wer kennt denn Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter"?
In der Tat lesenswert ...