Bielefeld. Die Kritik an der Bielefelder Tafel reißt nicht ab. Seit Wochen beschweren sich Kunden über die Einrichtung, die gespendete Lebensmittel an arme Menschen weiterleitet. Die Hauptvorwürfe: Es werden teilweise vergammelte Waren ausgegeben; es wurde Gespendetes verkauft; es werden Nutzer beleidigt, eingeschüchtert und sanktioniert.
Der ganze Frust zielt auf Tafel-Leiterin Rosetraut Kirse. Die ist selbst konsterniert über den nicht abreißenden Ärger. Sie spricht von "Hexenjagd". Nun will der Sozialpfarrer Matthias Blomeier eingreifen.
Als "menschenverachtend" beschreibt Barbara Beckmann vom Tafel-Landesverband den Ton von Kirse gegenüber den Menschen, die dort Wurst, Kartoffeln und Brot bekommen, um ihre leeren Kühlschränke aufzufüllen. Beckmann ist beim Tafel-Ableger in Herford tätig. Flankiert wird ihre Einschätzung von Kunden wie Sandra Mönch und Nicole Wrede. Die Frauen sagen, sie hätten die Zustände endgültig satt.
Umtausch wurde verwehrt
Mönch, Mutter von zwei kleinen Kindern und seit gut eineinhalb Jahren wegen finanzieller Schwierigkeiten auf die Tafel angewiesen, moniert den "unwürdigen" Umgangston und die Ungenießbarkeit vieler Waren. "Ich habe Fisch bekommen, der seit drei Wochen abgelaufen war. Der Umtausch wurde mir verwehrt." Die Ausgabe von welkem Gemüse und überalten Kühlprodukten sei nicht Ausnahme, sondern die Regel.
Die Leiterin Rosetraut Kirse dementiert das. Alle Negativmeldungen seien "unzutreffend und falsch", schrieb sie jetzt an Tafelfreunde, Tafelspender und Sponsoren. "In immer wiederkehrender Form wird versucht, die Tafel in Misskredit zu bringen". Sie beteuert: "Es wird nur das weitergereicht, was wir selbst essen würden." Außerdem habe es bei Prüfungen des Amtes nie Beanstandungen gegeben. Hans-Helmut Jostmeier, zuständig für die Lebensmittelkontrolle bei der Stadt Bielefeld, bestätigt das. Das Amt kommt standardmäßig einmal im Jahr. Ansonsten sei es auf konkrete Hinweise angewiesen. Die habe es nicht gegeben.
Tatsächlich haben die Kritiker diesen Weg noch nicht eingeschlagen. Die Beschwerden haben aber immerhin dazu geführt dass Bernd Seidner, zweiter Vorsitzender der Tafel, sofort benachrichtigt werden will, falls Gammeliges in der Tüte sei. Die Berichte über schimmelige Möhren, aufgeplatzte Bananen, wochenlang abgelaufene Joghurts oder aufgeblähte Wurstpakete sind zahlreich – obwohl vergangene Woche die Ware laut Mönch – endlich einmal – "einwandfrei" gewesen sei.
Viele Kunden fragen sich, was mit den "besseren" Spenden geschehe. Sie berichten, dass ein Teil der haltbareren Lebensmittel wie Cornflakes oder Kaffee lange Zeit verkauft worden seien. Laut Barbara Beckmann wäre das ein "eklatanter Verstoß" gegen die Tafel-Regeln. Für Kirse handelt es sich um "Genussmittel", die gegen Spenden weiter gegeben worden sind. Das sei übliche Praxis auch bei anderen Tafeln.
Es drohe Hausverbot
Viel Hoffnung auf grundlegende Änderungen machen sich die Tafel-Nutzer nicht, solange die jetzige Leiterin dort die Regie führe, sagen sie. Sie wollen sich nicht mehr "unwürdig" abspeisen lassen und agieren deswegen offen gegen sie. Im Freizeitzentrum Baumheide hat Sandra Mönch eine Liste ausgelegt für die, die ebenfalls die Nase voll haben. Sie habe keine Angst mehr, sagt sie, obwohl Hausverbot drohe. "Die wirft alle vom Hof, die den Mund aufmachen", bestätigt Nicole Wrede, die kranke Bedürftige begleitet. Kirse führt hingegen an, mit einer "schwierigen Klientel" zu tun zu haben und deswegen klare Worte sprechen zu müssen. Wer sich nicht wohl fühle bei der Tafel, könne sechs weitere Anbieter dieser Art in Bielefeld aufzusuchen.
Noch im Januar hatten Vertreter von Bundes- und Landesverband zusammen mit der Bielefelder Tafel versucht, die Lage zu befrieden. Sie hatten neue Regeln ausgehandelt. Demnach muss sich Kirse aus der Ausgabe zurückziehen, "Verkäufe" sind verboten und Verdorbenens darf ausgetauscht werden. Der zweite Vorsitzende Seidner pocht seitdem darauf, dass die Qualität der ausgegebenen Waren genau geprüft wird. Nur: Das grundlegende Vertrauen vieler Nutzer und anderer Kritiker in die Tafel bleibt erschüttert.
Nun versucht Matthias Blomeier, Sozialpfarrer des evangelischen Kirchenkreises, zu vermitteln. "Als Mediator habe ich einen gemeinsamen Gesprächstermin am Mittwoch vorgeschlagen", sagt er. Barbara Beckmann wird dabei sein, ebenso Bernd Seidner und Rosetraut Kirse. Die Tafel-Leiterin selbst erkennt Veränderungsbedarf: "Es muss was passieren, und es wird was passieren."
Für Sandra Mönch gibt es nur eine Lösung: "Frau Kirse muss aufhören, sonst hört es nie auf."