Bielefeld. Die Scientology-Sekte versucht, an den Schulen Nordrhein-Westfalens Fuß zu fassen. Davor warnt die Beratungsstelle Sekten-Info NRW. Scientology wolle seine Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein" in alle Schulbibliotheken einschleusen, heißt es. "Sehr gefährlich" nennt Sabine Riede, Geschäftsführerin des Büros, die Aktivitäten. Das Buch gehöre dort nicht hin.
Auch der Verfassungsschutz NRW warnt vor wachsendem Einfluss der Scientology-Organisation (SO) im größten Bundesland. Nicht nur über die Broschüre versuche Scientology seinen Einfluss zu festigen und neue Mitglieder anzuwerben. "Ein aktueller Angriff auf Kinder und Jugendliche erfolgt jüngst über die (Tarn-)Organisation ,Applied Scholastics‘ (Nachhilfe) und ,ZIEL‘ (Zentrum für individuelles und effektives Lernen)", sagt Birgit Axler vom Innenministerium des Landes NRW. Vor SO-Aktivitäten in der Nachhilfe warnt auch Marc Ratajczak, Sektenbeauftragter der CDU-Landtagsfraktion.
Vorsicht im Bereich Nachhilfe
- Aus Anlass der jüngsten Ausgabe der Halbjahreszeugnisse warnt Marc Ratajczak, Sektenbeauftragter der CDU-Landtagsfraktion, vor "starken Aktivitäten von Scientology" im Bereich der Nachhilfe.
- Eltern sollten, so Ratajcak, keine voreilige Entscheidung über einen Anbieter von Nachhilfe treffen. Es gebe Hinweise, dass immer mehr Scientologen auch Einzelnachhilfe anböten.
- Ein Sprecher des NRW-Schulministeriums rät Eltern: "Sprechen sie mit den Lehrern." Man müsse in jedem Fall erst schauen, ob die jeweilige Schule den Förderbedarf nicht decken könne. (bth)
Die oben zitierte OS-Broschüre soll laut Sabine Riede an allen Schulen des Landes verteilt werden mit dem Ziel, dass sie dort in den Bibliotheken platziert wird. "Der Name Scientology taucht dort nicht auf." Inhalt des Buches seien moralische Themen und Ziele, denen man sich zunächst durchaus anschließen könne. Doch falls Schüler nähere Informationen zu dem Buch haben wollten, "bleibt die Gefahr, dass sie übers Internet mit Scientology in Berührung kommen". Riede sagt, sie habe die zuständigen Fachaufsichten über die aktuellen Vorgänge bereits informiert.
Gerichtsurteil gegen Scientology
"Literatur von verfassungsfeindlichen Organisationen hat in der Schule nichts zu suchen", so Riede. Im NRW-Verfassungsschutzbericht werden Scientology "Strukturen mit totalitärem Anspruch und menschenverachtenden Tendenzen" zugeschrieben. Im bevölkerungsreichsten Bundesland sei die OS-Mitgliederzahl "in den letzten Jahren stark angestiegen – auf derzeit circa 600". Bundesweit habe SO 5.000 bis 6.000 Mitglieder. Das Oberverwaltungsgericht Münster urteilte 2008, dass sich die Lehre von SO "gegen die Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz" richte.
Die SO-Broschüre ist laut Auskunft von Riede bereits an Schulen in NRW im Umlauf. "Dass Bücher schon rausgegangen sind, ist eindeutig." Sie habe hierüber zuverlässige Berichte einer SO-Aussteigerin.
Norbert Blüm (CDU), ehemaliger Bundesarbeitsminister, plädierte dafür, die SO-Aktivitäten ernst zu nehmen. "Wir haben es mit einer mächtigen, einflussreichen Organisation zu tun", so Blüm auf Anfrage. "Das ist ein Geldgeschäft." Als Minister habe er sich viel mit Scientology auseinandergesetzt. NRW sei für Scientology ein "strategischer Brückenkopf bei der Eroberung des Ostens". Die dortigen Länder seien durch den Sozialismus ausgetrocknet. "Dort gibt es große Sehnsüchte", so Blüm. Er setzt bei der Auseinandersetzung mit Scientology aber nicht auf Verbote, sondern auf die geistige Auseinandersetzung. "Ich glaube, dass wir nicht machtlos sind."