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29.01.2013
Detmold
Düzen Tekkal: "Arzus Vater ist kein Monster"
Interview mit yezidischer RTL-Reporterin zum Fall Özmen
VON SEDA HAGEMANN

Yezidische Journalistin | Foto: Privat

Detmold. Arzu Özmens Vater Fendi wird vor Gericht schweigen - das hat sein Anwalt am ersten Prozesstag deutlich gemacht. Hat es einen Mordauftrag an die Geschwister gegeben? Welche Rolle hat der Vater in der Tragödie um die ermordete Yezidin Arzu gespielt? Diese Fragen bleiben vermutlich unbeantwortet. Am Mittwoch geht der Prozess gegen ihn weiter.

Die yezidische Journalistin Düzen Tekkal verfolgt für den Fernsehsender RTL den Fall seit mehr als einem Jahr. Diese Zeitung sprach mit ihr über den Fall Arzu und wollte von ihr wissen, ob sich seit dem Ehrenmord in der yezidischen Gesellschaft etwas verändert hat.


Frau Tekkal, vor 15 Monaten wurde Arzu Özmen Opfer eines "Ehrenmordes". Das Detmolder Landgericht hat im Mai alle Geschwister mit langen Haftstrafen ins Gefängnis geschickt. Jetzt muss sich auch der Vater vor Gericht verantworten. Ist das ein wirksames Mittel, um solchen Tragödien vorzubeugen?

Düzen Tekkal:
Ich denke, harte Strafen sind in jedem Fall die richtige Antwort auf diese grausamen Vergehen. Man darf KEINE kulturellen Aspekte berücksichtigen, um strafmildernd davon zu kommen. Solche Urteile werden auch in der yezidischen Community als Signal wahrgenommen und heiß diskutiert. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verurteile die Tat, aber meiner Meinung nach sind die Özmens gleichzeitig auch Opfer einer falsch verstandenen Familientradition.

Wie meinen Sie das?

Tekkal:
Wenn du ein Leben lang mit bestimmten Werten erzogen wirst, die da heißen, du musst einen Yeziden heiraten, du musst eine treue kurdische Tochter sein und wenn das nicht klappt, bist du eine Schande oder deine Brüder ehrlos, dann hinterlässt das was in den Köpfen. Verstehen Sie? So sind ja auch die Eltern groß geworden und haben das an ihre Kinder weitergegeben. Wen genau trifft die Schuld? Die Eltern selbst haben ungeheuren Druck von der Gemeinschaft bekommen. Also trägt auch jeder ein Stück weit Mitschuld.

Wie beurteilen Sie Fendi Özmens Rolle in dem Fall?

Tekkal:
Ich denke, es greift zu kurz, den Vater zu dämonisieren, damit machen es sich Viele zu einfach. Arzus Vater ist kein Monster. Es wird noch dauern, bis er das ganze Ausmaß dieser Tragödie begriffen hat. Ähnlich wird es auch den Geschwistern gehen. Der Vater galt als perfekt integriert und war auch geachtet in der yezidischen Gemeinschaft. Dann passierte das mit der Tochter und er wollte um jeden Preis sein Gesicht wahren und hat seine ganze Familie verloren. Tragisch finde ich.War es richtig, den Vater vor Gericht zu bringen?

Tekkal:
Der Prozess hat auf jeden Fall für Entsetzen in der yezidischen Community gesorgt und sie bis ins Mark erschüttert. Die Staatsanwaltschaft wollte an dem Vater ein Exempel statuieren und das ist auch gelungen. So etwas hat es - meines Wissens - noch nie gegeben. Es ist ein wichtiges Signal. Die Verurteilung spielt da kaum eine Rolle.

Haben Mädchen in einer ähnlichen Situation wie Arzu jetzt noch mehr Angst, sich gegen die Familie zu stellen?

Tekkal:
Viele Mädchen fühlen sich durch den Fall Özmen bestätigt und sagen zu ihren Eltern: 'Wenn ihr so etwas mit mir macht, dann wird das Folgen haben'. Der Fall der Özmens wird aber auch als Familientragödie wahrgenommen. Dennoch hat er eine Veränderung bewirkt. Yeziden beschäftigen sich jetzt mehr mit sich selbst. Die Generationen diskutieren über den Fall und sicher hören einige Eltern auch mehr auf ihre Kinder statt auf das yezidische Umfeld.

Ich kann nur immer wieder sagen, dass es dem Großteil der Yeziden gelingt, sich prima zu integrieren. Mein Vater ist nur ein Beispiel dafür. Früher wurde er geächtet dafür, dass er seine Tochter zur Uni in eine andere Stadt schickte, aber die Zeit hat ihm recht gegeben.

Die Schwester Sirin ist eine Schlüsselfigur in diesem Fall.

Tekkal:
Sirin spielt aus meiner Sicht die interessanteste Rolle. Sie ist zu einem großen Teil Täterin, weil sie während dieses Komplotts eine tragende Rolle gespielt hat, ABER sie ist auch ein Opfer. Bei ihr hatte ich den Eindruck, dass eine Art Überidentifikation mit der Religion und ihrer Rolle als große beschützende Schwester stattgefunden hat. So perfide das auch klingt, aus ihrer Sicht und ihrem yezidischen Selbstverständnis heraus, hat sie gedacht, richtig zu handeln, bis es eskaliert ist. Denn auch familiär hat sie eine große Verantwortung getragen, unabhängig davon, dass sie eine Frau ist.

Ich denke, sie war das Gegenteil von Arzu, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse in den Dienst der Familie gestellt und sich damit "geopfert" hat. Yeziden sind eher kollektivistisch geprägt, es geht immer nur um mich im Verhältnis zu den anderen, der Gemeinschaft, den Familienmitgliedern. Arzu hingegen wollte IHR Leben leben, losgelöst von der Familie. Das wurde ihr zum Verhängnis.

Wenn Sie die inhaftierten Geschwister interviewen dürften, welche drei Fragen würden Sie Ihnen stellen?

Tekkal:
1. Was fühlt Ihr, wenn Ihr an Arzu denkt? Hass? Liebe? Beides? 2. Gibt es Momente, in denen Ihr verdammt als Yeziden auf die Welt gekommen zu sein? 3. Hattet Ihr zwischenzeitlich das Gefühl, den Verstand zu verlieren und das Euer bisheriges Weltbild ins Wanken gerät?

Fotostrecke
Detmold: Prozess um Mord an Arzu Özmen
 
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Der Fall Arzu

In der Nacht zum 1. November wurde die Detmolderin Arzu Özmen aus der Wohnung ihres Freundes in Remmighausen entführt. Die Polizei suchte wochenlang nach der 18-Jährigen - vergeblich wie wir heute wissen. Die fünf Geschwister von Arzu sitzen im Gefängnis. Ihr Prozess hat bundesweit für viel Aufsehen gesorgt.

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