Schrift

27.03.2013
Paderborn
"Peer Gynt" in Paderborn: Beeindruckendes Nachwuchstheater
Abstoßend, aber richtig gut
VANESSA HERRMANN

Wirrwarr aus Schweiß, Sprache, Bild und Ton | FOTO: HARALD MORSCH

Paderborn. "Hier sitze ich" steht auf den Stühlen im Studio der Paderborner Kammerspiele, wo jetzt "Peer Gynt" nach dem dramatischen Gedicht des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen Premiere hatte. Jungregisseur Nils Neumann (23) verschreckte, irritierte, unterhielt und begeisterte das Publikum mit seiner modernen und überaus mutigen Inszenierung.

Aus dem Off erklingen Stimmen, bedrohlich, aggressiv flüstern sie "Du lügst" und werden dabei immer lauter. Der längliche Saal ist komplett ausverkauft, gespannt schauen die Zuschauer auf die spartanisch gestaltete Bühne: Zwei große Tische, links eine große Holztruhe, rechts eine Schauspielergarderobe mit Schminktischen, Spiegeln, Requisiten. Hinten an der Wand eine große Leinwand.

Drei Männer (Simon Keel, Daniel Kozian und David Lukowczyk) erscheinen auf der Bühne. Sie reden miteinander, durcheinander, teilen ihre Sätze auf. Es ist Peer Gynt. Alle drei sind Peer Gynt. Oder sind es Anteile seiner Persönlichkeit?

Wirrwarr aus Schweiß, Bild und Ton


Ehe die Zuschauer sich diese Frage stellen können, sind sie mitten drin, im dramatischen Leben des Peer. Er möchte die Verlobte eines Freundes haben. Er möchte Prinz sein, und er möchte Kaiser werden. Peer ist in einer Höhle gefangen, er wird ausgeraubt, verletzt, er ist wieder gesund, er verliebt sich. Und vor allem sucht er sich selbst.

In einer verworrenen Kollage aus einzelnen Szenen, die teilweise in Ibsens Heldenepos, teilweise in Peers Kopf zu spielen scheinen, zieht Regisseur Neumann alle Register: Halbnackt, nur mit güldener Boxershorts bekleidet, im Fettkostüm, mit Masken und Zigaretten, BH und Cowboyhut verunstaltet und ins Lächerliche gezogen, keuchen, stöhnen, schreien, schlagen, lachen und tanzen die Peers über die Bühne, wechseln die Rollen und die Szenen so schnell, dass es schwer fällt, zu folgen. Mal ist nur einer von ihnen Peer, dann wieder alle drei. Sie sprechen zusammen, nacheinander, miteinander, mit dem Publikum, schreien die Tontechniker an.

Hier kann von Glück sprechen, wer vorher das Programmheft gelesen hat. Als Anker fungiert Dramaturgin Karolin Dieckhoff, die in der Rolle der frommen Solveig das Stück zwischen Horror-Metal-Konzert, Quizshow und Orgie immer wieder auf die eigentliche Geschichte zurückführt.

In einem Wirrwarr aus Schweiß, Sprache, Bild und Ton droht sich das Stück kurzzeitig in einer albernen, unzusammenhängenden Kollage aus Ibsens Sprache und aus dem Mund quellenden Marshmallows zu verlieren.

Ein imposanter Endmonolog als Schlussakkord


Doch Neumann schafft es wie durch Zauberhand, sein Publikum nie zu verlieren, einen Bogen zu schlagen und rundet das Stück mit einem imposanten Endmonolog ab.

Am Ende ist das Publikum fast so erledigt wie die drei Peers – und begeistert von der schauspielerischen Leistung der drei Hauptdarsteller, die, das kann man nicht anders sagen, alle gleich stark waren.

Doch auch die Technik lieferte mit punktgenauen Einspielern von Musik und Video eine bemerkenswerte Leistung. Abschließend lässt sich sagen: "Peer Gynt" ist total bescheuert, albern, abstoßend, ekelhaft, irritierend und schwer zu ertragen. Aber trotzdem richtig gut.

´Weitere Aufführungen des "Peer Gynt" folgen am 27. und 28. März jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es an der Theaterkasse: Dienstags bis samstags 10-13.30 Uhr und dienstags bis freitags 14.30-18 Uhr, Tel. (05251) 2881100.
     



Anzeige
Weitere Nachrichten aus OWL
Bielefeld
Turm der Sparrenburg wieder geöffnet
Der schöne Ausblick über die Stadt ist für die Besucher der Bielefelder Sparrenburg nun wieder möglich: Der Turm ist wieder freigegeben. mehr



OWL / NRW: Meistgeklickt heute vor ...

Anzeige

Anzeige
Anzeige

Anzeige
Fotos aus OWL
Schwerer Verkehrsunfall auf der Oberbauerschafter Straße
Schwerer Verkehrsunfall auf der Oberbauerschafter Straße
Sale - Schnäppchenjagd im Sommerschlussverkauf
Sale - Schnäppchenjagd im Sommerschlussverkauf
Schützenfest in Albaxen
Schützenfest in Albaxen
Fußballmuseum auf 16 Quadratmetern
Fußballmuseum auf 16 Quadratmetern
Bernd Westrup und Gabi Gieseker regieren die St.-Laurentius-Schützen in Westerwiehe
Bernd Westrup und Gabi Gieseker regieren die St.-Laurentius-Schützen in Westerwiehe
Schützenfest Oldinghausen: Krönung des neuen Königspaars
Schützenfest Oldinghausen: Krönung des neuen Königspaars


Anzeige
Anzeige
AvocadoStore.de - Eco fashion & green lifestyle

Videos
Anzeige

Erwins Date

Auf der Suche nach einem Partner?

Finden Sie Ihren Partner in drei Schritten!

Regionale Wirtschaft
Krise macht Wincor zu schaffen
Paderborn (dpa). Internationale Krisen belasten den Paderborner Geldautomaten- und Kassensystemhersteller Wincor Nixdorf. Wegen schwacher Geschäfte... mehr

Die Sache mit dem Internet
Düsseldorf. In Berlin entstehen sie Woche für Woche: Onlineunternehmen. Jetzt setzt sich der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin ... mehr

Rentenkasse versorgt 221.000 Deutsche im Ausland
Düsseldorf. Die gesetzliche Rentenkasse überweist immer mehr Geld ins Ausland. 2013 wurden von 25,2 Millionen monatlichen Renten 1... mehr

Essen/Bielefeld: Karstadt vertagt Aufsichtsratssitzung
Essen/Bielefeld (dpa/fr). Das Bangen der Karstadt-Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze dauert weiter an: Ob und welche Standorte geschlossen werden... mehr

Versmold: Ponnath an Nölke interessiert
Versmold (maut). Der Versmolder Fleischwarenhersteller Nölke bleibt offenbar ein Übernahmekandidat. Nach Informationen dieser Zeitung interessiert... mehr


Kultur
Bielefeld: Kultserien - Faszination der Kindheit
Bielefeld. Sie wirken etwas aus der Zeit gefallen, und doch lassen sie unsere Augen strahlen: Kultserien wie "Bonanza... mehr

New York: Noch immer Spuren von Harry und Sally in New York
New York. Folgt man Mickey, der an diesem Abend mit robustem Ellenbogeneinsatz die Resopaltische im "Katz’s" abwischt... mehr

Bielefeld: Peter Schützes Roman erzählt von der Entstehung Westfalens
Bielefeld. "Lutrudis reitet.". So beginnt das erste Kapitel. Wer ist Lutrudis? Die genauen Daten ihrer Geburt und ihres Todes sind nicht bekannt. Ihr... mehr

Kino-Trailer von "Fifty Shades of Grey" veröffentlicht
Bielefeld (clu). Im Juli 2012 begann der Hype in Deutschland - der Goldmann Verlag veröffentlichte das erste Buch der "Shades of Grey"-Trilogie von E.... mehr

Bielefeld: Fall Achenbach: Tipp von Kellein
Bielefeld. Thomas Kellein, der von 1996 bis 2010 die Bielefelder Kunsthalle leitete, hat im Fall des derzeit in U-Haft sitzenden Kunsthändlers Helge... mehr


Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik