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28.03.2013
Minden
Sechs Monate zur Bewährung für Haupttäter nach Überfall auf Hamburger Hof in Minden
Geldstrafen für Komplizen
VON JÜRGEN LANGENKÄMPER

Urteile verkünden | FOTO: LANGENKÄMPER

Minden/Bielefeld. Es war aus Sicht der Richter "nicht ein Sturm wie in der Weimarer Republik", der in der Nacht zum 28. November 2010 durch Minden wehte, sondern "ein laues, alkoholgetränktes Lüftchen". Einen der Angeklagten hätte der Überfall auf den Hamburger Hof dabei am Mittwoch fast ins Gefängnis gebracht.

Und seine Komplizen kostet das, was einer der Strafverteidiger in seinem Plädoyer als jugendtypische Zeltfestschlägerei herunterzuspielen versuchte, ein anderer aber zum Teil eines "unerklärten Bürgerkriegs" hochstilisieren wollte, eine Stange Geld - die Kosten für den Prozess mit vier Verhandlungstagen - einer weniger als geplant - plus Verteidigung noch nicht eingerechnet.


Sechs Monate, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, und 2000 Euro Geldstrafe - Staatsanwältin Lehrig hatte zehn Monate auf zwei Jahre zur Bewährung und 1600 Euro gefordert - erhielt der 31-jährige Hauptangeklagte André C. für Körperverletzung, gemeinschaftliche Sachbeschädigung und die Verwendung von Symbolen verfassungswidriger Organisationen (Paragraf 86a StGB). Die 4. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Meiring sah es trotz Erinnerungslücken der Angeklagten aufgrund von Zeugenaussagen als erwiesen an, dass C. "Heil Hitler" gerufen und dabei den rechten Arm ausgestreckt hatte, nachdem er in dem Lokal zuvor einen dunkelhäutigen Gast mit einem Ellenbogencheck niedergestreckt und einen Barhocker - offenbar mit Absicht neben das Opfer - geworfen hatte.

Trotz erheblichen Alkoholkonsums war der Hauptbeschuldigte nicht schuldunfähig. Ein Gutachter hatte gestern Zweifel an Angaben des Mindeners zu den von ihm vor der Tat konsumierten Mengen - zwei Kästen Bier und 0,3 Liter Schnaps - begründet.

90 Tagessätze à 25 Euro - gefordert waren seitens der Staatsanwaltschaft 120 zu 35 Euro - muss Christian X. aus Lübbecke zahlen, weil er sich als zweiter Haupttäter hervortat. Der 24-Jährige hatte einen Barhocker über den Tresen geworfen und dadurch erheblichen Sachschaden angerichtet.

Nicht differenzieren wollte das Gericht nach eigenen Angaben zwischen den einzelnen Tatbeiträgen von vier weiteren Angeklagten. Sie wurden alle zu 80 Tagessätzen in unterschiedlicher Höhe verurteilt.

Den geringsten über zehn Euro erhielt ein 37-jähriger Petershagener, der wegen seiner schweren Herzerkrankung bei dem Überfall gar nicht vom Auto zum Hamburger Hof gehen konnte. Aufgrund seiner Rolle und den Anweisungen, die er anderen gab, rechnete das Gericht Marco "Hans" G. die gemeinschaftliche Sachbeschädigung ebenfalls zu. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung waren zudem eine Hakenkreuzfahne und Gegenstände mit den Aufschriften Waffen-SS, Stahlhelm und Adolf Hitler gefunden worden.

Die höchste Geldstrafe kommt - dank seines höheren Einkommens - auf Markus P. aus Vlotho zu: 3200 Euro. Jeweils 1600 Euro müssen Sascha E. und Patric A. zahlen, die sich am geringsten an dem Überfallgeschehen beteiligt hatten und denen offenbar die meisten Zweifel gekommen waren. A., der erst kurz vor dem Tattag 21 Jahre alt geworden war, hatte als Einziger den Schneid besessen, sich hinterher persönlich bei dem geschädigten Wirt zu entschuldigen. Er nahm auch als Erster noch im Verhandlungssaal das Urteil an. Dem folgten die beiden Hauptangeklagten C. und X., während alle anderen über ihre Anwälte lediglich einen Verzicht auf Rechtsmittelbelehrung erklären ließen.

Mit je 600 Euro kamen die beiden jüngsten, damals 20-jährigen Angeklagten davon. Gegen den am weitesten geständigen Alexander I. aus Lübbecke hatte die Kammer das Verfahren am Mittag abgetrennt und dann gegen die Geldauflage eingestellt. Die Strafe für den gleichaltrigen Jannik S. aus Hille fiel am Nachmittag in gleicher Höhe aus.

In dem "Motivbündel", das zu dem als "Denkzettel" gedachten Überfall - angeblich nach Steinwürfen vermeintlich "Linker" - geführt hatte, erkannte das Gericht auch die "politische Komponente" der "rechten" Angeklagten. Deutlich schrieb Richter Meiring ihnen ins Stammbuch, dass "politisch motivierte Selbstjustiz" nicht geduldet werden kann.



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