Büren/Lemgo. Sven hält nach einem kräftigen Ruck die Tischdecke in den Händen. Kurz zuvor hatte diese noch die Tischoberfläche von Omas gutem Porzellanservice getrennt. Alle Teller stehen noch, Kaffeekanne und Tassen sind unversehrt. Bis hierhin hat der Trick super geklappt. Alles wäre gut, wenn sein Freund Michel nicht den Bruchteil einer Sekunde später mit dem Rücken gegen die Schrankwand gestoßen wäre. Das Möbelstück der Kategorie Eiche rustikal wackelt, kippt nach vorne und begräbt Michel und das Kaffeeservice unter sich.
Das vermeintliche Missgeschick ist seit einigen Wochen der Renner beim Online-Videoportal Youtube. Hauptdarsteller sind Sven (13) und Michel (12) aus Büren und beide erfreuen sich, soviel sei hier gesagt, bester Gesundheit. "Alles wieder gut. Mein Cousin Michel hat es bestens überstanden", beruhigt Sven. Schließlich zeigt das Video nicht nur einen Trick, sondern ist selbst einer. In Wirklichkeit lag Michel nie unter dem Schrank. Dank einer raffinierten Schnitttechnik hatte es nur den Anschein erweckt. Gedreht haben es Svens Bruder Dominik Junker, Medienproduktionsstudent an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, und dessen Kommilitone Max Malinowsky aus Verl.
Bei Youtube ist das Video mit über 6,2 Millionen Klicks äußerst erfolgreich und belegt Platz 25 der in Deutschland meistgesehenen Youtube-Comedy-Videos aller Zeiten. "Das Video ist seit dem 8. August online. Die Klickzahlen sind aber erst Anfang September förmlich explodiert", sagt Adriana Francke, Online-Redakteurin der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Verantwortlich für das plötzliche Interesse ist wohl der Komiker Ray William Johnson. Dem Amerikaner war das Video aufgefallen und er präsentierte es den knapp fünf Millionen Abonnenten seines Youtube-Kanals.Und die Videos dürfen nicht zu lang sein, damit sie sich die Leute auch mal eben während der Arbeitszeit anschauen können. Eine Mischung aus schockierend und lustig. Der Film ist Teil einer kompletten Kampagne inklusive einer fiktiven Nachrichtensendung, gedreht in den RTL-Studios in Köln. Unter dem Motto "Stoppt die Show" setzt sich die fiktive Mutter des verunglückten Jungen dafür ein, sämtliche Varietédarbietungen zu verbieten, da diese Kinder dazu animieren könnten, Blödsinn zu machen. Ein Besuch im GOP habe mitunter schwerwiegende Folgen.
Gedreht wurde das Video in Büren-Steinhausen. "Neben dem Haus meiner Großeltern stand seit Jahren ein verlassenes Gebäude", sagt Junker. Das Videoteam besorgte sich Strom aus dem Nachbarhaus, rückte die letzten verbliebenen Möbel zusammen und hatte ohne große Mühe eine Filmkulisse im Charme der Wirtschaftswunderzeit geschaffen, da Möbeln und Wände den innenarchitektonischen Wandel der Zeit einfach ignoriert haben. Fans des Videos, die sich möglicherweise das Häuschen auch mal von außen anschauen wollen, kommen zu spät. "Anfang der Woche wurde das Haus abgerissen", sagt Junker.

"Der Junge soll nicht zu sehr abheben. Es ist super, was er gemacht hat, aber er darf sich jetzt nicht für den großen Schauspieler halten", versucht Mutter Dorothea mögliche Starallüren direkt im Keim zu ersticken. "Wir müssen darauf achten, dass er sich weiterhin aufs Wesentliche konzentriert", ergänzt sie. Währenddessen genießt der 13-Jährige seine Popularität. "In der Schule sprechen uns alle drauf an. Da ist das natürlich das Gesprächsthema", sagt Sven. Anfangs hätten jedoch nicht alle verstanden, dass es nur ein Scherz sei. "Einige haben sich echt Sorgen um Michel gemacht und waren dann froh, als er quicklebendig vor ihnen stand." Er selbst habe jetzt so richtig Lust bekommen, seine Schauspielkarriere fortzusetzen.
Das Video der beiden Studenten gehört zu der Rubrik "Virales Marketing". Dies ist eine Marketingform, die Medien nutzt, um mit einer meist ungewöhnlichen oder hintergründigen Nachricht auf ein Produkt oder eine Kampagne aufmerksam zu machen. Das Wort "viral" besagt, dass Informationen innerhalb kürzester Zeit, ähnlich einem biologischen Virus, von Mensch zu Mensch weitergetragen werden.
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