Herford. Schon seit längerem war klar, dass der öffentliche Personennahverkehr nicht kostendeckend ist. Erste Schätzungen aus Fachkreisen liegen bei einem jährlichen Zuschussbedarf von bis zu 1,5 Millionen Euro.
Erst im Juni hatte die BVO (Busverkehr Ostwestfalen) die Aufgaben der Verkehrsbetriebe Minden-Ravensberg (VMR) übernommen - und bereits jetzt müssen sich die Kommunen darauf einstellen, dass sie für diese sieben Monate 800.000 Euro aus ihren Haushalten werden abzweigen müssen.
"Wir können davon ausgehen, dass die Einnahmesituation beim BVO in Zukunft nicht besser wird", sagt Achim Overath, Geschäftsführer der Minden Herforder Verkehrsgesellschaft (MHV) mit Sitz in Bad Oeynhausen. Es bestehe aber kein Grund zur Sorge, dass der Busverkehr zum Erliegen komme. Wie aus Seiten der Gewerkschaft vermutet wird, waren die Einnahmezahlen der VMR seinerzeit deutlich zu optimistisch angesetzt. So lag die Prognose für 2011 bei 11,9 Millionen Euro -realistisch liegt sie aber eher bei maximal 10,5 Millionen. Ein Loch von 1,4 Millionen Euro klafft also in der Rechnung.
"Eigentlich war ein größerer Zuschussbedarf erst ab 2013 zu erwarten, doch jetzt stellt sich die Situation anders dar", sagte Overath auf Nachfrage der NW. Und er ergänzt: "Es handelt sich um einen so genannten Bruttovertrag mit der BVO. Auftraggeber sind die Kreise Herford und Minden-Lübbecke, und die tragen auch das Risiko." Dafür könnten sie Linienführung, Qualität, Anzahl der Fahrzeuge und die Taktzahl bestimmen.
Weitere Faktoren für negative Bilanz
Overath hat auch Grund zu der Annahme, dass es weitere Faktoren gibt, die sich negativ auf die Bilanz im Öffentlichen Nahverkehr auswirken: "Die Streiks zum Erhalt der VMR und die anschließende Baustellensituation in der Herforder Innenstadt haben die BVO in Herford bis zu einem Drittel - also rund 600.000 - ihrer Fahrgäste und Einnahmen gekostet." Overath geht von rund vier Millionen Fahrgästen aus, davon jeweils die Hälfte im Schülerverkehr und im Jedermannverkehr. In Minden kam die Verlegung des Busbahnhofs an den Innenstadtrand hinzu.
BVO-Sprecherin Sigrun Richter argumentiert ähnlich: "Möglicherweise haben sich infolge der lang andauernden VMR-Insolvenz und der damit einhergehenden Verunsicherung bei den Fahrgästen viele Stammkunden nach einer Alternative umgesehen." Über die negative Entwicklung habe die MHV die Kreisverwaltungen frühzeitig unterrichtet. Belastbare Zahlen gebe es jedoch erst seit Mitte Dezember. "Wir rechnen quartalsweise mit dem Busunternehmen ab, konnten also erst jetzt exaktere Daten vorlegen", sagt Overath.
Die Busunternehmen leben von den so genannten Normaleinnahmen, vom Schülerverkehr und auch von öffentlichen Zuschüssen bei der Schülerbeförderung und dem Schwerbehindertenausgleich. Beim Schülerverkehr droht indes weiteres Ungemach: Bereits 2013 wird wegen der Umstellung auf G8 ein kompletter Schülerjahrgang entfallen - plus dem Verlust weiterer fünf bis zehn Prozent der Fahrgäste.
KOMMENTAR
Kostensteigerung bei BVO
Nicht kaputtsparen
THOMAS HAGEN
Es besteht wenig Anlass zur Sorge. Die roten BVO-Busse werden weiterhin fahren. Allerdings werden die Städte und Gemeinden – mithin also der Steuerzahler – die Suppe auslöffeln müssen, die die insolventenVerkehrsbetriebe Minden Ravensberg uns mit einer allzu optimistischen Einnahmeschätzung eingebrockt haben. Eine ähnliche Situation gab es bereits 2001: Hier klaffte eine Finanzlücke von 5,5 Millionen Euro beim Busverkehr. Als Reaktion wurde beim VMR bei Werkstatt, Verwaltung, Fahrzeugen und Fahrern gespart. Dieses Potenzial ist nun ausgeschöpft. Jetzt gilt es kreative Lösungen zu finden. Zum Beispiel mit einer Schulzeit-Staffelung, die diese Transporte wirtschaftlicher macht. Fatal wäre eine Streichung von Fahrten, Tariferhöhungen und damit Schaffung unattraktiver Bedingungen. Dieser Schuss ginge nach hinten los – weitere Fahrgäste würden bei der BVO aussteigen.
thomas.hagen@ihr-kommentar.de