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10.01.2012
HERFORD
Kostenexplosion beim Linien-Busverkehr
Zuschüsse für BVO werden jährlich 1,5 Millionen Euro erreichen
VON THOMAS HAGEN

Nur eine Verschnaufpause | FOTO: HAGEN

Herford. Schon seit längerem war klar, dass der öffentliche Personennahverkehr nicht kostendeckend ist. Erste Schätzungen aus Fachkreisen liegen bei einem jährlichen Zuschussbedarf von bis zu 1,5 Millionen Euro.

Erst im Juni hatte die BVO (Busverkehr Ostwestfalen) die Aufgaben der Verkehrsbetriebe Minden-Ravensberg (VMR) übernommen - und bereits jetzt müssen sich die Kommunen darauf einstellen, dass sie für diese sieben Monate 800.000 Euro aus ihren Haushalten werden abzweigen müssen.

"Wir können davon ausgehen, dass die Einnahmesituation beim BVO in Zukunft nicht besser wird", sagt Achim Overath, Geschäftsführer der Minden Herforder Verkehrsgesellschaft (MHV) mit Sitz in Bad Oeynhausen. Es bestehe aber kein Grund zur Sorge, dass der Busverkehr zum Erliegen komme. Wie aus Seiten der Gewerkschaft vermutet wird, waren die Einnahmezahlen der VMR seinerzeit deutlich zu optimistisch angesetzt. So lag die Prognose für 2011 bei 11,9 Millionen Euro -realistisch liegt sie aber eher bei maximal 10,5 Millionen. Ein Loch von 1,4 Millionen Euro klafft also in der Rechnung.

"Eigentlich war ein größerer Zuschussbedarf erst ab 2013 zu erwarten, doch jetzt stellt sich die Situation anders dar", sagte Overath auf Nachfrage der NW. Und er ergänzt: "Es handelt sich um einen so genannten Bruttovertrag mit der BVO. Auftraggeber sind die Kreise Herford und Minden-Lübbecke, und die tragen auch das Risiko." Dafür könnten sie Linienführung, Qualität, Anzahl der Fahrzeuge und die Taktzahl bestimmen.

Weitere Faktoren für negative Bilanz

Overath hat auch Grund zu der Annahme, dass es weitere Faktoren gibt, die sich negativ auf die Bilanz im Öffentlichen Nahverkehr auswirken: "Die Streiks zum Erhalt der VMR und die anschließende Baustellensituation in der Herforder Innenstadt haben die BVO in Herford bis zu einem Drittel - also rund 600.000 - ihrer Fahrgäste und Einnahmen gekostet." Overath geht von rund vier Millionen Fahrgästen aus, davon jeweils die Hälfte im Schülerverkehr und im Jedermannverkehr. In Minden kam die Verlegung des Busbahnhofs an den Innenstadtrand hinzu.

BVO-Sprecherin Sigrun Richter argumentiert ähnlich: "Möglicherweise haben sich infolge der lang andauernden VMR-Insolvenz und der damit einhergehenden Verunsicherung bei den Fahrgästen viele Stammkunden nach einer Alternative umgesehen." Über die negative Entwicklung habe die MHV die Kreisverwaltungen frühzeitig unterrichtet. Belastbare Zahlen gebe es jedoch erst seit Mitte Dezember. "Wir rechnen quartalsweise mit dem Busunternehmen ab, konnten also erst jetzt exaktere Daten vorlegen", sagt Overath.

Die Busunternehmen leben von den so genannten Normaleinnahmen, vom Schülerverkehr und auch von öffentlichen Zuschüssen bei der Schülerbeförderung und dem Schwerbehindertenausgleich. Beim Schülerverkehr droht indes weiteres Ungemach: Bereits 2013 wird wegen der Umstellung auf G8 ein kompletter Schülerjahrgang entfallen - plus dem Verlust weiterer fünf bis zehn Prozent der Fahrgäste.

KOMMENTAR

Kostensteigerung bei BVO

Nicht kaputtsparen

THOMAS HAGEN

Es besteht wenig Anlass zur Sorge. Die roten BVO-Busse werden weiterhin fahren. Allerdings werden die Städte und Gemeinden – mithin also der Steuerzahler – die Suppe auslöffeln müssen, die die insolventenVerkehrsbetriebe Minden Ravensberg uns mit einer allzu optimistischen Einnahmeschätzung eingebrockt haben. Eine ähnliche Situation gab es bereits 2001: Hier klaffte eine Finanzlücke von 5,5 Millionen Euro beim Busverkehr. Als Reaktion wurde beim VMR bei Werkstatt, Verwaltung, Fahrzeugen und Fahrern gespart. Dieses Potenzial ist nun ausgeschöpft. Jetzt gilt es kreative Lösungen zu finden. Zum Beispiel mit einer Schulzeit-Staffelung, die diese Transporte wirtschaftlicher macht. Fatal wäre eine Streichung von Fahrten, Tariferhöhungen und damit Schaffung unattraktiver Bedingungen. Dieser Schuss ginge nach hinten los – weitere Fahrgäste würden bei der BVO aussteigen.

thomas.hagen@ihr-kommentar.de


Kommentare
Anschlüsse am Alten Markt werden nicht erreicht. -- Was ist das für ein völlig absurdes Bussystem! Der einzige Sinn dieser Warterei am Alten Markt sind "direkte Anschlüsse in alle Richtungen". Wenn schon Bahnanschlüsse für MHV, Stadt und ehem. VMR uninteressant sind, dann sollten wenigstens die Stadtbusanschlüsse absolut garantiert sein. Davon ist Herford aber sehr sehr weit entfernt. Die BVO trägt hier wenig Verantwortung, sie ist in den bestehenden Nahverkehrsplan eingetreten - den die MHV, Herr Overath, verantwortet und der dieses absurde Stadtnetz übernommen und fortgeschrieben hat. Motto: Der Stadtbus erschließt das Stadtgebiet, nicht das Umland, Bahnanschlüsse interessieren also nicht. "Direkte Anschlüsse", die verpasst werden, sind jedenfalls gegenüber sicheren Anschlusszeiten von ca. 15-20 Minuten (wie sie bei zeitlich versetzten Fahrplänen entstehen), die erheblich schlechtere Lösung. Das Stadtbussystem Herford ist reine Augenwischerei - "Direkte Anschlüsse"! Wenn Busse zeitversetzt fahren, braucht man auch nicht zwanzig Bushaltestellen am Alten Markt, die langen Wege u.a. zu den Linien 425/466 entfallen damit.

Ich gebe Christiane vollkommen recht. Ich bin auf den Bus angewiesen (gewesen) und habe sehr häufig Anschlüsse am Alten Markt nicht bekommen. Besonders schlimm war es am Wochenende. Das Personal war häufig unfreundlich und schlecht informiert. Zu Anfang wurden Fahrgäste mit schlechten Informationen an den Haltestellen stehen gelassen und wenn ich doch weiß, dass ich mein Ziel nicht erreiche, da mein Bus verspätet ist, dann suche ich mir gleich einen anderen Weg zur Arbeit.
Ich will nicht sagen, dass die VMR-Streiks nicht auch (!) ein Grund sind für sinkende Fahrgastzahlen in Herford. Aber das, was in BVO-Zeiten weiterging hat mindestens eine gleich große Schuld.
Nahm man Kontakt mit der BVO auf, kam man gleich in Münster raus und dort hatten die Mitarbeiter nun mal noch gar keine Ahnung von Herford.
Die Misere war also durchaus zu erwarten...

@Homer J. Simpson: Ihre Überlegungen zu kürzeren Taktzeiten gehen von der heutigen Nachfrage aus - die als Grundlage ein völlig unattraktives Angebot hat. Welche andere Mittelstadt in Deutschland weist eine vergleichbar niedrige ÖPNV- Nutzung auf? Natürlich Minden - die dortige Nutzung ist sogar skandalös, zumindest im Punkt Umsteigerzahlen Bahn/Bus, vermutlich aber generell. Ich habe es satt, ständig lange auf Busse zu warten, die dann konzentriert bis zu fünf hintereinander ankommen. Eine schlimmere Geldverschwendung wie der Parallelverkehr Herringhausen-Mindener Straße (465/S1/S6) ist kaum vorstellbar. Herrn Overath (MHV) würde ich dringend empfehlen, einmal Wikipedia zu lesen und andere Ansichten anzunehmen - oder seinen Hut zu nehmen.

Ich frage mich, wie die dumm muss mann sein, um einen gemeinwirtschaftl. Vertrag mit der BV0 abzuschließen. Damit besteht doch für den Busbetreiber gar kein Anlass die Fahrgastzahlen zu erhöhen (ist ja sehr deutl. geworden)!! Wem wollten die Kommunen denn gefällig sein???

ÖPNV ist bis auf wenige Ausnahmen immer ein Verlustgeschäft. Ökonomisch gesehen. Denn ÖPNV hat meiner Meinung auch eine zentrale gesellschaftliche Funktion als allgemeines Gut dafür zu sorgen, dass auch sozial schwache Menschen am öffentlichen Leben partizipieren können.
Und genau das muss sich jeder fragen: Möchte ich das mit meinen Steuern finanzieren? Beide Antworten auf diese Frage haben ihre Vor- und Nachteile. Aber das ist eine andere Diskussion.
Herfords altes Netz, ich spreche von dem Netz von vor etwa 15 Jahren, basierte auf in der Innenstadt redundanten Mehrfachbedienungen durch unterschiedliche Linien in Verbindung mit einem halbstündigen Takt.
Als Beispiel ist hier die Haltestelle Lübber Tor/ Mindener Straße zu nennen. Dieses Konzept war zwar bequem für den Kunden, wenn mal eine Linie Verspätung hatte, war aber ineffizient und teuer. Aber damals war die Rente auch noch sicher und Diesel kostete 1,10 Mark.
Was in Herford auch suboptimal ist, ist die Zersiedlung. Seien wir doch mal ehrlich. Ein 10-Minuten-Takt nach Elverdissen lohnt sich eben nicht. Wenn der Schulbusverkehr nicht wäre, bräuchte man in Herford nicht mal Gelenkbusse, nicht mal zu den Stoßzeiten.
Die einzige Gegend in der sich ein 20-Minuten-Takt lohnen würde, wäre die Mindener Straße rauf und Richtung Westring. Alle anderen Wohngebiete sind entweder in 30er-Zonen verkapselt, oder geprägt von Personen, die per Auto pendeln. Nicht umsonst hat Herford die höchste Verkehrsdichte gemessen an der Bevölkerungszahl. Für den Rest würde auch der 30-Min-Takt reichen, der dann aber auch die Trabanten wie Ahmsen und Eickum einbezieht. Hier könnten aber auch Kleinbusse eingesetzt werden.
Überall wird für jeden Scheiß ein Gutachten erstellt und teure Experten streichen Provisionen für Exceltabellen ein, die am Ende daneben liegen.
Wenn es der Stadt wirklich darum gehen würde etwas für die Bürger zu tun, dann würde man mal die wirklichen Bedürfnisse abfragen und darauf reagieren.



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