Herford. "Uschi" sitzt seit einem Jahr im Knast. Und das, obwohl die Chamäleon-Dame nur hin und wieder einer Fliege etwas zu Leide tut. Ansonsten ist sie unschuldig und nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Bei ihrem Betreuer Sven (Name geändert) sieht das anders aus. Der JVA-Insasse soll mit Hilfe des Tieres lernen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.
Das scheint gut zu funktionieren: "Das letzte, was ich abends mache, ist nach dem Tier zu schauen", versichert Sven pflichtbewusst. "Sie lässt auch nur Sven an sich heran, sonst niemanden", sagt Freizeitkoordinator Manfred Korte. Zum Beweis stößt Uschi gleich mal ihr beeindruckendes Fauchen aus, als sich der JVA-Mitarbeiter ihrem Terrarium zu sehr nähert.
Auf Umwegen ist das Reptil in die Justizvollzuganstalt gelangt, in der ansonsten nur junge Männer untergebracht sind. Ihr ehemaliger Besitzer, ein Bekannter eines JVA-Mitarbeiters, musste sich wegen einer längeren Auslandsreise von dem Tier trennen.
Im Terrarium, auf der Sozialtherapeutischen Abteilung, genießt die Dame gewisse Sonderrechte: Zwar sind Heimchen ihre Hauptnahrung, doch hin und wieder gönnt Sven ihr auch eine schwarze Mittelmeergrille – eine echte Delikatesse für die Exotin.
Ihr 23-jähriger Pfleger verbüßt seit drei Jahren eine Haftstrafe. Weitere dreieinhalb Jahre hinter verschlossenen Türen liegen vor ihm. Der Haftgrund – zumindest keine Kleinigkeit. Uschi habe er "als Ruhepol und Beschäftigungsmöglichkeit" erhalten. Das sagt Sven mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass es selbstironisch klingt.
Freizeitgestalter Manfred Korte hat ihm das Tier anvertraut, weil er weiß, dass Sven Einiges an Erfahrung im Umgang mit exotischen Tieren hat. "Draußen" hielt Sven Schlangen und Spinnen, auch eine Bartagame besaß er schon. Draußen – das ist für Sven das Zuhause seines Vaters. Während der Haftzeit seines Sohnes kümmert sich der Vater um die Tiere.
Manfred Korte hat Sven die Fachliteratur zur artgerechten Haltung von Chamäleons besorgt. Weil Tiere dieser Spezies normalerweise nicht aus stehenden Gewässern trinken, muss der Häftling seiner kleinen Genossin hinter Gittern mindestens dreimal am Tag mit der Sprühflasche zu einer Dusche im Terrarium verhelfen. "Wenn sie noch ganz lütt sind", sagt Sven, "kann man ihnen antrainieren, aus dem Napf zu trinken." So habe er das in seiner Fachliteratur gelesen.
Das Wissen hat es ihm ermöglicht, eine enge Beziehung zu dem Reptil aufzubauen: "Ich unterhalte mich auch mit ihr, das geschah eines Tages ganz automatisch". Und auch Uschi kann Sven ihre Gefühle zeigen: Fühlt sie sich wohl, färbt sich ihr Schuppenkleid mintgrün. Unruhe und Hektik sind gar nichts für das Chamäleon. Stress drückt Uschi durch weiße Flecken auf ihrer grünen Haut aus.
Für den Fall, dass es mal heiß her geht auf der Sozialtherapeutischen Abteilung, hat Sven einen Vorhang vor ihrem Terrarium angebracht. Er soll das empfindliche Tier im Notfall vor allzu großer Erregung schützen.
Katzen leben freiwillig hinter Schloss und Riegel
Katzen im Schnee | FOTO: FRANZISKA WERNER
Wer in Deutschland eine Haftstrafe antritt, muss im Gefängnis nicht zwangsläufig auf sein Haustier verzichten. "Kleintierhaltung ist erlaubt", sagt Manfred Korte. Das allerdings gelte nur für Häftlinge, deren Haftstrafe länger als fünf Jahre beträgt. Doch zahlreiche Tiere leben außerhalb der Zellen. So gibt es auf dem JVA-Gelände zwei zahme Katzen. "Unsere Mitarbeiter füttern sie und sorgen dafür, dass sie regelmäßig geimpft werden", so Korte. Das Leben im Knast scheint den Tieren zu gefallen: Obwohl sie die Möglichkeit, hätten, durch die Kraftfahrzeug-Schleuse nach draußen zu laufen, haben sie darauf bisher verzichtet. (fw)