Bünde. Jubelschreie, Hupkonzerte, Fahnenschwenken, aus dem Fenster lehnen: Die Königsdisziplin des kollektiven EM-Freudentaumels ist ohne Frage der Autokorso. Aber auch wenn die Polizei oft ein Auge zudrückt, legal sind diese lärmenden Blechlawinen nicht. Das haben jetzt auch vier Bünder zu spüren bekommen, die mit Bußgeldern sowie Punkten bedacht wurden – und sich ungerecht behandelt fühlen.
Ertönt der Schlusspfiff und Deutschland hat gewonnen, gibt es kaum ein Halten mehr. Menschen fallen sich in die Arme, Tränen des Glücks rollen, Zündschlüssel drehen sich – der Autokorso beginnt. Bevorzugt auf der Wasserbreite und im Kreuzungsbereich Nordring/Bismarckstraße sorgen Fans und Mitläufer für reichlich Radau.
Das weiß natürlich auch die Polizei und bereitet sich dementsprechend vor. "Wir sind so aufgestellt, dass wir Störungen entgegenwirken können", sagt Polizeisprecher Joachim Thater-Klas. In Bünde wird sowohl das Public Viewing polizeilich betreut, als auch ein eventueller Autokorso. "Kollegen werden das Geschehen fußläufig begleiten und absichern." Bisher seien die Public Viewings und Autokorsos in Bünde friedlich verlaufen und "wir sind zuversichtlich, dass das auch so bleibt."
Fragt man Sven Vieler, ist der vergangene Autokorso am Freitag für ihn alles andere als friedlich verlaufen. Der 27-jährige Bünder wirft einem Polizisten Amtswilkür vor. Der Beamte habe ihn, den Fahrer und zwei Begleiterinnen "mit rabiatem Klopfen an das Fenster aus dem Verkehr gezogen", schildert Vieler. "Es herrschte Ausnahmezustand, da waren 200 Autos, alle haben gefeiert und wir wurden so behandelt; das verstehe ich nicht."
Keiner war angeschnallt
Es wurden Bußgelder und Punkte verhängt, so Vieler, unter anderem weil niemand angeschnallt war. Er ist fest entschlossen, rechtliche Schritte einzuleiten. Thater-Klas war der Fall gestern nicht bekannt, betont aber, dass jede Beschwerde bearbeitet werde. "Wir haben für alles, was wir tun eine rechtliche Begründung. Wir müssen nur die Chance bekommen, das zu überprüfen und können dann Stellung nehmen."
Die Beamten befinden sich oftmals zwischen den sprichwörtlichen zwei Stühlen. Zum einen müssen sie die Sicherheit gewährleisten und für Recht und Ordnung sorgen, auf der anderen Seite will die Polizei "die Fußballfreude nicht unnötig trüben", so Thater-Klas. Das ist ein oftmals schwieriger Balanceakt. Zumal Autokorsos generell nicht erlaubt sind. "Da spricht die Straßenverkehrsordnung eine klare Sprache", so Thater-Klas.
Gleichzeitig wissen die Beamten, dass sich diese Jubelorgien in der Praxis nicht verhindern lassen. "Wir werden mit einem erhöhten Maß an Toleranz vorgehen." Die Polizei setzt aber klare Grenzen: "Bei Sachbeschädigung, Körperverletzung und schwerwiegenden Ordnungswidrigkeiten hört die Toleranz auf – da werden wir konsequent sein", sagt Thater-Klas. Und die Gewährleistung der Sicherheit stehe ohne Wenn und Aber an erster Stelle. Die Beamten greifen also bei Rennen oder Autoschaukeln sofort ein, ebenso, wenn sich Beifahrer zu gewagt aus dem Fenster strecken. "In manchen Fällen muss mit Fingerspitzengefühl vor Ort entschieden werden", sagt der Polizeisprecher.
In Hinblick auf die Anschnallpflicht könnten Vieler und seine Begleiter möglicherweise Recht bekommen, wenn der Wagen nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit fuhr. "Bei dieser Geschwindigkeit besteht laut Straßenverkehrsordnung nämlich keine Gurtanlegepflicht", sagt Ralf Collatz, ADAC-Sprecher für OWL. Zur eigenen Sicherheit empfiehlt er aber, auch bei Schrittgeschwindigkeit im Autokorso angeschnallt zu sein.
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Verkehrsregeln gelten auch beim Jubel
Der ADAC weist darauf hin, dass auch im Autokorso bei Schrittgeschwindigkeit unbedingt die Verkehrsregeln eingehalten werden müssen.
Rote Ampeln überfahren oder Alkohol am Steuer sind auch in Feierlaune tabu.
Wer sich aus Fenstern oder Schiebedach lehnt, um große Fahnen besser schwingen zu können oder sich gar auf die Motorhaube setzt, gefährdet im Falle eines Unfalls auch seine Versicherungsansprüche, da ein Mitverschulden an den eigenen Verletzungen angenommen werden kann, was die Leistung der Versicherung mindern würde.
Eine Zeitung, die so einen Unsinn als "Königsdisziplin des kollektiven EM-Freudentaumels" beschreibt, handelt unverantwortlich.