Mit einem Sensationsfund verabschieden sich die Archäologen des Landschaftsverbands von der Werburg
Spenge. Das kleine Fundstück in Dr. Werner Bests Hand ist gerade erst aus der Restaurierung gekommen. Mit dem erdverkrusteten Klumpen, den der Archäologe vor drei Jahren im Werburger Herrenhaus entdeckte, hat es allerdings keinerlei Ähnlichkeit mehr. Denn heute ist es eine kleine archäologische Sensation.
"Wehmut"
Erstmals haben die Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe 1995 an der Werburg gegraben. Vor einigen Wochen haben sie die Arbeiten an dem Gebäude-Ensemble endgültig beendet. "Da schwingt auch bei uns ein bisschen Wehmut mit", sagt Bürgermeister Bernd Dumcke. Denn in den vergangenen 17 Jahren hätten die Archäologen immer wieder sensationelle Funde zutage gefördert. "Das hat zur Bekanntheit der Werburg beigetragen", betont der Bürgermeister. Heute sei das historische Gebäude-Ensemble ein "Identifikationspunkt" für die Spenger Bürger. (mac)
Das aus einer Blei-Zinn-Legierung bestehende hauchdünne Fragment ist ein Jahrhunderte altes Pilgerzeichen. "Es wurde ab 1460 in Blomberg im Kreis Lippe ausgegeben", berichtet Best. Damals - als die Stadt noch ein Wallfahrtsort gewesen sei - seien diese Zeichen wohl zu tausenden an die Pilger verkauft worden. Heute sei es eine "echte Rarität": In ganz Deutschland sei nur noch dieses eine Abzeichen erhalten, betont der Grabungsleiter. Dass es ausgerechnet im Werburger Herrenhaus gefunden wurde, ist für Werner Best "ein Hammer".
Auch wenn das Zeichen nur als Fragment erhalten ist, haben die Archäologen eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie es einst ausgesehen hat. Denn zwei weitere, nahezu identische Pilgerplaketten aus Blomberg wurden schon vor einiger Zeit in Holland gefunden. "Eines davon hat man in Amsterdam beim Bau der U-Bahn entdeckt", sagt Best und lacht.
Darauf zu sehen ist eine junge Frau, die mehrere rundliche Gegenstände aus einem Tuch in einen Brunnen kippt. Die auf den ersten Blick unscheinbare Szene steckt voller Dramatik: Denn die Geschichte hinter dem Pilgerabzeichen entführt ins dunkelste Kapitel des Mittelalters - in die Zeit der Hexenverbrennungen.
Die auf dem Pilgerzeichen abgebildete Frau, die 1460 für Aufruhr in Blomberg sorgte, hieß Alheyd Pustekoke. Sie stahl 45 geweihte Hostien aus der dortigen Kirche und warf sie in einen Brunnen. Dieser Gottesfrevel sei mit der Höchststrafe geahndet worden, berichtet der LWL-Archäologe: "Alheyd Pustekoke endete als ’Hexe von Blomberg’ auf dem Scheiterhaufen."
Nach ihrem Tod sei der Brunnen "wundertätig" geworden. "Eine Kirche entstand an Ort und Stelle und das während der Soester Fehde zerstörte Blomberg verwandelte sich in einen Wallfahrtsort für zahlungskräftige Pilger."
Und einer von ihnen sei wohl aus Spenge gekommen, sagt Best und lacht. Sein Pilgerabzeichen hatten die LWL-Archäologen bei ihren Grabungen im Jahr 2009 auf dem noch erhaltenen Holzfußboden des Ur-Herrenhauses gefunden. Damit hatten sie auch einen Anhaltspunkt für die Datierung dieses Vorgängergebäudes. Da das Pilgerzeichen erst gegen 1460 ausgegeben wurde, habe der Vorgängerbau des Herrenhauses auch mindestens noch bis zu dieser Zeit gestanden, erklärt Best.
Nach 17 Jahren hat das Team der LWL-Archäologie für Westfalen seine Grabungen an der Werburg jetzt eingestellt: "In dieser Zeit haben wir tausende Funde zutage gefördert", sagt Best. Am Herrenhaus zum Beispiel entdeckten die Archäologen 2008/09 das größte Munitionsdepot Westfalens aus der Renaissancezeit. Mehr als 50 Kanonenkugeln und etwa 1.600 Armbrustbolzen förderten sie damals zutage. "Das war schon ein außergewöhnlicher Fund."
In der heute zugeschütteten Gräfte der einstigen Wasserburg stießen die Archäologen auf die größte Anzahl an Fundstücken. Der Wassergraben sei damals gewissermaßen die Mülldeponie der Werburg gewesen, erklärt Best. Sein Team entdeckte dort neben Kochtöpfen aus dem 18. Jahrhundert auch die Reste historischer Schuhe oder ein altes, aus kleinen Schiefertafeln bestehendes Notizbuch.
Selbst historische Küchenabfälle förderten die Archäologen ans Tageslicht. "Seither wissen wir, dass die ehemaligen Werburg-Bewohner Austern gegessen haben", sagt Best und blickt auf jahrhundertealte, noch gut erhaltene Muschel-Schalen.
Durch die Grabungen und die vielen tausend Fundstücke können die Archäologen heute nachvollziehen, wie sich die Werburg im Laufe der Jahrhunderte baulich verändert hat, wie sich die Menschen damals verteidigt, was sie gegessen und sogar wie sie ihre Räume beheizt haben. "Die Werburg ist heute die am besten erforschte kleine Adelsburg in Ostwestfalen." Dennoch blicke er auf das Ende der Grabungen auch mit einem weinenden Auge, sagt Best: "Denn viele Fragen bleiben offen."