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28.11.2012
Bielefeld
"Das war unsere Jugend und unsere Familie"
Der Bielefelder Kinderchor besteht seit 80 Jahren / Erinnerungen an die Gründerzeit
VON LEONIE MOLLS

Gute Stimmung | FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Bielefeld. 80 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Vieles hat sich seit 1932 verändert – aber auch nicht alles. "Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist noch das Gleiche wie damals", glaubt Karin Oberschelp (69), Frau des Leiters des Bielefelder Kinderchores Jürgen Oberschelp (74).

Der Chor, der jedes Jahr unzählige Menschen zum Weihnachtskonzert in die Oetker-Halle zieht, wurde 1932 gegründet. Eigentlich war es jedoch gar nicht die Absicht des Initiators Friedrich Oberschelp, einen Kinderchor ins Leben zu rufen. "Mein Vater sollte einen Stadtchor gründen", sagt Jürgen Oberschelp, seit 1971 Leiter des Chores. "Er gab Chor-Ausweise in Auftrag. Da der Drucker jedoch nicht wusste, wie der Chor heißen sollte, schrieb er eigenständig ,Bielefelder Kinderchor’." Ein Zufall also, der den ersten gemischten Kinderchor Deutschlands hervorbrachte.

Nur drei Jahre später, im Jahr 1935, traten Ursula Krüger (87), damals noch Ulla Temming, und Margarete Rugen (86), geborene Krause, dem Sängerkreis bei. "Unsere Musiklehrerin hatte uns das vorgeschlagen", so Rugen.

Im Jahr 1938 wurde auch Karl Heinrich Godejohann (84) Mitglied und erinnert sich noch gut an die Zeit. "Friedrich Oberschelp verlangte sehr viel", sagt er. "Er erwartete 100-prozentige Disziplin, ob als Mathelehrer oder im Chor." Doch das schränkte die Zuneigung der Mitglieder zu ihrem Chorleiter nicht ein. "Für viele Kinder war mein Schwiegervater in der Zeit, in der so viele Männer gefallen waren, eine Art Vaterersatz," sagt Karin Oberschelp.

Krüger, Rugen und Godejohann treffen sich heute noch und tauschen Erinnerungen aus. "Früher waren wir eine große Gruppe, haben Fahrten gemacht oder waren wandern", sagt Godejohann und fügt schmunzelnd hinzu: "Wir sind uns einig – wenn wir weniger als drei sind, geben wir auf."

Zu der Zeit, in der Krüger und Rugen schon Mitglied des bekannten Chores waren, wurde Hans Bunte geboren – im Jahr 1936. Er trat dem Chor 1948 bei. Inzwischen ist seine Familie in der dritten Generation in der Singgemeinschaft vertreten. "Mein ältester Sohn hat seine heutige Frau im Chor kennengelernt", sagt er. "Zwei meiner Enkeltöchter waren Mitglied, momentan singt das dritte Mädchen, die zehnjährige Sveja, mit."

Schnell geraten die vier bei einer Tasse Kaffee ins Schwärmen. Krüger und Rugen sangen bereits beim Weihnachtskonzert 1935 mit – damals schon in der Oetker-Halle. "Ich habe noch immer die Noten zu Liedern wie ,Der Weihnachtsmann stapft durch den Schnee’ oder ,Auf dem Berge da geht der Wind’", sagt Krüger. In Letzterem musste allerdings während der Kriegsjahre "Maria" durch "die Mutter" ersetzt werden, denn der Chor wurde – wie andere Vereine – in die Hitlerjugend eingegliedert. Auch die Kieler-Blusen wichen in dieser Zeit den HJ-Uniformen.Besonders gerne erinnern sich Krüger, Rugen und Godejohann an ihren vierwöchigen Konzertaufenthalt in Salzburg 1942. "Für uns war damals schon eine Fahrt nach Borgholzhausen eine Weltreise", so Godejohann. Damals war bereits der vierjährige Jürgen Oberschelp mit dabei und ärgerte die Sänger tüchtig.

Die anderen Ausflüge, etwa ins Ruhrgebiet oder ins Rheinland, rufen sie sich ebenfalls gern ins Gedächtnis. "Wir waren dann privat in Familien untergebracht", sagt Krüger. "Die Gastgeber haben sich immer gefreut." Und Godejohann scherzt: "Wir hatten ja auch den Ruf, gut erzogen zu sein." Überhaupt hätten sie stets nur nette Leute getroffen – auch an die Fahrer Onkel Jupp und Onkel Theo wird liebevoll erinnert.

Noch heute sind die Ausflüge und Reisen für den Chor etwas ganz Besonderes. In diesem Frühjahr reiste der Chor auf die Azoren. Ob Japan, die USA, Tschechien oder Ungarn – die Sänger des Kinderchores haben viel gesehen von der Welt, weiß Jürgen Oberschelp.

Und was war in all den Jahren sonst sein Highlight? "Das jährt sich gerade wieder", sagt er. "Das Weihnachtskonzert in der Oetker-Halle ist immer wieder ein Höhepunkt."

Ein Erlebnis in Bückeburg war für Krüger unvergesslich. "Friedrich Oberschelp probierte immer an verschiedenen Orten die Akustik aus, zum Beispiel in Bahnhofshallen." Einmal sei der Chor in einem Mausoleum gewesen. "Dort haben wir dann Mozarts ,Bald prangt der Morgen zu verkünden’ gesungen. Es entstand ein ganz warmer Klang – das bereitet mir heute noch eine Gänsehaut," sagt sie und zeigt ihre Arme. Sie war zu der Zeit nicht nur Chormitglied, sondern verbrachte ihr Pflichtjahr nach der Schule 1939/40 bei der Familie Oberschelp. "Wenn ich nicht wäre, könnte Jürgen Oberschelp heute nicht laufen", sagt sie lachend.

Bei der Probe des heutigen Chores lauschen die vier gespannt und fallen mitunter in den Gesang ein. "Das war unsere Familie, das war unsere Jugend", sagt Rugen. "Das war schön." Und die 87-jährige Ursula Krüger raunt: "Der Sound ist noch genau der Gleiche wie damals."



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