Die Polizei warnt vor dreisten Tätern / Gertrud B. (67) reagiert vorbildlich
Bielefeld. Sie lauern am Telefon und an der Haustür: Betrüger und Diebe. "Der Fantasie dieser Kriminellen sind keine Grenzen gesetzt", sagt Hans-Werner Christ von der Bielefelder Kripo. 2012 haben sie in Bielefeld verstärkt versucht, ältere Bürger – so wie Gertrud B. aus Gellershagen – zu täuschen und ihrer Ersparnisse zu berauben. Die 67-Jährige reagierte zum Glück vorbildlich.
"Tante Gertrud, hier ist deine Nichte", trällerte Anfang des Monats eine Frauenstimme durch den Telefonhörer bei der alleinstehenden Seniorin. Im ersten Moment sei sie erfreut gewesen, so B.. Doch Moment: "Ich habe ja gar keine Nichte", dachte sie. Ihr kriminalistisches Gespür übernahm die Kontrolle. Die 67-Jährige ging auf die Lügnerin ein: "Dorina bist Du das? Bist Du mit Deinem Baby in Bielefeld?", fragte sie. Die Anruferin ging sofort darauf ein, sprach plötzlich von einem Autokauf. B. sollte ihr 10.000 Euro leihen.
"Der typische Enkeltrick", berichtet Ermittler Michael Giezek vom Betrugskommissariat 13. Den Anschluss suchen die Täter im Ausland aus den Internet-Telefonbüchern. Sie suchen vor allem nach typischen Frauennamen der Generation Ü-70 – sie hoffen dabei besonders auf alleinstehende, ängstliche Opfer. Komplizen stünden dann vor Ort und sollen die finanzielle Hilfe für die Verwandten abholen. In diesem Fall ein angeblicher Autoverkäufer.
20 solcher Fälle wurden der Bielefelder Kripo 2012 gemeldet. Im Vorjahr waren es insgesamt 33. "Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich größer sein", betonte Christ. "Gerade die älteren Opfer schämen sich, dass ausgerechnet sie überlistet wurden." Polizeipräsidentin Katharina Giere unterstrich angesichts der vergleichsweise kleinen Fallzahlen: "Zum Glück werden nur sechs Prozent der Über-60-Jährigen Opfer solcher Delikte." Dabei stellen sie 28 Prozent der Bevölkerung. "Dafür ist aber die Furcht vor Kriminalität bei diesem Bevölkerungsteil deutlich größer."
Nicht so bei Gertrud B.: Je dreister die Anruferin log, desto mehr wollte die Gellershagenerin der Betrügerin das Handwerk legen. Sie ging auf das falsche Spiel ein. Doch offenbar wurde sie vor ihrem Haus bereits beobachtet. Wieder ein Anruf: "Warum gehst Du nicht zur Bank? Mit wem hast Du telefoniert?" Ihre Ausrede, dass sie mit der Bank telefoniert hätte, überzeugte die Täterin nicht. Mit den Worten, sie solle den Bullen einen schönen Gruß ausrichten, legte sie auf. "Ärgerlich, dass wir die nicht gefasst haben."
Nicht jedem könne die Polizei raten, auf das Spiel der Kriminellen einzugehen, so Christ. Im Vordergrund stehe der Schutz der potentiellen Opfer. Manche Opfer seien so überzeugt, ihrem Enkel oder ihrer Nichte helfen zu müssen, dass selbst Bankbeamte sie nicht davon abbringen können, ihr Erspartes herauszugeben, so Christ. 2011 verlor eine Rentnerin so 136.000 Euro.
Deshalb seien Hinweise der Bürger so wichtig. "Selbst wenn da nur ein verdächtiger Mann vorm Haus steht und sich komisch verhält, sollte man das melden", so der Präventions-Experte. "Haben Sie keine Scheu, den Notruf 110 zu wählen."
Das Kriminalkommissariat Opferschutz und Prävention bietet zu solchen und ähnlichen Themen kostenfreie Vorträge an. Infos und Anmeldung unter Tel. (05 21) 58 37 25 53.