Bielefeld. Pit Clausen ist Bielefelds Oberbürgermeister, er ist homosexuell und hat 2011 Thomas Sopp geheiratet – mit ihm sprach NW-Redakteur Kurt Ehmke.
Herr Clausen, dass Sie einen Mann zum Lebenspartner haben, geht niemanden etwas an – doch in Ihrer Rolle als Oberbürgermeister gilt dieser Satz nicht. Belastet Sie das?PIT CLAUSEN: Viele Menschen beobachten das besonders, aber das war mir, besser uns, vorher klar.
Belastet es Sie?CLAUSEN: Weniger, denn ich habe meine Strategie...
... die wie aussieht?CLAUSEN: Also, es gibt keinen Rezeptblock. Es gilt aber, erstens: Ich mache kein Geheimnis daraus. Zweitens: Ich trage aber auch kein Schild um den Hals. Drittens: Es gibt Grenzen, der private Raum ist bei mir nicht offen.
Keine Homestory mit Pit Clausen.CLAUSEN: Nein.
Sie haben Ihre, ich sage Hochzeit...CLAUSEN: Ja, ich auch, das ist der richtige Begriff.
...Ihre Hochzeit nach Südafrika verlagert, andererseits die Hochzeit dann in Bielefeld ein Stück weit auch öffentlich inszeniert, war beides der echte Pit Clausen?CLAUSEN: Letzteres stimmt nicht, ich habe nichts öffentlich inszeniert. Wir hatten im Herbst Lust zu heiraten, wollten nicht im Regen sondern in der Sonne heiraten und nicht auf den deutschen Sommer warten – und deshalb lag es nahe, im Dezember in Südafrika im schon länger geplanten Urlaub zu heiraten. Alles ohne Hintergedanke. Und danach haben wir es öffentlich gemacht, ohne jede Koketterie. Das war’s. Dann folgte, weil es uns wichtig war, im Mai der kirchliche Teil. Alles sehr angemessen, sehr schön.
Spüren Sie einen Spagat zwischen privater Verliebtheit und öffentlichem Interesse?CLAUSEN: Nein. Mein privates Liebesgefühl und Liebesleben ist das Eine und mein öffentliches Amt als Oberbürgermeister das Andere. Im Übrigen bin ich ja nicht nur schwul. Ich bin evangelisch, Sozialdemokrat, Gewerkschaftsmitglied, Arminiafan und auch noch Jurist. Ein Mensch besteht aus mehr als seiner sexuellen Orientierung. Als OB verfolge ich das Ziel, die Bielefelder Stadtgesellschaft hin zu Vielfalt und Modernität zu entwickeln.
Bietet eine öffentlich diskutierte homosexuelle Beziehung da auch Chancen?CLAUSEN: Wahrscheinlich schon, zumindest auf diesem Themenfeld. Da werden mir sicher Kompetenzen und Erfahrungen zugeschrieben, die mir eine gewisse Authentizität und auch Autorität verleihen. Mein Oberthema ist dabei die Vielfalt, nicht nur mit Blick auf die sexuelle Orientierung, sondern auch auf Menschen anderer Nationalität, anderen Glaubens, mit Behinderungen. Wie gehen wir mit diesen Themen um? Leben wir Respekt?
Als Sie geheiratet haben, berichtete die NW, und es wurde in Internetkommentaren deutlich, wie weit der Weg zur Normalität für Schwule noch ist: Sie wurden beschimpft und beleidigt.CLAUSEN: Intoleranz ist leider Realität, dem will ich begegnen. Jede Liebe verdient zumindest Respekt. Ich habe mich aber übrigens auch gewundert, was online alles so zugelassen wird. Ich denke, ein bestimmtes Niveau sollte eingehalten werden.
Wie nahe ist es Ihnen, sich so extrovertiert zu bekennen wie hier auf dem CSD?CLAUSEN: Nun, ich in meinem dunklen Anzug bin wohl nicht allzu extrovertiert, oder?
Gemeint ist das Umfeld.CLAUSEN: Klar, hier gibt es die Paradiesvögel und Unterszenen, die ich gar nicht kenne, aber es gibt auch sehr viele Leute in Jeans und T-Shirt, die sind auch ganz normal unterwegs in ihrem Beruf – nur stehen sie beim CSD nicht so im Fokus der Medien, der Öffentlichkeit, obwohl auch sie da sind. Der CSD ist auch ganz vielfältig, also leuchten Sie nicht nur die Paradiesvögel aus.
Wir sind gerade dabei.CLAUSEN: Das Akzente setzen gehört natürlich auch dazu, rüber kommen soll für mich eine Offenheit gegenüber Vielfalt – in Bielefeld leben 323.000 Menschen, das sind viele und jeder ist anders gleich.