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28.11.2012
Bielefeld
"Frauen sind authentischer"
INTERVIEW: Klaus-Peter Schöppner über den Wettstreit der Bundestagskandidatinnen

Erwartet "weichere" Themen im Wahlkampf | FOTO: BARBARA FRANKE

Bielefeld. Im Rennen um das Bielefelder Bundestagsmandat ergibt sich eine außergewöhnliche Konstellation: Vier große Parteien vertrauen für den Wahlkampf 2013 auf weibliche Kandidaten. Für die CDU will Lena Strothmann ihr Direktmandat verteidigen, die Grünen setzen auf Britta Haßelmanns Erfahrung. Mit Christina Kampmann wagt die SPD einen Neuanfang und auch die liberale Jasmin Wahl-Schwentker tritt erstmals an. Die Linke bestimmt ihren Kandidaten im Januar. Über den Wahlkampf des Kandidatinnen-Quartetts sprach NW-Redakteur Nico Buchholz mit Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner.

Herr Schöppner, warum schicken gleich vier große Parteien in Bielefeld weibliche Kandidaten ins Rennen?
KLAUS-PETER SCHÖPPNER: Es gibt einen Paradigmenwechsel in der Politik: weg von der männlichen Durchsetzungsfähigkeit, hin zu Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Die Bürger bekommen ein Gefühl, dass die Welt mittlerweile so komplex geworden ist, dass auch Politiker sie nicht mehr durchschauen. Der Politiker, der sich früher als kompetenter Macher gab, wie etwa Gerhard Schröder, ist nicht mehr glaubwürdig. Gewählt wird der Ehrliche, Einfühlsame.

Umfrage
Sind Frauen die besseren Politiker?




Also fühlen sich die Menschen mit Frauen sicherer?
SCHÖPPNER: Die Wähler fühlen sich erstmal bei dem Politiker besser aufgehoben, der nicht diese Ellenbogenmentalität an den Tag legt, sondern der deutlich macht: ,Ich weiß auch nicht immer alles, aber ich versuche, das Beste, möglicherweise überparteilich, zu erreichen’. Ellenbogenmentalität sind die Wähler absolut leid. Das führt dazu, dass ein weiblicher Politstil attraktiver ist. Die Deutschen, also auch die Bielefelder,  wollen eine Art weiblichen Politikverständnisses. Empathie, Wir - Gefühl, Kümmern.  Auch ein Mann könnte diesen Stil des Miteinander verkörpern.

Erwartet uns in Bielefeld also ein Kuschelwahlkampf?
SCHÖPPNER: Es gibt darüber interessante Untersuchungen: Demnach entscheiden Frauen viel stärker im Team, während Männer sich selbst eher in Szene setzen. Es kann also durchaus sein, dass wir diese Haltung, diesen Stil des Miteinander, auch im Bundestags-Wahlkampf in Bielefeld sehen.

Sie haben bei Männern von der "Macherrolle" gesprochen. Wie inszenieren sich Frauen in Wahlkämpfen?
SCHÖPPNER: Frauen suchen eine Gemeinschaft, auch über Parteigrenzen hinweg. Hannelore Kraft ist beispielsweise selten ganz allein aufgetreten, sondern mit der Grünen Sylvia Löhrmann. Die einzige Frau, die eher einen männlichen Politstil pflegt, ist Angela Merkel. Allerdings muss in Berlin und der Weltpolitik mit raueren Bandagen gefochten werden.Klischeehaft gefragt: Wird in einem Frauenwahlkampf mehr Wert auf Äußerlichkeiten gelegt?
SCHÖPPNER: Ich glaube nicht, dass Äußerlichkeiten eine große Rolle spielen. Sympathie muss als Grundvoraussetzungen natürlich vorhanden sein, aber es kommt eher auf Glaubwürdigkeit und Echtheit an. Auf das ‚So bin ich, dafür stehe ich’. Wer seine Person komplett verändert, geht einen Schritt in die falsche Richtung. Dann geht Authentizität verloren.
Schicken Parteien bewusst weibliche Kandidaten ins Rennen, um die Erfolgschance zu erhöhen?
SCHÖPPNER: Entscheidungen für eine Frau, weil sie eine Frau ist, sind selten. Eine Politikerin hat nicht deshalb einen Vorteil, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie die Leute besser mitnehmen kann. Sie ist authentischer, bodenständiger.

Werden wir auch weiblichere Wahlkampf-Themen erleben?
SCHÖPPNER: Der Wahlkampf wird wahrscheinlich durch ‚weichere‘ Themen geprägt sein. Familie, Pflege, Bildung, Soziales und Kultur rücken in den Fokus. Härtere Themen treten in den Hintergrund. Allerdings mit der Gefahr, dass in einer Wirtschaftsregion wie OWL Wirtschaftspolitik an Bedeutung verliert. Außer bei Lena Strothmann und vielleicht Jasmin Wahl-Schwentker spielt die Wirtschaftspolitik nicht gerade eine tragende Rolle. Das Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Themen ist wichtig. Man muss die Bürger mitnehmen, gleichzeitig aber auch beachten, dass wir in Ostwestfalen in einem Wettbewerb stehen.

Gibt es einen Grund, warum ausgerechnet in Bielefeld vier Frauen antreten?
SCHÖPPNER: Grundsätzlich sind Frauen in der Politik ein Phänomen, das stärker in Großstädten auftritt, zu denen Bielefeld ja zählt. Die Wahrscheinlichkeit dieser Konstellation ist etwa 1:250. Bei etwa 600 Wahlkreisen wird sie vermutlich auch in einer anderen Stadt vorkommen. Wenn man sich die Kandidaten anschaut, ist es hier jedoch eher Zufall. Britta Haßelmann ist ja eine gestandene Kandidatin. Die SPD wollte mit Christina Kampmann einen kompletten Neuanfang. Vermutlich hat sie das Vorbild Hannelore Kraft im Hinterkopf gehabt. Und bei Lena Strothmann gab es ohnehin keinen Gegenkandidaten.

Tendieren Männer dazu, Männer zu wählen und Frauen dazu, Frauen zu wählen?
SCHÖPPNER: Bei der Wahl macht das Geschlecht keinen Unterschied. In politischen Einstellungen gibt es kaum mehr Differenzierung zwischen Mann und Frau, auch nicht bei eigentlich weiblichen Themen wie Bildung oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Hat die Präsenz von Frauen als Kandidatinnen und in politischen Ämtern einen Einfluss auf die Gesellschaft?
SCHÖPPNER: Eindeutig ja! Die Jüngeren entdecken, dass Angela Merkel weltweit eine hohe Reputation genießt. Und auch die Bielefelder werden verwundert mitbekommen, dass diesmal nur Frauen auf den Wahlplakaten zu sehen sind. Das gibt zum Beispiel Mädchen Auftrieb und fördert deren Motivation, selbst forscher aufzutreten.



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