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15.11.2012
Senne/Gadderbaum
"Ein anstrengender Job"
Mamre-Patmos-Schüler macht Praktikum als Schäfer
VON DOREEN KOSCHNICK

Mehr als nur Lämmchen streicheln | FOTO: DOREEN KOSCHNICK

Senne/Gadderbaum. "Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung von diesem Beruf", sagt Schäfer Andreas Eisenbarth. Lennart Rosen nicht. Der geistig und körperlich beeinträchtigte Schüler der Berufsorientierungsstufe der Mamre-Patmos-Schule in Bethel weiß genau, was ihn bei seinem Praktikum als Schäfer erwartet. Er wurde durch die Schule gut vorbereitet und vom Integrationsamt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) und dem Projekt STAR "Schule trifft Arbeitswelt – Integration (schwer-)behinderter Jugendlicher" unterstützt und begleitet.

Noch immer seien die Vorstellungen vom Schäferleben romantisch geprägt. "Viele denken, das sei die pure Idylle, ein Traumjob, bei dem man den ganzen Tag Lämmchen streichelt und im Sonnenschein träumend auf der Wiese sitzt", sagt Andreas Eisenbarth, der als Schäfer einer Herde Coburger Fuchsschafe (mit derzeit rund 900 Mutterschafen und 130 Lämmern) für die Bethel-Schäferei (von Bodelschwinghsche Stiftungen) tätig ist. Die Realität sieht anders aus: "Ich kann keine Schönwetter-Schäferei bieten", sagt Eisenbarth und erklärt: "Der Schäfer-Beruf ist ein sehr harter und anstrengender Job. Die Tage sind lang, und in der Regel ist man bei jedem Wind und Wetter mit den Tieren draußen unterwegs." Doch genau das ist es, was Lennart Rosen an diesem Beruf reizt: "Ich möchte in der Natur arbeiten, mich im Freien bewegen, an der frischen Luft sein", sagt der 19-Jährige.

Drei Wochen lang hat der Schüler bei Andreas Eisenbarth ein Praktikum absolviert und dabei einen umfassenden Einblick in die vielseitige Arbeit des Schäfers bekommen. Zum ersten Mal kooperiert die Schäferei, deren Hauptstandbein neben der Lammfleischvermarktung vor allem die Landschaftspflege ist, wie Forstwirt Jörg Ermshausen erklärt, dabei jetzt mit Schülern mit Förderbedarf.

Bei der "vertieften Berufsorientierung mit dem Ziel der Integration" werden die Schüler bei ihrem Übergang von der Schule in den Beruf vom Integrationsfachdienst (IFD) begleitet. "Wir nehmen zum Beispiel Kontakt zu Betrieben auf, organisieren Gespräche und helfen bei der Organisation und Durchführung", erklärt Karola Walter vom IFD.

Bei Andreas Eisenbarth ist Lennart Rosen definitiv an der richtigen Adresse. Eisenbarth ist seit vielen Jahren mit Leib und Seele Schäfer, erklärt geduldig was zu tun ist und weiß, dass der Junge vor allem in der Theorie Lernschwierigkeiten hat. Allein sich den Namen der Rasse zu merken, ist für Lennart eine Herausforderung.

Doch Stück für Stück und vielleicht etwas langsamer als sonst bringt Eisenbarth ihm die Schafe und die Arbeit näher. Und Lennart entpuppt sich als zuverlässiger Helfer sowohl bei der Arbeit draußen als auch im Stall.

Bei Wind und Regen hat der Praktikant bewegliche Elektronetze als Zäune aufgestellt und die Schafe auf ihre neue Weide getrieben. Er hat den Stall ausgefegt und neu eingestreut, die Tiere gefüttert und vieles mehr.

Info

Chancen erhöhen

Das Projekt STAR ("Schule trifft Arbeitswelt") will die Chancen einer beruflichen Eingliederung für (schwer-)behinderte Schülerinnen und Schüler auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Bereits drei Jahre vor der Schulentlassung werden die Schüler durch Integrationsfachkräfte zum Beispiel bei der Suche nach einem Praktikumsplatz betreut. Zu den weiteren Modulen gehören unter anderem die Potentialanalyse und -förderung, Berufsfelderkundungen, Organisation, Durchführung, Auswertung von Praktika, Berufswegekonferenzen sowie der Auf- und Ausbau von Netzwerkstrukturen. (Dok)

      

Der Beruf erfordert allerdings auch vielfältiges Wissen: Ein Schäfer muss sich mit Themen wie Weidewirtschaft, Tiergesundheit, Fütterung und Haltung auskennen, mit den Hütehunden umgehen können und eine Menge handwerkliches Geschick besitzen.

Zum Träumen bleibt da keine Zeit. Dennoch hält der Alltag eines Schäfers auch viele schöne Momente bereit: Begeistert ist Lennart vom unmittelbaren Kontakt mit den Tieren. Er hat Flaschenlämmer aufgezogen und sogar eine Beziehung zu den scheuen Schäfchen entwickelt.

Klassenlehrerin Kerstin Flachmann, die ihre Schüler in der Berufsorientierungsstufe auf das spätere Arbeitsleben vorbereitet, freut sich über Lennarts Begeisterung.

"Bei Praktika in anderen Bereichen hatte er mehr Schwierigkeiten", sagt sie. "Dass Schäfer auch ein Ausbildungsberuf ist, wissen die Wenigsten", erklärt Eisenbarth. Jemand, der darin seine Berufung sieht, habe sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, denn in der Branche herrsche Nachwuchsmangel.

Auch wenn für Lennart eine Vollausbildung nicht in Betracht kommt (für Schüler mit Förderbedarf wird eine theoriereduzierte Ausbildung, an deren Ende meist ein Arbeitsvertrag in Helfertätigkeit steht, angeboten), hat ihm der Einblick in den Beruf sehr viel Spaß gemacht.



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