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06.11.2012
Bielefeld
Die Hooligans stellen sich
Prozessauftakt nach dem fast tödlichen Angriff auf Bremen-Fan: Hauptbeschuldigter sagt erstmals aus
VON JENS REICHENBACH

Blitzlichtgewitter im vollen Gerichtssaal | FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. Elf Angeklagte im Alter von 19 bis 23 Jahren, zwei Staatsanwälte, 14 Rechtsanwälte sowie viele Medienvertreter und Zuschauer verwandelten gestern den Gerichtssaal der Jugendkammer im Bielefelder Landgericht zu einem Großereignis. Es war der Prozessauftakt im Hooligan-Prozess. Acht der elf Angeklagten sagten bereits am ersten Verhandlungstag aus. Überraschend war dabei die Aussage von Philipp G., der wegen versuchten Mordes angeklagt ist.

Staatsanwalt Veit Walter wirft dem Malergesellen (20) aus Espelkamp vor, bei dem gemeinschaftlichen Überfall auf acht Werder-Bremen-Fans nach dem Arminia-Spiel am 5. Mai 2012 versucht zu haben, zwei seiner Opfer durch wuchtige Fußtritte gegen ihre Köpfe zu töten. Der 26-jährige Malte K. aus dem Kreis Lüneburg erlitt bei der Attacke ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und überlebte nur knapp. Tagelang lag er im Koma. Das zweite Opfer, dass dem Fußtritt G.s ausweichen konnte, saß gestern als Nebenkläger im Schwurgerichtssaal.

Seit seiner Festnahme hatte G. in Haft gesessen. Gestern sprach er erstmals über den hinterhältigen Überfall an der Jöllenbecker Straße: Als der Leopoldshöher (21) vor ihm aus seinem Versteck an der Wittekindstraße auf die Bremer Fans losgestürmt sei, so G., sei er hinterher. Malte K. lag bereits am Boden als er eintraf: "Der wollte sich gerade wieder aufrichten, da habe ich mich über ihn gebeugt und nachgeschlagen." Als er wieder am Boden lag, habe er auch noch mit dem rechten Fuß nachgetreten. "In den Lendenbereich oder den Magen", betonte der Espelkamper, der sich als Ultra bezeichnet, bei der Bielefelder "Lokal Crew" mitgelaufen und seit der Gründung Mitglied der "Jugend 1214" gewesen sei. An einen Kopftritt wollte er sich nicht erinnern und wies eine Tötungsabsicht von sich.

Dass er den zweiten Bremer ebenfalls niedergeschlagen hatte und anschließend mit voller Wucht in sein Gesicht treten wollte, verschwieg G. nicht. Das polizeiliche Beweisvideo lässt dem Vernehmen nach sowieso keine andere Deutung zu. Doch dieser Tritt streifte den zweiten Werder-Fan zum Glück und verletzte diesen nur leicht.

Starre Minik

Philipp G. sprach klar und ohne Verunsicherung. Seine Mimik blieb starr. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihn die Gewalt rund ums Stadion faszinierte. "Die Stärke und Kraft, die selbst eine kleine Gruppe entwickeln kann, hat mich begeistert", so der Angeklagte. Vor einem halben Jahr habe er auch in einer Lübbecker Sportschule begonnen, Kickboxen und Bodenkampf zu trainieren.Auslöser seiner Gewalt-Faszination sei eine Auswärtsfahrt nach Wolfsburg 2008 oder 2009 gewesen: Damals hatten auf dem Mindener Bahnhof 50 Arminia-Fans 400 Dortmundern gegenübergestanden. "Wir sind nicht geflüchtet, haben Stärke gezeigt. Ich habe seitdem Gewalt gesucht." Tatsächlich hatte G. erst eine Woche vor dem Werder-II-Spiel ein bundesweites Stadionverbot bis Juni 2015 erhalten. "Ich habe in Erfurt einen Polizisten getreten."

Bei dem Überfall in Bielefeld war "ich wie im Rausch, hatte einen Tunnelblick." Dem 20-Jährigen tue es nun "unendlich leid", dass er so ausgetickt sei. Doch genauso wie die Entschuldigungen der übrigen Angeklagten kamen sie nach Ansicht von Anwalt Jens Staedler zu spät. "Sechs Monate danach legt Malte darauf keinen Wert mehr."

Anwalt verliest Einlassung

Der zweite Haupttäter aus Leopoldshöhe (21), der als erster auf die Bremer Fans zugestürmt sein soll und mit der Faust zumindest Malte K., eventuell auch den zweiten Bremer niedergestreckt haben soll, ließ seine Einlassung von seinem Verteidiger Hans Geisler verlesen: "Ich bin davon ausgegangen, dass wir Ultras der Bremen Wanderers angreifen und die auch eine Auseinandersetzung wollten. Das Kräftemessen mit anderen Ultras war mir wichtig." Offenbar eine Verwechslung: Keiner der acht Bremer Fans hatte sich gewehrt oder die Faust erhoben. Der 21-Jährige aber habe mit der Faust zugeschlagen. Fan-Utensilien zu erbeuten war für ihn keine Motivation. "Der Vorfall hat mein Leben verändert", hieß es. Die U-Haft habe ihn beeindruckt, er habe kein Spiel mehr besucht und keinen Kontakt mehr zur Gruppe.

Die Aussagen der übrigen Angeklagten zeigten, dass nur noch ein dritter Beteiligter (23), der später dazukam, aktiv Gewalt ausübte. Die übrigen hätten geschockt und tatenlos das Geschehen beobachtet. Dennoch hatten sie sich zuvor verabredet, die Bremer zu überfallen. Weil die Gruppe aber offenbar mit unterschiedlichen Zielen (Schlägerei oder Raub von Fan-Utensilien) und ohne große Absprache losgezogen war, konnte das Gericht unter Vorsitz von Richter Carsten Nabel gestern nicht erhellen, wer den Plan geschmiedet hatte. Die beiden Haupttäter jedenfalls waren erst hinzugerufen worden.

Fotostrecken
Bielefeld: Werder-Fan von Bielefelder Hooligans lebensgefährlich verletzt
 
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